Jakobsweg

„Wenn ich auf dem Weg bin, habe ich ein Leuchten in den Augen“

Der "Camino" im Aufwind: Rückblick auf das auslaufende Jahr und Hoffnung auf mehr Pilger, die sich schon ankündigen.
Es sind wieder Jakobspilger unterwegs
Foto: Andreas Drouve | Es sind wieder Jakobspilger unterwegs, hier in der spanischen Hochebene bei Hontanas.

Die Tendenz geht steil nach oben. In der Corona-Krise deutet alles darauf hin, dass der Jakobsweg die Kurve gekriegt hat. Auf die Wiederbelebung des Pilgerwesens in diesem heiligen Jakobusjahr könnte 2022 ein neuerliches Rekordjahr folgen. Oft zog sich die Warteschlange vom Haupteingang, dem Südportal, bis zum östlichen Vorplatz der Kathedrale von Santiago de Compostela. Nahm man im auslaufenden Pilgerjahr den Andrang zur Zwölf-Uhr-Mittagsmesse als Maßstab, darf einem um Gegenwart und Zukunft des katholischen Lebens nicht bange sein. Viele, die anstanden, mussten letztlich draußen bleiben.

Der Vollständigkeit halber sei ergänzt, dass die Kapazitäten im Dom coronabedingt beschränkt und unter den Wartenden auch rein kulturinteressierte Besucher waren. Doch der Zulauf hat signalisiert: Es geht wieder aufwärts mit dem Pilgerziel Santiago. Sogar organisierte Kultur- und Wanderreisen auf dem Jakobsweg sind wieder angelaufen, darunter vom Busveranstalter Hauser Reisen aus Rottweil – obgleich die beiden Herbstreisen mit 18 oder 13 Teilnehmern dürftig besetzt waren. Doch der Neuanfang ist gemacht. Hauser knüpft 2022 mit zwei Frühjahrsreisen an, auch andere Veranstalter schöpfen Mut.

„‚Es wurde gepupst, gerülpst, geschnarcht.‘
Da mag man ergänzen: Alles wie vor Corona, irgendwie beruhigend.“

Die Zahlen aus dem Pilgerbüro aus Santiago belegen die Wiederaufbruchsstimmung, die unter Pilgern herrscht. Nach dem Krisenjahr 2020, in dem der Jakobsweg über drei Monate lang gesperrt war und lediglich 54 143 Pilger ihre Urkunde in Empfang nahmen, waren es 2021 bis November 159 202 Ankömmlinge. Vorausgesetzt, sie konnten per Stempeln im Pilgerpass nachweisen, mindestens die letzten 100 Kilometer bis Santiago zu Fuß oder die letzten 200 Kilometer per Rad zurückgelegt zu haben. Dies freilich unter erschwerten Bedingungen. Bis weit in dieses Jahr hinein herrschte in Spanien eine Maskenpflicht im Freien, offiziell sogar auf freiem Feld und in dichtem Wald. Manche Pilgerherbergen blieben geschlossen, bei den geöffneten Übernachtungsstätten gab es Maximalgrenzen. Zudem hat sich mittlerweile die Praxis der Reservierungen verbreitet.

Wer es, wie vor Corona, auf gut Glück versucht, hat manchmal kein Glück mehr. Pilger Jochen, ein Bänker aus dem Süddeutschen, der seinen Nachnamen bei der Begegnung im Dorf Hontanas nicht nennen wollte, gelobte unterwegs, nicht mehr in Herbergen zu schlafen. „Ich habe nichts gegen einfach und spartanisch – aber gegen rücksichtslos“, ereiferte er sich. Im Pyrenäenkloster Roncesvalles sei es noch gut gewesen, „Bettruhe und Licht aus um 22 Uhr, am Morgen mit spirituellen Gesängen vom Band geweckt“. Doch fortan sei die Rücksichtslosigkeit von Mitpilgern immens gewesen: „Manche hingen bis nach Mitternacht am Handy und andere ab vier, halb fünf morgens.“ Darüber hinaus war ihm ein zu zwei Dritteln belegter Dreißiger-Schlafsaal unter Corona-Bedingungen „sehr voll“ vorgekommen, erfüllt von Lärm aus jedweden Körperöffnungen: „Es wurde gepupst, gerülpst, geschnarcht.” Da mag man ergänzen: Alles wie vor Corona, irgendwie beruhigend.

Hoffnung: Die Pilgersaison wird länger

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Hochbetrieb herrschte im laufenden Jahr vor allem im August mit 43 579 Ankömmlingen, umrahmt von Juli (33 963) und September (37 464). Die Zahl für Oktober war mit 23 785 noch erstaunlich hoch, und selbst Anfang November führte die Webseite des Pilgerbüros bis zu 435 eingetroffene Pilger pro Tag auf. Das entsprach der Hoffnung mancher Herbergsbetreiber, die Pilgersaison möge sich weiter verlängern.

Die Beobachtungen unterwegs in diesem Jahr waren sehr unterschiedlich: viel los auf den letzten 115 Kilometern von Sarria nach Santiago (vor allem wegen jener, die die Urkunde ergattern wollten), während Dörfer in Navarra, der Rioja und Kastilien-León regelrecht ausgestorben wirkten. Die Zahl der Langzeitpilger hinkte deutlicher als sonst hinterher. Besuchsklassiker wie die Kathedrale von Santo Domingo de la Calzada mit dem Hühnerstall waren frei von Andrang – was vielleicht auch am gestiegenen Eintrittspreis lag, den die Corona-Krise mit sich gebracht hatte.

Derzeit gibt es nur säuerlichen Wein 

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Die Erhöhung von fünf auf sieben Euro entsprach einem Anstieg um fast die Hälfte. Fast verwaist war ein verstecktes Kulturziel wie der separat stehende Kathedralturm von Santo Domingo de la Calzada, der im Innern ein Museum mit historischen Uhren beherbergt und den Aufstieg mit einem Panoramablick belohnt. Im fantastischen Dommuseum in León, das Prozessionskreuze und Elfenbeinschnitzereien ebenso zeigt wie eine Sammlung romanischer und gotischer Marienskulpturen, verlor sich kaum eine Pilgerseele.

Ebenfalls auffällig: einige verlorene Masken auf dem Weg, aber erfreulich wenig Unrat. Sogar um das Eisenkreuz „Cruz de Ferro“ auf dem höchsten Punkt des Jakobswegs sah es gepflegt aus – während in Vergangenheit manche Pilger dort despektierlich ausrangierte Socken und Shirts abgelegt hatten. Ebenso auffällig, und zwar olfaktorisch wie geschmacklich, war, dass aus der bekannten Weinquelle bei Estella nur noch säuerlicher Wein floss – der schien durch zuvor ausgebliebene Pilger zu lange gelagert zu haben. Enttäuschend für viele in der Kathedrale von Santiago: Der Weihrauchwerfer wurde im heiligen Jakobusjahr kaum mehr geschwungen, da der örtliche Klerus nur noch „auf Bestellung“ arbeitet und dafür 400 Euro kassiert.

Die Sehnsucht nach dem Pilgern hat sich aufgestaut

Bleibt die Frage: Wo geht die Reise 2022 hin, das von Papst Franziskus ebenfalls als heiliges Jakobusjahr deklariert worden ist? Nach der Corona-Zäsur und dem jetzigen Erholungsjahr prognostizieren Kenner ein neues Rekordjahr. Das bisherige war 2019 mit 347 578 Ankömmlingen. Dann könnte der Jakobsweg aufs Neue Gefahr laufen, unter manchen Pilgern als Lifestyle-Event missverstanden zu werden: um mitreden zu können, seine Posts ins Internet zu hängen. Befremdlich ist es, wenn man durch den einst verfallenen Pilgerort Foncebadón kommt – und plötzlich poppige Musik über Lautsprecher erklingt und ein Kneipenschild den Mojito-Cocktail für fünf Euro ankündigt. Muss das sein am Jakobsweg? Will man das wirklich? Spricht man damit Zielgruppen an, die sich gar nicht mit dem Kern des Pilgerns identifizieren? Andererseits könnten selbst Lifestyle-Pilger in Zukunft viel geerdeter durchs Leben gehen, vielleicht sogar den Weg zurück zum Glauben finden, zur Kultur.

Neue Rekordmarken, neuer Pilgerkommerz? Die Zukunft wird es zeigen, nicht zuletzt abhängig davon, inwieweit sich 2022 definitiv die Schleusen für Pilger aus Nord- und Südamerika und asiatischen Ländern öffnen. Fest steht, dass sich die Sehnsucht nach dem Jakobsweg aufgestaut hat, dass Nachholbedarf herrscht. Die Intensität des Erlebens dürfte sich unter vielen Jakobspilgern steigern: bestimmt von Glaube, Hoffnung, Trost, einer neuen Freiheitsliebe. So oder so werden sich viele fühlen wie die Spanierin Isabel Brana, 72, die lange als Hilfskrankenschwester in der Schweiz gearbeitet hatte. Als Rentnerin wollte sie einmal den Jakobsweg gehen. Daraus sind mittlerweile elf Pilgerschaften geworden, die letzte im September zusammen mit ihrem Kumpel Miguel Díaz, einem Bergmann. Isabel Brana sagt: „Wenn ich auf dem Weg bin, habe ich ein Leuchten in den Augen.“

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