Kommentar um "5 vor 12"

Schweigen versus Opferschutz

Die Enthüllungen um den Missbrauchstäter und ehemaligen französischen Bischof Santier zeigen: Durch Schweigen vermeidet man keinen Skandal, man schafft ihn.
Emeritierter Bischof Michel Santier
Foto: Artur Widak (www.imago-images.de) | Kurz nach der Enthüllung der Taten und der kanonischen Verurteilung von Santier meldeten sich mindestens fünf weitere Betroffene des emeritierten Bischofs.

Es hätte ein Bilderbuch-Beispiel für den Umgang mit Missbrauch in der Kirche werden können. 2019 melden sich zwei Betroffene, der mutmaßliche Täter wird unmittelbar mit seinen Taten konfrontiert, der Fall nach Rom gemeldet. Es erfolgt der Rücktritt des Täters als Diözesanbischof, sowie kanonische Sanktionen. Nur dass man dann wohl irgendwie versäumt hat, die Öffentlichkeit von alldem zu unterrichten.

Genauso lief es im Fall des emeritierten Bischofs vom französischen Créteil bei Paris, Michel Santier. Aber warum auch ständig jedes noch so kleine Detail der schmutzigen Wäsche ans Licht zerren, mag sich manch einer fragen, der es leid ist, seine Kirche in Zusammenhang mit Missbrauch in den Schlagzeilen zu sehen. Reicht es nicht, dass der Täter entsprechend sanktioniert wurde? Eine verständliche Reaktion, doch die Antwort ist ganz einfach: Den Mantel des Schweigens über die Geschehnisse breiten lässt sich unmöglich mit dem Schutz der Betroffenen vereinbaren. Auch diese Tatsache lässt sich bilderbuchmäßig am vorliegenden Fall beweisen. Kurz nach der Enthüllung der Taten und der kanonischen Verurteilung von Santier meldeten sich mindestens fünf weitere Betroffene des emeritierten Bischofs. 

In Frankreich weckt der Fall übelste Erinnerungen

Sämtliche bischöfliche Beteuerungen, die Priorität gelte den Opfern, klingen vor diesem Hintergrund fadenscheinig. „Wir müssen allen Missbrauchsopfern, die ihr Schweigen brechen, wirklich helfen und sie unterstützen. Ihr Wort hilft der Kirche“, beteuerte Santiers Nachfolger auf dem Bischofsstuhl von Créteil, Dominique Blanchet. Nur Tage später kam heraus, dass er selbst trotz des Wissens um die Sanktionen gegen Santier diesen im April 2022 in Anwesenheit aller Priester des Bistums die vorösterliche Chrisammesse hat konzelebrieren lassen. 

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In Frankreich weckt der Fall Santier übelste Erinnerungen. Auch Thomas Philippe, Mitgründer der „Arche“, und sein Bruder Marie-Dominique Philippe, beide Priester, sind bereits in den 50er Jahren wegen sexuellen Missbrauchs von Frauen mit kanonischen Sanktionen belegt worden. Da die Maßnahmen nie an die Öffentlichkeit drangen, hinderten sie sie auch nicht, weiter ihr Unwesen zu treiben. 

Für die Taten Santiers an jungen volljährigen Männern hat sich übrigens der Begriff der „Striptease-Beichte“ eingebürgert. Wie die Realität auch die ausgelassenste Fantasie immer wieder alt aussehen lässt. Seine bisher bekannten Opfer stammen aus seiner Zeit als Priester im Bistum Coutances. Viele Jahre später wurde er Bischof, zunächst von Luçon, dann von Créteil. Es verwundert daher nicht, dass der Fall erneut Fragen in Bezug auf die Auswahl von Bischofskandidaten aufwirft.

Völlige Hilflosigkeit im Umgang mit Altfällen

Die unglaubliche Trägheit der französischen Bischofskonferenz in Bezug auf die Enthüllungen – erst eine Woche nach Veröffentlichung des Falls erfolgt eine Mitteilung ihres Vorsitzenden – zeigt eindrücklich ihre völlige Hilflosigkeit im Umgang mit Altfällen. Hier bräuchten die Bischöfe unbedingt professionelle Hilfe. Wobei auch ihn ganz von allein mittlerweile klar sein müsste, dass man durch Schweigen keinen Skandal vermeidet. Man schafft ihn.

Dass diese Einsicht auch mit Geld nicht zu kaufen ist, zeigt die kirchensteuergesättigte Kirche in Deutschland. Beispielhaft sei Bischof Bode und seine Reaktion auf den Missbrauchsbericht im Bistum Osnabrück genannt.

Aus einem kurzen Vergleich Deutschland-Frankreich ergeben sich interessante Einsichten: Das Interesse am Fall Santier ist außerhalb der katholischen „Bubble“ in Frankreich relativ gering. Dies mag auch daran liegen, dass mit Kardinal Barbarin der Sündenbock bereits in die Wüste getrieben wurde, der sämtliche Verfehlungen der katholischen Kirche zu tragen hatte.

Noch ungeschickter als die deutschen Kollegen

Die französischen Bischöfe wirken in ihrer Kommunikation noch ungeschickter als ihre deutschen Kollegen. Dafür bieten sie der Weltöffentlichkeit aber nicht das unwürdige Schauspiel, wie sie sich gegenseitig zerfleischen. Zwar ist im Episkopat deutlicher Missmut gegenüber denjenigen zu spüren, die von Santier gewusst haben. Bisher hat sich aber noch niemand nachdrücklich bemüht, einen Amtsbruder in die Pfanne zu hauen, um sich selbst den Applaus der Öffentlichkeit zu sichern. 

Übrigens hat ein Bischof, der nicht genannt werden will, der katholischen Tageszeitung „La Croix“ gegenüber verlauten lassen, es zirkulieren unter Frankreichs Bischöfen zwei weitere Namen von emeritierten Bischöfen in Zusammenhang mit Missbrauchsfällen. Es wäre dringend an der Zeit, auch die letzten Zeitbomben zu entschärfen, bevor die bereits geschwächte Beziehung zwischen Gläubigen und Hirten letzteren vollends um die Ohren fliegt. Wie das im Ergebnis aussähe, davon können deutsche Katholiken ein Lied singen.

In der kommenden Ausgabe der Tagespost lesen Sie einen ausführlichen Bericht über die Ereignisse rund um Bischof Santier.

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Franziska Harter Bischöfe Bistum Osnabrück Franz-Josef Bode Kardinäle Missbrauchsaffären

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