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Beten, als ob es wirklich etwas bringt

Sind unsere Gebete nicht allzu oft wie ein beiläufig gemurmeltes Guten Morgen? Glauben wir tatsächlich daran, dass Gott unsere Gebete hört?
Scholastika
Foto: KNA | Beten als wenn es tatsächlich etwas bringt. Die Heilige Scholastika konnte es, weil sie die größere Liebe hatte.

Vor zwei Jahren saß ich mit meinen Brüdern am Rand eines Weinbergs und blickte auf die Lichter der Kleinstadt, die dort unten romantisch am Rhein lag. Es war ein Moment für die Ewigkeit. Wir waren bereits seit einigen Tage mit dem Rad unterwegs und hatten knapp 300 Kilometer zurückgelegt. Hier, mitten im Weinberg, schlugen wir unser Nachtquartier auf. Der Sternenhimmel war atemberaubend schön und wir saßen einfach nur da, als einer meiner Brüder dem Abend eine dramatische Wendung verpasste. Er war für unser „Begleitfahrzeug“ zuständig, nachdem er sich vor der Tour sein Schlüsselbein gebrochen hatte und deshalb nicht mitradeln konnte. „Ich glaube“, sagte er, als er vom Auto zurückkam, „wir haben ein Problem.“ Er hatte etwas aus dem Auto holen wollen und dabei seinen Schlüssel im Wageninneren abgelegt, als sich die Karre von innen selbst abschloss. Das Problem: Sein Schlüssel lag noch im Auto.

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Eine halbe Stunde

So standen wir bedröppelt da, weit nach Mitternacht auf einem Weinberg in der Pampa, weit entfernt vom Ersatzschlüssel, der zu Hause lag. Wie es ein glücklicher Zufall wollte, hatte mein Bruder das Dachfenster einen Spalt weit offengelassen. Mit einem morschen Stock stocherten wir nun bäuchlings auf dem Dach liegend durch den Spalt im Wageninneren herum und versuchten, die Tür von innen zu öffnen. Während ich mit einem zweiten Stock seitlich dagegen drückte, um den Stock in die richtige Position zu bringen, betete ich fieberhaft, dass der Herr uns beistehen möge.

Es dauerte eine halbe Stunde, der erste Stock zerbrach, ein zweiter wurde geholt und immer wieder schloss ich die Augen und flehte intensiv den Himmel um Hilfe an.
Als ich die Hoffnung schon aufgeben wollte, erklang plötzlich dieses wundervolle Klack-Geräusch – und die Tür öffnete sich. Wie ein siegreicher Feldherr streckte mein Bruder den Stock triumphierend in den Himmel und jubelte. Ich sackte in mich zusammen und blickte erschöpft meinen anderen Bruder an, der ebenfalls völlig fertig aussah und mir keuchend gestand: „Ich habe gerade gebetet wie ein Verrückter!“

Gebet - immer wieder

Ich bete oft. Nicht nur sonntags in der Messe, sondern täglich. Immer wieder schicke ich kleine und größere Stoßgebete zum Himmel oder zünde in Kirchen Kerzen an, um Gott auf diese Art meine Anliegen vorzutragen. Ich glaube fest an die Kraft des Gebets; und doch frage ich mich, warum ich nicht immer so inbrünstig bete wie damals, als wir in das Auto meines Bruders einbrechen mussten. Ist es nicht so, dass das Gebet häufig zu einer Gewohnheit wird (was ja grundsätzlich gut ist), eine schnell dahingemurmelte Formel, wie ein beiläufiges „Guten Morgen“, das man dem Bäcker zuwirft, bevor man seine Hände ausstreckt, um die Brötchentüte in Empfang zu nehmen?

Im Gebet können wir unseren Dank zum Ausdruck bringen, unsere Hoffnung, unsere Trauer, unsere Zweifel oder einfach mal wieder ein Schwätzchen mit Gott halten. Aber das Gebet ist auch Bitte und Fürbitte. Machen wir uns das immer bewusst? Glauben wir noch selbst daran, dass Gebet eine Wirkung hat? Damit meine ich nicht den psychologischen Effekt, der sich zweifelsohne ebenfalls einstellt, wenn wir uns meditativ mit uns selbst auseinandersetzen. Nein – glauben wir echt daran, dass kein Gebet ungehört im Raum verhallt, dass Gott uns hört?

Klar, das Gebet darf die eigene Tat nicht ersetzen, und es ist auch mehr als nur ein Mittel für Notsituationen, wenn sich beispielsweise der Bruder von seinem eigenen Auto aussperrt. Aber wenn wir das nächste Mal wieder das Gespräch mit Gott suchen, warum versuchen wir nicht, diesmal so zu beten, als ob alles davon abhängt, als ob es wirklich etwas bringt?

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