Polen

„Es ist ein gutes Gefühl, zu helfen“

Ukrainische Flüchtlinge erleben in Polen eine große Hilfsbereitschaft – auch vonseiten der katholischen Pfadfinder. Zwei von ihnen, Ania Bondarczuk und Jêdrzej Sinicki, die für den Bezirk der Stadt Chelm unweit der Grenze zur Ukraine verantwortlich sind, geben Auskunft .
Engagierte katholische Pfadfinder mit Sachspenden für Flüchtlinge aus der Ukraine.
Foto: Natalia Sielecka | Ausgerüstet: Engagierte katholische Pfadfinder mit Sachspenden für Flüchtlinge aus der Ukraine.

Sie engagieren sich als katholische Pfadfinder in der Flüchtlingshilfe. Wie begann dieser Dienst?

Das Dienen ist ein wichtiger Bestandteil des Lebens als Pfadfinder, deshalb haben wir nicht lange auf die Gelegenheit gewartet, sondern vom ersten Moment an, als der Krieg in der Ukraine begann, darüber nachgedacht, wie wir helfen können und was in unserer Umgebung benötigt wird. Die Pflicht, anderen zu dienen und zu helfen, war in diesem Fall allzu deutlich, kommen wir doch aus der Stadt Chelm, die sich nur 30 Kilometer von der ukrainischen Grenze befindet. Von einem Priester aus unserer Gruppe erfuhren wir, dass es notwendig sei, beim Aufbau eines Zentrums für ukrainische Flüchtlinge zu helfen. Und so ging es los. Derzeit koordinieren wir die Reinigungs- und Lagerarbeiten in dem Zentrum, das hauptsächlich von älteren Menschen und Frauen mit Kindern besucht wird. Sie erhalten Hilfe, Verpflegung und Unterkunft und können sich nach einer langen, manchmal sogar mehrtägigen Wartezeit an der Grenze ausruhen.

Wie sieht der Dienst konkret aus?

Wir wurden mit der Koordinierung der gesamten Lagerung und Ordnung im Flüchtlingszentrum betraut. Zu unseren Aufgaben gehören das Sortieren von Sachspenden (Kleidung, Lebensmittel, Hygieneartikel), das Entladen von Spenden-Transportern und die Arbeit im Lager, die Mitarbeit in der Küche, das Bettenmachen, das Spielen mit den Kindern, das Abholen von Familien an der Grenze und das Begleiten von Autos von der Grenze zum Zentrum. Außerdem sprechen wir mit Ukrainern, die durch die ganze Situation verwirrt sind und Unterstützung oder Hilfe brauchen. Wir helfen ihnen bei Übersetzungsproblemen und bei dem ganzen bürokratischen Papierkram.

Wie viele Pfadfinderinnen und Pfadfinder sind an dem Dienst beteiligt? Wie organisieren Sie deren Teilnahme? Wie alt sind sie?

Es gibt eine Menge Arbeit, aber wir sind nicht allein – die Pfadfinder kommen aus ganz Polen zu uns! Wir können auf die Hilfe unserer Pfadfinderbrüder und -schwestern zählen. Vergangene Woche waren 30 Personen aus Warschau, Garwolin, Radom, Schlesien und Lublin hier, die uns für ein paar Stunden oder Tage geholfen haben. Die meisten von ihnen sind über 17 Jahre alt, manchmal laden wir auch jüngere Pfadfinder aus Chelm ein, aber wir versuchen sicherzustellen, dass sie von Erwachsenen begleitet werden.

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Was ist Ihre Motivation für diesen Dienst?

Wenn wir die Menschen sehen, die zu uns kommen, und wie sehr sie Hilfe benötigen, dann motiviert uns das, zu helfen. Wir sehen auch die konkreten Auswirkungen unseres Handelns. Es ist ein gutes Gefühl, zu helfen und jemandem ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern, was in dieser schwierigen Zeit nicht oft der Fall ist. Darüber hinaus gibt es eine große Dankbarkeit für einfache Dinge wie eine warme Mahlzeit, Tee oder ein Geschenk für die Kinder.

Welche Rolle spielt bei diesem Dienst der Glaube?

Der Glaube ist bei den Pfadfindern von grundlegender Bedeutung. Es scheint uns, dass wir durch unsere Erziehung zu den fünf Zielen der Pfadfinderei (Gott, Gesundheit, Charakter, praktischer Nutzen, Dienst) motiviert wurden, diesen Dienst zu tun, weil es uns immer gelehrt wurde, denen zu helfen, die Hilfe brauchen.

Haben Sie Angst, dass der Konflikt nach Polen kommt?

Was auch immer geschieht, wir werden uns von dem Pfadfindergesetz und den Grundprinzipien leiten lassen, zu denen die Liebe und Treue zu unserem Heimatland sowie der Aufbau von Brüderlichkeit und Einheit in Europa gehören.

Können Sie eine Anekdote erzählen, eine kleine Geschichte, die Sie in den vergangenen Tagen erlebt haben?

Wir haben den Eindruck, dass es in letzter Zeit viele berührende Momente gegeben hat. Für einen unserer Pfadfinder erlebte einen sehr traurigen Moment, als ein Transport mit behinderten Menschen am Bahnhof ankam. Ein anderer war Zeuge des Moments, als drei Frauen, die mit ihren Kindern in unser Zentrum gekommen waren und sich zu diesem Zeitpunkt nicht kannten, sehr freundlich miteinander umgingen. Zwei von ihnen wollten nach Poznañ fahren, die dritte nach Przemyœl (zwei Orte, die weit auseinanderliegen). Als sie erfuhren, dass der Transport nach Poznañ früher fahren würde als der nach Przemyœl und sie sich trennen müssten, weinten sie und wollten nicht fahren, weil sie Angst hatten, dass ihre Freundin, die sehr verängstigt war, es nicht alleine schaffen würde.

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