Vatikanstadt

Um Aufklärung bemüht

Der Brief des Emeritus ist wohl das letzte Wort, das Papst Benedikt an die Opfer des Missbrauchs richtet. Aber seine Worte sollten auch die treuen Katholiken aufrichten. Ein Kommentar.
Benedikt XVI. und sein Privatsekretär, Erzbischof Gänswein
Foto: Lena Klimkeit (dpa) | Auch Katholiken lesen säkulare Zeitungen, hören „ihren“ Rundfunk und sehen Fernsehnachrichten. Bei vielen ist da etwas von dem Makel hängengeblieben, der sich über den deutschen Papst gelegt hatte.

Der Brief des emeritierten Papstes ist bewegend. Und der „Faktencheck“, den seine juristischen Berater als Anlage zum Benedikt-Schreiben verfasst haben, zeugt von Gewissenhaftigkeit. Namen werden genannt – auch die Namen derer, denen ein Versehen unterlaufen ist. Man spürt der Ausarbeitung der Juristen an, dass da noch viele Materialien im Hintergrund aufgearbeitet wurden, die man dann aus Gründen der schellen Lesbarkeit verdichtet hat. Den bewegenden Brief von Benedikt XVI. hat das Presseamt des Vatikans in mehreren Sprachen zur Verfügung gestellt. Auch auf Arabisch. Jeder merkt: Hier wurde gearbeitet – nicht um zu vertuschen, sondern um aufzuklären. 

Es geht nicht um die Leitmedien

Wird das all jene beeindrucken, die seit dem 20. Januar – dem Tag der Vorstellung des Münchener Missbrauchs-Gutachtens – keine martialischen und verletzenden Ausdrücke weggelassen zu haben, um dem emeritierten Papst das Prädikat „moralisch verwerflich“ umzuhängen? Die kommenden Tage werden es zeigen. Aber es geht nicht um die Leitmedien, um das, was „man“ denkt und was der Boulevard schreibt – auch wenn es gerade dem Heimatland des deutschen Papstes gut anstünde, Joseph Ratzinger / Benedikt XVI. ein ehrendes Gedächtnis zu bewahren. Es geht um andere.

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Da sind zunächst die Opfer der Missbrauchsverbrechen, die ihnen von Klerikern zugefügt wurden. Auf sie zielt das Schreiben des alten Papstes ab, nachdem er zunächst die Verwicklungen um das Versehen in seiner Stellungnahme angesprochen hat. Dieser Brief kann nichts mehr von dem wegnehmen, was Ratzinger / Papst Benedikt für die Bekämpfung des Missbrauchs in der Kirche getan hat – und auch nichts mehr hinzufügen. Aber die Opfer können an dem letzten Schreiben des Emeritus erkennen, dass er es ehrlich meint. „Ich habe in der katholischen Kirche große Verantwortung getragen“, schreibt Benedikt. „Umso größer ist mein Schmerz über die Vergehen und Fehler, die in meinen Amtszeiten und an den betreffenden Orten geschehen sind. Jeder einzelne Fall eines sexuellen Übergriffs ist furchtbar und nicht wieder gut zu machen. Die Opfer von sexuellem Missbrauch haben mein tiefes Mitgefühl und ich bedauere jeden einzelnen Fall.“ Es ist wohl das letzte Wort, dass der emeritierte Papst an die Opfer des Missbrauchs richtet.

Von Ratzingers Lebenswerk ist nichts wegzunehmen

Doch da sind auch die treuen, gutgläubigen und die – in einem stark säkularisierten Umfeld – tapferen Katholiken, die von den Vorgängen um Benedikt und das Münchener-Missbrauchs-Gutachten zutiefst verunsichert waren. Auch Katholiken lesen säkulare Zeitungen, hören „ihren“ Rundfunk und sehen Fernsehnachrichten. Bei vielen ist da etwas von dem Makel hängengeblieben, der sich über den deutschen Papst gelegt hatte. Die persönlichen Worte aus seiner Feder sollten jedem zeigen, dass auch in der Umgebung eines emeritierten Papstes Fehler geschehen können, aber vom Lebenswerk Joseph Ratzingers und Benedikts XVI. nichts wegzunehmen ist. 

Dass die Kirche in den deutschsprachigen Landen durch schwere Zeiten geht und weiter gehen wird, haben die Weichenstellungen des Synodalen Wegs am vergangenen Wochenende gezeigt. Jetzt hat man auch in Rom erkannt, was sich im Land der Reformation zusammenbraut. Gläubige, die dem Lehramt der Kirche und der katholischen Tradition verbunden sind, müssen sich wappnen und können sich nicht in den Winkel einer privaten Frömmigkeit zurückziehen. Da braucht es auch gute Argumente für das eine oder andere Gespräch, für den Rat, den man Suchenden gibt, für das, was die christliche Hoffnung begründet. Da werden Joseph Ratzinger und das Lehramt von Benedikt XVI. weiterhin ein wertvoller Ratgeber sein.

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