Vatikanstadt

Die Attacken auf Benedikt hatten andere Gründe

Joseph Ratzinger steht für eine Kirche, deren Maß die Offenbarung ist. Mit seinem Brief von heute lädt er die Gläubigen ein, dem Herrn der Geschichte treu zu bleiben.
Der emeritierte Papst Benedikt XVI.
Foto: Gregorio Borgia (AP) | Joseph Ratzinger ist jemand, an dem sich die Geister scheiden. Wenn er Widerspruch erfährt, dann nicht nur deswegen, weil er in seiner Amtsführung in München oder Rom dies oder das hätte besser machen können.

Es ist sehr wahrscheinlich der letzte Brief, mit dem sich der greise Emeritus an die Weltöffentlichkeit wendet. Heute erscheint im Vatikan eine Stellungnahme von Benedikt XVI. Sie war nötig geworden, das hatten auch seine engsten Berater und Freunde erkannt, um ein Missgeschick, ein Versehen zu erklären, wie es in einer angespannten Arbeitssituation nun einmal geschehen kann.

Beispiellose Hetzkampagne gegen den emeritierten Papst

Es ging um die An- oder Abwesenheit des damaligen Erzbischofs Joseph Ratzinger bei einer Ordinariatssitzung am 15. Januar 1980, bei der beschlossen wurde, einen Priester wegen seiner Therapie in der Erzdiözese München wohnen zu lassen. Ratzinger war dabei. In der Stellungnahme, die seine juristischen Mitarbeiter verfasst hatten, stand aber, er sei abwesend gewesen. In der Sache hatte das keine Bedeutung, denn während der Sitzung wurde nicht über die Verwendung des Priesters in der Seelsorge gesprochen. Aber für die Medien reichte das, eine beispiellose Hetzkampagne gegen den emeritierten Papst loszutreten. Auch viele gutgläubige Katholiken waren am Ende zutiefst verunsichert: Ist ihr Papst, der Benedikt aus Bayern, einer der lügt, vertuscht und täuscht?

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Weit und breit, lange auch unter den deutschen Bischöfen, war in der öffentlichen „Berichterstattung“ nicht der geringste Wille zu verspüren, den durch das Versehen in der Stellungnahme nicht gerade einfacher gewordenen Sachverhalt aufzuklären und zum Kern des Joseph Ratzinger betreffenden Teil des Münchener Gutachtens vorzustoßen: Dass die Akten nicht den geringsten Beweis dafür enthalten, dass vor über vierzig Jahren der damalige Erzbischof von München in Kenntnis der Sachlage einen Missbrauchstäter in der Seelsorge wirken ließ.

Wird der Brief des greisen Papstes ausreichen?

Ob der Brief des greisen Papstes und die Ausarbeitung der juristischen Berater, die als Anlage ebenso veröffentlicht wird, ausreichen werden, um das ganze Erbe, das die Kirche Joseph Ratzinger zu verdanken hat, wieder deutlich hervortreten zu lassen? Immerhin war Joseph Ratzinger der Mann an der Römischen Kurie, der in den entscheidenden Jahren um die Jahrtausendwende – damals hatten die Missbrauchsskandale in den Vereinigten Staaten die Weltkirche aufgeschreckt – das römische Steuer herumwarf und auf Aufklärung und Bestrafung der Täter drängte. Gegen die Widerstände im Vatikan. Und später als Papst hat Benedikt XVI. zu dem Grundübel, um das es eigentlich geht, den Verbrechen von Klerikern an Schutzbefohlenen, passende und treffende Worte – etwa in dem Brief an die Katholiken Irlands von 2010 – und auch angemessene Gesten gefunden: Er war der erste Papst, der auf seinen Reisen Opfer des Missbrauchs persönlich getroffen hat.

Doch Joseph Ratzinger ist jemand, an dem sich die Geister scheiden. Wenn er Widerspruch erfährt, dann nicht nur deswegen, weil er in seiner Amtsführung in München oder Rom dies oder das hätte besser machen können. Es geht um Grundsätzliches. Seit seiner Zeit als Theologe und Kardinal redet er einer Reform in der Kirche das Wort, die sich nicht in der Schaffung neuer Strukturen verläuft, sondern das Überflüssige entfernt, um das Wesentliche zum Vorschein kommen zu lassen.

In der Rolle des "Hüters des Glaubens"

Ratzinger gehörte nach dem Krieg und mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil zu einem Kreis moderner Theologen, die bei den Kirchenvätern, in der Heiligen Schrift und anhand der Zeugnisse aus apostolischer Zeit den Kern der christlichen Botschaft erneut freilegen wollten: die Selbstoffenbarung Gottes, den Einbruch des Ewigen in die irdische Zeit durch die Fleischwerdung des Wortes. Dass diese Geschichte, die mit Jesus Christus einen konkreten Leib, die Kirche, erhalten hat, ist für die progressistischen Theologenkreise ein Gräuel. Für sie sind die unterschiedlichen Formen der Selbstbestimmung im Einklang mit dieser Welt das oberste Gebot, ohne dass ein kirchliches Lehramt wertet und Richtungen weist.

Für dieses Lehramt aber steht Ratzinger. Er hat diese Rolle des „Hüters des Glaubens“ nicht gesucht, aber sie ist ihm zugefallen und er hat sie treu erfüllt. Wer auch immer diesen Glauben auf den Kopf stellen will, wird sich an Benedikt XVI. reiben und – das hat die Kampagne nach dem Münchener Gutachten gezeigt – versuchen, ihn mit allen Mitteln auszuschalten. 


Lesen Sie in Kürze den Brief des emeritierten Papstes, in dem er zu den Vorwürfen gegen seine Person Stellung nimmt, auf www.die-tagespost.de

 

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