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Hoffnung gegen alle Hoffnung

Manchmal hat man das Gefühl, die Welt versinke im Chaos. Manchmal muss man eben gegen alles Dunkle denken. Nicht umsonst sagt die Schrift gerade zu Weihnachten: „Fürchtet euch nicht! – Freuet euch!“
Operl Astra
Foto: Patrick_Aviolat (Keystone/epa) | Die erste große Liebe vergisst man nicht. Selbst wenn es ein Opel Astra war.

Die erste Liebe vergisst man nie. So passiert es auch mir, dass ich – mittlerweile glücklich verheiratet mit einer wunderbaren Frau – hin und wieder nachts aufwache, weil ich von meiner ersten großen Liebe geträumt habe. Die Zeiten, die wir gemeinsam erlebt haben, schießen mir dann durch den Kopf, die Orte, an denen wir gemeinsam waren.
Minuten später sitze ich dann meist draußen auf dem Balkon, habe mir eine Decke übergeworfen und starre melancholisch in den Sternenhimmel.

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Ein Astra

Und während mir eine heiße Träne über das kalte Gesicht rollt, spüre ich es wieder, wie es war, die perfekt zugeschnittenen Einbuchtungen des Lenkrads in meiner Hand zu fühlen.
Ja, liebe Leser, ich denke noch immer an mein erstes, eigenes Auto zurück. Es war ein vogelschissweißer Opel Astra F, Baujahr 1996. Ich habe ihn von einer liebenswürdigen älteren Dame übernommen und habe mehrere 10 000 Kilometer draufgefahren. Schließlich fuhr mich dieses Auto 2020 sogar zum Traualtar, weil das eigentliche Brautauto – ein schicker Oldtimer – just an diesem Tag den Geist aufgab. Irgendwann kam dann dieser fette Steinschlag, der immer größer wurde. Mein Bruder, der sich berufsbedingt mit Autos auskennt, warnte mich: Es lohnt sich nicht, jetzt noch eine neue Scheibe einzusetzen. Verkaufe das Auto, solange es noch etwas wert ist.

Ewig soll er halten

Dann begann das Jahr 2021. Corona war noch immer nicht besiegt, die Welt versank weiter im Chaos und mein Auto bekam immer mehr Macken. Dann im Frühjahr die schreckliche Gewissheit: Mein Auto ist irreparabel, irgendwas mit dem Motor. Schweren Herzens musste ich mich von ihm trennen. Zu dumm nur, dass ich erst kürzlich nicht nur die Windschutzscheibe, sondern auch die Bremsen habe austauschen lassen. Ich unverbesserlicher Zweckoptimist dachte wirklich, das mit meinem Astra würde ewig halten!

Wenn es nun auf das Ende des Jahres zugeht, muss ich wieder daran denken. Wie hoffnungsvoll habe ich mich 2019 auf das Jahr 2020 gefreut und die ersten Nachrichten aus China von diesem seltsamen Virus ignoriert.

An Silvester 2020 war ich immer noch leicht optimistisch. Das Virus nervte zwar weiterhin, aber wenigstens hatte ich geheiratet und eine neue Windschutzscheibe sowie neue Bremsen. Und jetzt? Wie wird das neue Jahr werden? Die Gesellschaft ist gespaltener denn je, die Politik wird autoritärer, Freundschaften gehen in dieser Stimmung zu Bruch, die Kirche in Deutschland verliert weiter an Boden und mein Herzensverein spielt mittlerweile nur noch in der Zweiten Liga. Und außerdem ist mein geliebtes Auto weg. Wie soll ich da nach vorne schauen?
„Fürchtet Euch nicht“, ruft uns plötzlich die Heilige Schrift zu. Und: „Freut Euch!“

Auch der neue ist alt

Mich wühlen diese Worte auf. Wie vermessen ist es doch, sich unter diesen Bedingungen noch „freuen“ zu müssen! Trotzig ringe ich mit mir und dem Herrn, dass Er mir doch endlich Gründe geben soll, freudig in die Zukunft zu blicken. Doch von Ihm kommt nur: „Fürchte dich nicht!“ Und so versuche ich mich an das zu klammern, was den Glauben seit jeher ausmacht: Hoffnung gegen alle Hoffnung. Liebe gegen allen Hass. Glaube gegen alles Dunkel. So sehr ich mir an manchen Tagen wünschte, der Herr würde endlich ein für alle Mal Schluss machen und in Herrlichkeit wiederkommen, so sehr ist mir auch bewusst, dass niemand „den Tag und die Stunde kennt, wann der Herr wiederkommt“. In der Zwischenzeit gilt: Selbst, wenn es so scheint, es ist – Stand jetzt! – noch nicht das Ende.

Mein neues Auto verliert seit Neuestem übrigens Kühlwasser. Die Zylinderkopfdichtung könnte im Eimer sein, meint mein Bruder. Es könnte sehr teuer werden, sagt er, er weiß nicht, ob es sich überhaupt lohnt. Was also meinen Sie, liebe Leser: Soll ich trotzdem einen Termin in der Werkstatt machen? Wie auch immer, kommen Sie gut ins neue Jahr! Haben Sie keine Angst. Gott ist mit uns. Freuen Sie sich!

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Rudolf Gehrig Credo Weihnachten

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