Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Buchrezension

Wenn Gott wählt

Johannes Stöhr beleuchtet in seinem aktuellen Buch „Bestimmung und Berufung – Der Wille Gottes“,den christlichen Berufungsbegriff aus verschiedenen Perspektiven.
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Foto: A3482 epa AAP Dean Lewins (dpa) | Schrift, Tradition und die Texte der Heiligen sind Orientierungshilfen bei der Suche nach dem Willen Gottes.

Der Begriff „Berufung“ ist auch in unserer säkularen Gesellschaft noch geläufig. Berufung meint in diesem Kontext häufig eine innere Freude: Unabhängig von der Tätigkeit wird meist dann von Berufung oder Passion gesprochen, wenn einer für seinen Beruf glüht und einen überdurchschnittlichen Eifer an den Tag legt. Hingegen wird in kirchlichen Kreisen mit „Berufung“ meist der Ruf zum Priestertum oder Ordensleben verstanden. Dass der Berufungsbegriff im christlichen Kontext jedoch weit mehr meint als ein großes Wohlgefallen an einem Beruf auf der säkularen Seite und sich auch nicht auf die Berufung einiger Männer zum Priestertum auf der kirchlichen Seite beschränkt, zeigt Johannes Stöhr mit seinem aktuellen Buch „Bestimmung und Berufung – Der Wille Gottes“, welches 2021 im Patrimonium-Verlag erschienen ist, in klar strukturierter Weise auf.

Thematische Tiefe auf wenigen Seiten

Das Buch enthält eine sehr umfangreiche Aufstellung von Aussagen und Passagen über das Thema Berufung. Gelistet werden Texte der Heiligen Schrift, der Kirchenväter und von Theologen, neuzeitlichen Autoren sowie lehr- und hirtenamtlichen Schreiben, die das Thema der Berufung zum Gegenstand haben. Die darauf folgende ausführliche Auflistung der Bibel- und Autorentexte in chronologischer Reihenfolge sowie die alphabetische Auflistung der zitierten Autoren, Schriftzitate und Quellenverweise gibt der großen Sammlung einen schönen Überblick. Vorangestellt ist eine knappe, aber inhaltlich dichte Hinführung zum Thema Berufung des Autors.

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Stöhrs Hinführung beeindruckt durch die thematische Tiefe, die in wenigen Seiten erreicht wird. Durch die Behandlung der Frage, von wem Berufung eigentlich ausgeht, was das Wort im tieferen Sinne meint und wie der gläubige Mensch damit umgehen und sich verhalten kann, ermöglicht Stöhr in kürzester Zeit eine Durchdringung des Berufungsbegriffs.

Sprachlicher und exegetischer Feinsinn

Die Frage des Saulus in der Apostelgeschichte „Herr, was willst Du, das ich tun soll?“ ist hierbei sein Ausgangspunkt: Was ist der Wille Gottes für das eigene Leben und damit letztendlich der Lebenssinn eines Menschen, der sich als von Gott geliebt und mit einer bestimmten Aufgabe betraut erfährt? Mit beeindruckendem sprachlichen und exegetischen Feinsinn nähert sich der Dogmatiker Stöhr den Nuancen des christlichen Berufungsverständnisses und scheut sich dabei auch nicht, in großer Deutlichkeit Missverständnisse anzusprechen, die entweder aus Unwissenheit oder kirchenpolitischem Kalkül Einzug gehalten haben in den innerkirchlichen Sprachduktus.

Sowohl die Einordnung des Priester- als auch des Laienstandes in der katholischen Kirche in Deutschland, welche stark durch hauptamtliche Mitarbeiter und Gremien geprägt ist, lenkt den Blick zurück auf das biblische Berufungsverständnis. Trotz aller theologischer Feinheit und Tiefe schreibt Professor Stöhr jedoch nicht abstrakt-theoretisch über das Berufungsverständnis sondern gibt als Seelsorger und Priester gleichermaßen klare Leitlinien und direkte Impulse mit, wie ein Mensch, der auf der Suche nach seiner Berufung ist, sich mit diesem Thema auseinandersetzen kann.

Betrachtung von biblischen Berufungen aus neuer Perspektive

Das vertiefte Verständnis über das Wesen der Berufung hilft, konkret nach dem Willen Gottes für das eigene Leben zu suchen. So will Stöhr die Textstellensammlung zum Thema Berufung auch nicht als rein systematische Auflistung verstanden wissen, sondern die Texte für Katechesen, Gebet und Betrachtung empfehlen. Die Textsammlungen, die sich unter der thematischen Überschrift „Berufung“ finden, ermöglichen eine Betrachtung auch bekannter Texte aus einer interessanten neuen Perspektive.

Die ersten gesammelten Schriftstellen sind aus dem Alten Testament. Die Beauftragung, sprich Berufung von Menschen im Alten Testament, Gott zu dienen, zeigen anschaulich auf, in welcher Form der Ruf Gottes an Personen des Alten Bundes erging und wie dieser Ruf Gottes, bzw. die Antwort auf diesen Ruf, ihr Leben und Handeln konkret, meist in aller Radikalität veränderte. Die meisten Berufungsgeschichten des Alten Testamentes sind dem christlich sozialisierten Leser gut vertraut, erscheinen aber in einer Aufstellung nebeneinander, geordnet nach dem Berufungsthema, nochmal ganz neu.

Ist Berufung Determinismus?

Die Stellen im Neuen Testament verdeutlichen, besonders die Evangelien, in denen Jesus direkt in die Nachfolge ruft, zeigen schön die Kontinuität bei Berufungen von Menschen auf. Beim Lesen der neutestamentlichen Stellen im Anschluss an die alttestamentlichen wird der tiefe innere Zusammenhang vom Alten- und Neuen Testament sichtbar. Die Betrachtung der vielfältigen Berufungserlebnisse wirkt vor allem auch tröstlich, wenn man bedenkt, wie häufig die Berufung mit einem inneren Hadern, einer gewissen Angst, das Leben radikal verändern zu müssen, einhergeht, wie sehr aber gleichzeitig durch Gottes Hilfe immer wieder alles zum Guten gewendet wird; wenn der Mensch aus seinem Glauben heraus treu und folgsam auf diesen Ruf antwortet.

Die Sammlung der Kirchenväterzitate bringt eine ganz neue Perspektive und Fragestellung hinzu. Die Auswahl und Sprache der Texte können überfordern, sind aber zur akademischen Auseinandersetzung mit dem Berufungsthema hoch spannend. Im Vordergrund steht zum Beispiel immer wieder die Frage: Ist Berufung Determinismus – also etwas, was uns festlegt und singulär für einen bestimmten Weg vorherbestimmt? Oder ist Berufung etwas, was dem Menschen in Freiheit zur Entscheidung angetragen wird? Gerade die Kirchenväter vereinen das theologisch ausdifferenzierte Denken mit tiefgläubiger Betrachtung.

Berufungsbegriff in verschienenen Zeiten der Geschichte

In der Liste der neuzeitlichen Autoren befinden sich vor allem große Heilige: Teresa von Avila, Franz von Sales, der heilige Josefmaria Escrivá. Die lehr- und hirtenamtlichen Äußerungen helfen zu verstehen, wie der Berufungsbegriff in der jeweiligen Zeit gedeutet und verstanden wurde, wo die Akzente der jeweiligen Zeiten und Päpste lag und welche Elemente bleibend wichtig für die Berufung sind.

Die erste Auflage hätte eines Lektorats bedurft. „Error! Bookmark not defined“ ist leider häufig zu finden. Doch ganz gleich, ob zur persönlichen Betrachtung, aus akademisch-theologischem Interesse am Berufungsbegriff, oder zur Hilfe bei der Suche nach der eigenen Berufung: Die Lektüre lohnt sich.


Johannes Stöhr: Bestimmung und
Berufung. Der Wille Gottes.
Patrimonium Verlag, Aachen,
2021, kartoniert, 232 Seiten,
ISBN: 978-3864171499, EUR 24,80

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