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Essen: Mehr Missbrauchsfälle als bislang bekannt

Analyse zeigt mögliche Punkte zum Eingreifen auf. In der Vergangenheit wurde nicht konsequent genug gehandelt. Studie sieht keine Hinweise auf Tatverschleierung
Luftbild vom Essener Münster
Foto: imago stock&people | Luftbild vom Essener Münster - Das Bistum Essen stellte heute eine Studie zum sexuellen Missbrauch vor.

Das Ausmaß sexualisierter Gewalt im Bistum Essen war bereits durch frühere Erhebungen bekannt. 226 Betroffene haben sich inzwischen gemeldet. 120 von ihnen haben einen Antrag auf Anerkennung des Leids gestellt. Dreiviertel der Betroffenen sind männlich. Die meisten bekanntgewordenen Taten geschahen in den 1950er bis 1970er Jahren. Insgesamt sind seit 1958, dem Jahr der Gründung des Ruhrbistums, 423 Fälle von sexuellem Missbrauch gemeldet worden. 190 Täter wurden laut dem Gutachten beschuldigt. 19 davon wurden offenbar rehabilitiert. Die Hälfte von ihnen waren Diözesanpriester, 20 Prozent gehörten nicht dem Klerus an, aber auch Täterinnen sind bekannt. In 88 Prozent der Taten gab es kein kirchenrechtliches Verfahren. Wie in anderen Diözesen gab es auch Bistum Essen bis zum Jahr 2010 nur unzureichende Reaktion auf Verdachtsmomente. Gehandelt wurde zumeist durch die bereits bekannte Praxis der Versetzung der Beschuldigten in andere Dienststellen und Bistümer. Das führte dazu, dass Gefährdungskonstellationen über Jahre und Jahrzehnte bestehen bliebe.

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Am Anfang

„Wir stehen immer noch am Anfang“, bekannte der Essener Bischof Franz-Josef Overbeck beim Blick auf die in einer Pressekonferenz vorgestellten Ergebnisse einer Studie zur „Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen“. Man wolle ein lernendes Bistum bleiben. Dazu gehöre es, die Prävention zu intensivieren, die Kommunikation mit den Betroffenen zu verbessern und sich in vielen Bereichen professioneller aufzustellen. Im März 2020 hatte das vom Bistum Essen beauftragte Institut für Praxisforschung und Projektberatung (IPP) begonnen, sich mit der wissenschaftlichen Aufarbeitung sexualisierter Gewalt im Bistum Essen von 1958 bis heute zu befassen.

Die Studie, die auf der Basis bereits vorhandener Erkenntnisse der axis-Kanzlei, der Ergebnisse MHG-Studie und bistumseigenen Aktenrecherchen beruht, sollte vertiefte Einblicke darin verschaffen, wodurch sexualisierte Gewalt innerhalb des Bistums ermöglicht wurde. Die Studie schaut aber auch darauf, wo Aufdeckungen verhindert wurde und zieht Schlussfolgerungen für die präventiven Bemühungen des Bistums Essen. Helga Dill vom IPP und Malte Täubrich vom Partnerinstitut „Dissens“ präsentierten die Studie. Anders als in den juristisch geprägten Studien anderer Bistümer geht es hier nicht um die Zuschreibung von Verantwortlichkeiten oder Verschulden, sondern um strukturelle und systemische Erkenntnisse.

„Wir müssen auf die Geschichte des Ruhrbistums anders schauen als bisher“, bezog sich Generalvikar Klaus Pfeffer vor allem auf die Gründungszeit des Bistums. Die meisten Fälle des Missbrauchs seien in diese Zeit gefallen, in der Franz Kardinal Hengsbach Bischof von Essen war. Das Gutachten beschreibt, dass es damals keine festgeschriebenen Regeln für den Umgang mit sexualisierter Gewalt gegen Kinder und Jugendliche durch Kleriker gab. Allerdings ergäben sich aus den Interviews mit Zeitzeugen und Betroffenen sich keine Hinweise auf Tatverschleierungen oder aktiven Täterschutz durch Kardinal Hengsbach, die über das zeittypische Verhalten von Verantwortlichen in der katholischen Kirche hinausgehen würden. Im Hinblick auf seinen Nachfolger, Bischof Hubert Luthe stellt die Studie fest, dass er in einigen der sechs exemplarisch untersuchten Fälle durchaus Kenntnis von Taten oder Versetzungssituationen gehabt haben müsste.

 

 

Institutionelles Schuldgefühl

Für Bischof Felix Genn sei, trotz der zunehmenden Sensibilisierung unter anderem durch die Umsetzung der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz, der Umgang mit Betroffenen nach wie vor nicht das leitende Thema gewesen. Es werde auch deutlich, dass Genn sich nicht darum bemüht habe, sich über ehemalige Sexualstraftäter unter den Priestern im Bistum Essen zu informieren.

Die Studie lobt das konsequente Durchgreifen von Bischof Franz-Josef Overbeck, im Falle eines ehemaligen Offizials, der im Dezember 2009 beschuldigt worden, einen Teenager sexuell belästigt zu haben. Weist allerdings darauf hin, dass ein aktueller Fall aus dem Bistum zeige, dass es auch hier noch „Beharrungstendenzen“ gebe. In dem Fall des mehrfach verurteilten Missbrauchstäters aus dem Erzbistum Köln, der 2019 im Bistum Essen als Ruhestandsgeistlicher eingesetzt wurde, räumte Generalvikar Pfeffer ein: „Dass wir als Verantwortliche im Bischöflichen Generalvikariat das zugelassen haben, war ein schweres Versagen.“ Dennoch hat sich in den Jahren nach 2010 der Umgang mit beschuldigten Klerikern verändert, betonten die Präsentatoren der Studie.

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Man stelle seitdem ein hartes Durchgreifen fest. Das sei Ausdruck eines institutionellen Schuldgefühls, aber, wie der beschriebene aktuelle Fall zeige, nicht die grundlegende Haltung. Darüber hinaus fehle es bis heute an einem Konzept für den Umgang mit straffällig gewordenen Klerikern. Im Bezug auf Prävention, Intervention und Aufarbeitung lasse sich aktuell im Bistum Essen eine verbesserte Offenheit nach außen, durch die Einholung externer Expertise und eine Offenheit für neue Entwicklungen feststellen.

Exemplarische Fälle

Die Essener Studie hat neben der exemplarischen Analyse von sechs langjährigen Täterkarrieren und Hinweisen darauf, an welchen Stellen ein Eingreifen weitere Taten hätte verhüten können, auch Dynamiken in den betroffenen Pfarrgemeinden in den Blick genommen. Weiter hat sie den Umgang mit Sexualität und klerikaler Macht insbesondere mit Blick auf die Priesterausbildung untersucht.

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