Credo

Ein totes Pferd und die Liebe

Viel Wahres über das wirkliche Leben vor Gott und den Heiligen sucht man für gewöhnlich in der Heiligen Schrift und den Evangelien. Manchmal findet man den Stoff für einen Neuanfang im Glauben aber auch in einem Computerspiel.
Weiße Araber Pferd
Foto: roxanne roblot bouvier/ Pixabay

Als mein geliebtes Pferd vom Zug erfasst wurde und auf den Bahngleisen verendete, war mein Wochenende gelaufen. Ich versuchte alles, um es wiederzubeleben, aber es war zwecklos. Der weiße Araber war ein tolles Pferd, das ich selbst gezähmt hatte. Doch nun war es tot. Enttäuscht schaltete ich den Computer aus und starrte minutenlang missmutig auf meinen Bildschirm.

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Ein virtuelles Pferd

Hatte ich vergessen zu erwähnen, dass mein Lieblingspferd nur in der virtuellen Welt existierte? Es ist zwei Jahre her, als ich mir Computerspiel „Red Dead Redemption 2“ gekauft hatte. Es erzählt die packende Geschichte von Arthur Morgan, der als Teil einer Gaunerbande im Wilden Westen allerhand Abenteuer erlebt. Ich hatte mir das Computerspiel geholt, um mir die Lockdowns etwas erträglicher zu gestalten und wenigstens für ein paar Stunden die Ungewissheit zu verdrängen, ob unsere Hochzeit stattfinden wird, die für den Frühling des Jahres 2020 geplant war. Das Spiel bot sich perfekt dafür an, in der riesigen, offenen Spielwelt konnte man herrlich umherstreifen und etwa Wildpferde fangen, wie jenen weißen Araber.

Doch auch die Spielfigur des Arthur Morgan ist mir ans Herz gewachsen. Zu Beginn ist er noch ein rücksichtsloser Räuber und Erpresser, der im Wilden Westen für das schnelle Geld sogar über Leichen geht. Doch im Laufe der Zeit ändert sich Vieles. Arthur wird lebensbedrohlich krank und trifft die Ordensschwester namens Sister Calderón wieder, die er zuvor kennengelernt hatte. Als sie im Spiel das erste Mal aufgetaucht war, spürte ich direkt meinen inneren Reflex, der sagte: „Bitte mach nichts Peinliches, liebe ehrwürdige Schwester!“ Wenn Kirchenvertreter in Computerspielen auftauchen, dann selten, um ein gutes Bild abzugeben. Doch bei „Red Dead Redemption 2“ war das anders.

Eine Nonne im Spiel

In der Szene begegnet Arthur der Nonne am Bahnsteig und erzählt von seiner Krankheit und den schier hoffnungslosen Versuchen, den Geistern der Vergangenheit zu entkommen. Dann wendet er seinen Kopf zur Seite und blickt Sister Calderón direkt an. „I? afraid“, sagt er schließlich, „ich habe Angst!“ „There is nothing to be afraid of, Mr. Morgan”, antwortet die Nonne, „Es gibt nichts, wovor Sie sich fürchten müssten.“ Dann sagt sie: „Take a gamble that love exists, and do a loving act – Lassen Sie sich auf das Risiko ein, dass Liebe existiert, und tun Sie eine Liebestat.“

Die Szene hat mich tief berührt. Noch heute schaue ich sie mir manchmal auf Youtube an. Ich hatte seitdem immer wieder Gespräche über „Red Dead Redemption 2“ mit Leuten, die den Glauben verloren hatten oder zumindest mit ihm haderten. „Die Nonne ist einfach lässig“, sagte mir ein Freund. Ein anderer erzählte von seiner Depressionserkrankung und seinem verzweifelten Kampf, dem eigenen Leben wieder einen Sinn zu geben. Das Spiel habe ihn aber zu einem besseren Menschen gemacht, meinte der Freund. Selbst kleine, gute Taten könnten einen Einfluss haben, wisse er nun. Ich lächelte. „Vielleicht hat Sister Calderón recht“, sagte er dann, „und ich sollte wirklich mal das Risiko eingehen, dass es Liebe wirklich gibt. Vielleicht lohnt es sich.“

Non abbiate paura!

Als wenige Wochen später die Kirchen während des Lockdowns wieder öffneten und ich den Kölner Dom betrat, blieb ich lange vor der Reliquie des heiligen Papstes Johannes Paul II. stehen. Dass mein Lieblingspferd gestorben war, hatte ich mittlerweile überwunden. Mein Blick blieb auf der Tafel über der Statue des Jahrhundertpapstes heften, auf der die wichtigste Botschaft von Johannes Paul II. in verschiedenen Sprachen abgefasst ist: „Habt keine Angst! Öffnet, ja reißt die Tore weit auf für Christus!“

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