Kirche

Elisabethinnen in Aachen: „Berufung ist Chefsache“

400 Jahre als Orden im Dienst für die Menschen: Die Elisabethinnen in Aachen haben Grund, zu feiern.
Schwester Johanna, Ordensschwester Elisabeth-Kloster Aachen
Foto: imago stock&people | Das Charisma der Elisabethinnen ist es, jedem , der anklopt, nicht nur ein offenes Ohr zu schenken, sondern ihn auch konkrete zu unterstützen, sagt Generalvikarin Schwester Joanna.

Die Geschichte unserer Gemeinschaft hat schon manches Tal durchlaufen. Unter den Franzosen, den Preußen oder den Nationalsozialisten gab es Zeiten, in denen man nicht gedacht hätte, dass unsere Gemeinschaft dies wunderbare Geburtstagsfest erleben könnte“, erläutert Schwester M. Johanna im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie ist die Generalvikarin und Ökonomin der Elisabethinnen. Kürzlich konnte der Orden zwei Tage lang mit vielen Gästen feiern und dabei auch auf die Gründungsgeschichte und den Weg von Mutter Apollonia zurückschauen.

Zufluchtsort für notleidende Pilger

Vor 400 Jahren übernahm Apollonia Radermecher die Leitung des Aachener Gasthausspitals. Sie entwickelte daraus ein modernes Krankenhaus und gewann neue Ordensschwestern für den Dienst an den Kranken. Mehr als 14 durften es nach dem Willen der Stadtoberen damals nicht sein. Die gute Arbeit der Schwestern sprach sich herum und so fanden sie ihre Einsatzorte erst in der Region, danach in der Donaumonarchie. So entstand ein Krankenpflegeorden, der sich über die ganzen deutsch-sprachigen Gebiete Europas verbreitete: die Elisabethinnen.

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Das Aachener Gasthaus am Radermarkt gab es bereits seit dem Jahre 1336. Es sollte den christlichen Grundgedanken verwirklichen, jedem Bedürftigen Obdach zu gewähren, und dies in unmittelbarer Nähe zur Münsterkirche Karls des Großen. Der Aachener Dom war damals eine der großen europäischen Pilgerstätten und zog viele Menschen auch aus der Ferne an. Im Gasthausspital fanden Kranke, Alte, Invalide, ausgesetzte Kinder und vor allem notleidende Pilger Aufnahme und Hilfe.

Für mehr Begeisterung für den Dienst an Armen

300 Jahre später hatte der 30-jährige Krieg die Situation massiv verändert. Die Anteilnahme an der Armut der Menschen und die Bereitschaft zur Hilfe gingen dramatisch zurück. Das wirkte sich auch auf den Umgang mit armen Kranken in den öffentlichen Hospitälern aus. Diese Probleme erkannte die aus einem wohlhabenden Elternhaus stammende Apollonia Rademecher. Sie fand ihre Berufung darin, eine neue Begeisterung für den Dienst an Armen zu entwickeln und eine verbesserte pflegerische Qualität zu etablieren. Aus dieser Berufung heraus übernahm sie am 13. August 1622 die Leitung des Aachener Gasthausspitals.

Heute gibt es 14 eigenständige Elisabethinnen-Gemeinschaften in sieben mitteleuropäischen Ländern mit etwa 300 Schwestern. Im Aachener Kloster leben 19 Elisabethinnen und eine weitere Schwester aus dem Konvent in Luxemburg. Sie sind zwischen 55 und 96 Jahren alt. Bis auf zwei von ihnen wirken alle in sozial-caritativen Arbeitsfeldern. Für die Schwestern der Gemeinschaft ist der soziale und pflegerische Dienst genauso Gottesdienst wie das Gebet. „Wir stehen mit den Füßen fest auf dem Boden und werfen unsere Sehnsucht in den Himmel. Dazwischen sind unsere Leben ausgespannt, voller Dynamik, weil wir geliebt sind von Gott, mit unseren Sinnen ausgerichtet auf Menschlichkeit“, erklärt Generaloberin Schwester Marianne Liebl.

Offenen Ohren und konkrete Unterstützung

Anpackende Hilfe steht bei den Elisabethinnen im Vordergrund. „Gastschwestern zu sein“, nennt Schwester M. Johanna dann auch als das stärkste Charisma der Gemeinschaft. In Aachen werden sie heute noch „die Gasthausschwestern“ genannt. „Für uns ist es wichtig, für die Menschen da zu sein, unsere Türen geöffnet zu haben, wenn Menschen uns in irgendeiner Art und Weise brauchen“, ergänzt die Generalvikarin. Vom Jakobspilger bis zum Obdachlosen, jeder findet bei den Elisabethinnen ein offenes Ohr und konkrete Unterstützung.

In ihrer Armenstube, nahe am Grab der Gründerin, helfen sie wohnungslosen Menschen aus Aachen. Bei dem Mittagstisch, den sie traditionell für Bedürftige anbieten, bewiesen sie in der Corona-Pandemie Kreativität und Einfallsreichtum. „In unseren Räumen konnten wir die vorgegebenen Abstände nicht einhalten. Da haben wir auf der Wiese unseres Mutterhauses ein Schützenzelt aufgestellt, sodass wir das Angebot auch unter den Pandemiebedingungen aufrechterhalten konnten“, berichtet die Schwester. Das passt zu der Philosophie der Gemeinschaft: „Wenn es im Haus zu klein wird, dann bauen wir halt aus.“

Ziemlich starke Berufung

Gegründet als Hospitalgemeinschaft mit einer Bindung an das Armenspital der Stadt Aachen, stand der Dienst am Nächsten von Beginn an im Zentrum. „In den ersten 250 Jahren gab es eine strenge Ortsbindung in Form eines Klausurordens, verbunden mit der Begrenzung auf 14 Schwestern“, erläutert die Generalvikarin. Ein gegen die Stadt gewonnener Prozess führte dann sowohl zur Aufhebung der strengen Klausur und eröffnete die Möglichkeit ab den 1850er Jahren abhängige Filialen der Gemeinschaft zu gründen. So konnten später die großen Aachener Krankenhäuser immer wieder auf die Schwestern des Ordens zurückgreifen. Zum Zeitpunkt der Entlassung durch die Nationalsozialisten waren 120 Elisabethinnen in der staatlichen Krankenpflege in Aachen eingesetzt.

In Anbetracht der noch immer großen Gemeinschaft findet Schwester M. Johanna dennoch nicht, dass ihr Orden etwas besser macht als andere. „Berufung ist Chefsache“, beschreibt sie humorvoll. „Wir können lediglich authentisch unterwegs sein, wie es aber auch die Gemeinschaften tun, die Nachwuchssorgen haben, obwohl sie ebenso mit Herzblut ihre Berufung leben.“ Die heutige Zeit bringe es mit sich, dass junge Frauen mehr Wahlmöglichkeit hätten, parallel dazu seien die Basis im Glauben und der Glaubensvollzug in vielen Teilen der Gesellschaft abhandengekommen. „Da braucht es schon manchmal eine ziemlich starke Berufung, um sich für ein Ordensleben zu entscheiden.“

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