Pater Rutishauser, die Buber-Rosenzweig-Medaille gilt als eine der wichtigsten Auszeichnungen für den christlich-jüdischen Dialog. Was sagt diese Ehrung aus Ihrer Sicht über den Zustand dieses Dialogs heute aus?
Ich weiß nicht, ob man an meiner Ehrung etwas über den Zustand des Dialogs ablesen kann. Die Medaille wird seit 1968 an Personen in Wissenschaft, Politik, Kunst, Kirche verliehen, die sich in der Verständigung zwischen Juden und Christen bzw. Judentum und christlicher Mehrheitsgesellschaft verdient gemacht haben. Ich bin als Theologe und Kirchenmann ausgezeichnet worden. Da ich auf weltkirchlicher Ebene für den Vatikan, in der Schweiz und auch im Dialog in den USA und Israel arbeite, zeigt die Verleihung an mich, dass der Blick über Deutschland hinaus gerichtet wurde. Sie ist auch Anerkennung der theologischen Dialogarbeit der römisch-katholischen Kirche.
Sie betonen selbst, dass das Verhältnis von Christen und Juden „kein Randthema“ ist. Warum gehört dieser Dialog ins Zentrum katholischer Theologie und kirchlicher Praxis?
Jesus hat als Jude geglaubt und gelebt. Maria, die Jünger und Apostel, die Urkirche von Pfingsten: alles ist jüdisch. Die Christen glauben an den „Messias der Juden“, der auch der „Heiden Heiland“ geworden ist. Das Alte Testament ist eine christliche Formgebung der Heiligen Schrift Israels. So ist unsere Bibel als Kanon zwar christlich, doch die einzelnen Schriften darin sind jüdischer Herkunft. Das gilt auch für die neutestamentlichen Schriften; sie sind jüdisch-messianische Schriften ihrer Zeit. Christen denken oft nur bei den Pharisäern, Schriftgelehrten, Hohenpriestern oder bei Judas an Juden. Schon bei der Taufe Jesu im Jordan denken sie an christliche Taufe. Das ist eine Verdrängung. Historisch wie dogmatisch ist der „Neue Bund“ in Christus auf den „Alten Bund“ Gottes mit Israel bezogen, der gemäß der kirchlichen Lehre seit dem Konzil „unwiderrufen“ ist. Johannes Paul II. hat gerade diese Theologie stark gemacht. So sind alle theologischen Disziplinen von der Beziehung zum Judentum betroffen, vor allem die Ekklesiologie; aber jeder Christ, besonders in der Liturgie oder im Gebet der Psalmen, wo Israel beziehungsweise Jakob oft das Gegenüber Gottes ist.
In der Laudatio wurde hervorgehoben, dass gute Theologie helfen könne, Antisemitismus zu überwinden. Was bedeutet das konkret für Kirche, Theologie und Ausbildung heute?
Es reicht für die Kirche nicht aus, aus ethischen Gründen den Antisemitismus zu bekämpfen. Sie muss lernen, ihr Selbstverständnis, ihre Berufung so zu verstehen, dass sie nicht auf Kosten des Judentums geht. Sich in der Heilsgeschichte an die Stelle des Judentums zu setzen und zu behaupten, Juden wären von Gott grundsätzlich verworfen, ist christlicher Antijudaismus. Das Konzil hat diese Theologie korrigiert. Doch reicht es auch nicht aus, Antijudaismus zu überwinden. Es gehört zur Vorgabe Gottes, dass das Judentum an der Seite des Christentums steht beziehungsweise umgekehrt. Die Theologie muss ausformulieren, was dies für das Christsein und die Kirche positiv bedeutet.
In Ihrer Dankesrede greifen Sie das biblische Bild auf, „mit einer Schulter“ Gott zu dienen. Was bedeutet dieses Bild für das heutige Verhältnis von Juden und Christen in einer konfliktreichen Welt?
Das Zitat „mit einer Schulter“ stammt aus dem Propheten Sacharja, wo es Israel mit den Völkern bezeichnet, die gemeinsam ausgerichtet, Schulter an Schulter, auf das messianische Ziel hin unterwegs sind. Es ist das einzige Zitat aus dem Alten Testament, das die Konzilserklärung „Nostra aetate“ aufgenommen hat. Wenn Juden und Christen gemeinsam und in je eigener Berufung einander helfen würden, für eine friedvollere und gerechtere Welt zu leben, wäre dies ein starkes Zeichen der Frohbotschaft.
Sie gelten auch als Mahner gegen Rückschritte im christlich-jüdischen Verhältnis. Wo sehen Sie aktuell solche Gefahren oder blinde Flecken?
Angesichts der unübersichtlichen Gesellschaftsentwicklung und der Auflösung volkskirchlicher Strukturen hat ein rückwärtsgewandter Prozess eingesetzt. Man will im Glauben wesentlich werden. Das ist verständlich und in sich sehr gut. Die Gefahr besteht darin, dass rückwärtsgewandt vorkonziliar bedeutet. Damals waren Theologie und Kirche aber eindeutig antijudaistisch eingefärbt, um es gelinde zu sagen. Auch meinen viele, Dialog würde den Glauben verwässern. Im Gegenteil: Glaube profiliert sich an Glauben, Dialog bewahrt vor Abschottung und wesentlich werden heißt, zurück zum Ursprung der Offenbarung, wo wir auf das Judentum stoßen. Es gilt, diejenigen Strömungen der Tradition stark zu machen, die in Demut um Gottes großes Geheimnis wissen. Er hat Juden und Christen aneinandergebunden. Was will er uns damit sagen?

Der christlich-jüdische Dialog steht unter dem Eindruck des Nahostkonflikts und wachsender Spannungen. Wie lässt sich in dieser Situation ein ehrlicher Dialog aufrechterhalten, ohne politisch instrumentalisiert zu werden?
Politische Vereinnahmung ist für die ganze Kirche und zu jeder Zeit eine Gefahr. Andererseits hat sie die Aufgabe, Gesellschaft und Politik zu prägen und zu durchwirken. Sie muss sich auf sie einlassen. Das alles gilt auch für den jüdisch-christlichen Dialog und – wie immer, wenn es um das Judentum geht – in erhöhtem Maße und größerer Komplexität. Das Phänomen Antisemitismus sollte die Kirche zum Beispiel besser verstehen lernen. Wie Antijudaismus in der Kirche wohl eine Ablehnung der Verwiesenheit auf die Erwählung Israels darstellt, so ist Antisemitismus im Tiefsten Ablehnung von Gottes Souveränität überhaupt. Heute spiegeln sich diese gesellschaftlichen Phänomene in der Stellungnahme gegenüber dem Staat Israel, auch wenn er nur die politische Seite des jüdischen Volkes darstellt. Zudem ist die Kirche gegenüber dem Islam wie auch gegenüber der palästinensischen Bevölkerung je verpflichtet, besonders im Heiligen Land. Wenn es grundsätzlich gilt, wach zu sein, wie Gott in der Geschichte und durch politische Prozesse wirkt, so noch viel mehr, wenn es um das Verhältnis der Kirche zum jüdischen Volk geht.
Sie arbeiten nicht nur im jüdisch-christlichen, sondern auch im weiteren interreligiösen Dialog. Was unterscheidet diesen vom spezifischen Verhältnis zwischen Judentum und Christentum?
Die römisch-katholische Kirche ordnet den jüdisch-christlichen Dialog der Ökumene und nicht dem interreligiösen Dialog zu, da Juden und Christen aus derselben Berufung und Erwählung Gottes hervorgehen. Der Dialog mit anderen Religionen, mit philosophischen Schulen, säkularen und religiösen Weltanschauungen liegt theologisch auf einer anderen Ebene. Selbstverständlich ist auch dieser Dialog in einer offenen, säkular-religionspluralistischen Gesellschaft von großer Wichtigkeit. Daher setze ich mich auch stark mit Religionsphilosophie, Soziologie, Mystik und interreligiösem Dialog auseinander.
Sie engagieren sich seit über 25 Jahren auf diesem Feld. Was treibt Sie persönlich an, und wo sehen Sie die wichtigsten Aufgaben für die nächsten Jahre?
Ich stelle mich meiner Berufung, wie ich sie erkannt habe. Die wählt man sich nicht aus. So habe ich an der Universität Luzern gerade einen Bachelor und Master „Jüdisch-Christliche Beziehung“ ins Leben gerufen, den man vor Ort und im Fernstudium absolvieren kann. Glaubensbildung in der Kirche ad intra und das Fragen zusammen mit Juden nach dem Willen Gottes in unserer Welt ist das Entscheidende für mich.
Der Autor arbeitet als Journalist.
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