Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Dresden

Ostdeutschland: Kirche als vorpolitischer Raum

Eine Dresdner Podiumsdiskussion ringt um das Verhältnis von Politik und Kirche. Die Wahlempfehlung der DBK zur AfD überschattet das Gespräch. 
Kirche und Staat vereint
Foto: FrankHoermann/SVEN SIMON via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Kirche und Staat vereint für die Sache: Ministerpräsident Markus Soeder und der ernannte Bischof von Augsburg, Praelat Dr.

Wollt ihr diesen oder den Barabbas?“ (Matthäus 27,17), so lautet die prominente Frage des Pilatus an die aufgewiegelte Volksmenge am Karfreitag. Jesus Barabbas, wie der Konterpart Christi laut dem Kirchenlehrer Origenes mit vollem Namen hieß, war nicht nur ein Räuber, sondern vielmehr ein Rädelsführer, der selbst Sohn Gottes („bar abbas“) genannt wurde und den Israeliten als Messias die Befreiung von der römischen Besatzungsmacht, politische Freiheit und Überlegenheit versprach.

Lesen Sie auch:

Joseph Ratzinger wies in einer Betrachtung einst auf die politische Dimension der Pilatus-Frage hin, die nicht nur eine Demütigung des Christus war, sondern vielmehr die Frage stellte, welchen Messias das Volk wünschte. Den das Reich Gottes verkündenden Wundermann aus Galiläa, der als „König der Wahrheit“ eben nicht von der Welt war, sondern über sie hinaus wies – oder den Revoluzzer Barabbas, dessen wenig transzendente Bestrebung der Überlegenheit des weltlichen Israel galt?

Gebet in der Politik

Neu aufgelegt wurde die damit verbundene Streitfrage im Rahmen einer Podiumsdiskussion der Katholischen Akademie des Bistums Dresden-Meißen in der ersten Passionswoche. Neben EKD-Präses Anna-Nicole Heinrich waren der Grandseigneur der Religionssoziologie Detlef Pollack, der evangelische Pfarrer und Buchautor Justus Geilhufe sowie der Pressesprecher des Bistums Görlitz, Johann Wagner, auf dem Podium vertreten, das unter dem Titel „Wie politisch ist die Kirche? Zwischen theologischem Anspruch und gesellschaftlicher Wirklichkeit“ am Josephstag in Dresden stattfand.

Eine erste Überraschung lieferten die Eingangsstatements der beiden evangelischen Diskutanten, die beide über die Bedeutung des Gebetes im politischen Raum sprachen. Die 27-jährige Heinrich berichtete davon, dass sie auf einer Klima-Demonstration vor zahlreichen Teilnehmern ein Gebet begonnen habe, weil Beten gegen Verunsicherungen helfe und Mut zur Veränderung mache. Außerdem beschrieb sie die Politik als Ort, um religiöse Themen anschlussfähig zu machen.

Faktor für gegenseitiges Wohlwollen in der Gesellschaft

Auch der Pfarrer von Großschirma, das erst kürzlich mit rund 60 Prozent einen AfD-Bürgermeister wählte, meinte, dass das gemeinsame Gebet ein wichtiger Faktor für gegenseitiges Wohlwollen in der Gesellschaft sei. „Ohne gemeinsamen Glauben gibt es keine gemeinsame Grundlage mehr, auf der wir Argumente austauschen und über Inhalte sprechen können“, so Geilhufe.

„Schon in der Alten Kirche war es üblich, dass man für die Mächtigen gebetet hat und Menschen mit verschiedenen Ansichten trotz aller Unterschiede am Sonntag zusammenkamen.“ Er beobachte, dass das Zusammenleben in seiner Region zunehmend unbarmherzig werde.

Institution ohne Überlegenheitsrhetorik

Widerspruch erfuhr er dabei von Pollack, der diese Haltung als exklusivistisch und sektiererisch wahrnahm – auch vielen Nicht-Glaubenden seien „Liebe, Gerechtigkeit und Frieden“ demoskopischen Erhebungen zufolge sehr wichtig. Die Kirche solle sich als demütige Institution ohne Überlegenheitsrhetorik geben und nicht so tun, als könne Zusammenleben nur durch den von ihnen vermittelten gesellschaftlichen Kitt gelingen.

Lesen Sie auch:

Der gebürtige Dresdner Geilhufe erwiderte, dass es in weiten Teilen Ostdeutschlands kaum einen vorpolitischen Raum gebe neben den freiwilligen Feuerwehren, einem Sportverein vor Ort oder höchstens noch einem Heimatverein. Dort seien die Kirchen Zentren des Zusammenlebens, in denen der politische Austausch überhaupt nur möglich sei. Die Kirche als vorpolitischer Raum, der dabei helfen könne, Spaltungen zu überwinden und gegenseitiges Wohlwollen vermittelt – getreu dem von Heinrich vorgetragenem Mantra, „in allen Menschen Jesus zu sehen“.

Verhältnis der Kirche zur AfD

Es dauerte nicht lange, bis die große Frage nach dem Verhältnis der Kirche zur AfD auf die Tagesordnung gesetzt wurde. Während Geilhufe rote Linien gegenüber denen, die andere jagen wollten, forderte und die EKD-Repräsentantin betonte, dass bei „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ eine Grenze überschritten sei, zeigte sich Johann Wagner – zugleich auch Diözesanvorsitzender des BDKJ im Bistum Görlitz – nachdenklich: „Wir sehen uns herausgefordert, da Umfragen zufolge vor allem jüngere Menschen in unserer Region AfD wählen. In Sachsen liegt die Partei bei den 18- bis 29-Jährigen bei unverkennbaren 65 Prozent.“

Das Nein der katholischen Bischöfe in Ostdeutschland wie auch die Unvereinbarkeitserklärung der Deutschen Bischofskonferenz seien im kleinsten deutschen Bistum nicht immer leicht vermittelbar. „Wir haben einige Gläubige, die sowohl in der Kirche als auch im Umfeld der AfD aktiv sind und nun den Bischof anfragen, ob sie ihr kirchliches Engagement einstellen sollten. Wir schauen daher schon genau hin, welche konkreten Effekte die Wahlempfehlung hat, zumal nur drei Prozent der Menschen in unserem Bistum katholisch sind, wir aber teilweise 35 Prozent und mehr AfD-Wählern entgegensehen“, so der 23-jährige Medienmanager, der seit vergangenem Oktober die diözesane Pressestelle leitet.

Politische Botschaft die Kirche kam zur kurz

Nach einigen Nachfragen aus dem Publikum wurde auch Präses Heinrich nachdenklich: „Unsere Botschaft kann natürlich auch nicht sein, dass AfD-Wähler nicht willkommen seien im kirchlichen Diskurs.“ Es würde sie sicher noch eine Weile umtreiben, warum der Kirche scheinbar von vielen gar nicht mehr zugetraut würde, diesen Diskursraum zu bieten.

Im Nachgang der Veranstaltung äußerten einige Teilnehmer ihre Enttäuschung, dass über die eigentliche Frage des Abends zu wenig gesprochen wurde: „Wir haben über die AfD gesprochen und die Kirche als einen Raum für den politischen Meinungsstreit. Aus meiner Sicht wurde aber kaum etwas dazu gesagt, welche politische Botschaft die Kirche auch selbst in die Gesellschaft tragen kann oder muss“, so ein Teilnehmer aus Dresden.

Bedeutung des Lebensschutzes

Kurz vor Schluss der Veranstaltung hob eine Frage auf die Bedeutung des Lebensschutzes ab. Wagner verwies hierbei auf die klare Position seines Oberhirten: „Bischof Wolfgang Ipolt setzt sich stark für den Lebensschutz ein und hat das jüngst auch auf seinem Neujahrsempfang unter anderem vor Ministerpräsident Kretschmer sehr deutlich gemacht. Umso mehr bedauern wir es als Bistum, dass es keinen ökumenischen Konsens mehr gibt, uns als Christen gemeinsam an die Seite jener Schwächsten in unserer Gesellschaft zu stellen, für die niemand eintritt, wenn wir es nicht tun.“

Präses Heinrich, deren EKD im vergangenen Jahr die Kooperation mit der „Woche für das Leben“ beendet hatte, sagte, sie selbst sei nie in der Position gewesen, eine Abtreibung vornehmen zu müssen. Daher wolle sie dazu keine Meinung vertreten. Dazu ist – wenigstens die evangelische Kirche – offenbar doch zu unpolitisch.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Maximilian Mattner Alternative für Deutschland Bischof Bistum Dresden-Meißen Bistum Görlitz Bund der Deutschen Katholischen Jugend Deutsche Bischofskonferenz Diözese Evangelische Kirche Evangelische Pfarrer Jesus Christus

Weitere Artikel

Das neue CDU-Grundsatzprogramm sieht eine Art „Ruanda-Lösung“ im Umgang mit Flüchtlingen vor. Die Kirchen halten das für wenig christlich.
06.05.2024, 11 Uhr
Meldung

Kirche

Rom will den Primat attraktiver machen – auch in der Ökumene. Eine gespaltene Welt spielt da aber nicht mit.
14.06.2024, 12 Uhr
Guido Horst