Wir schreiben das Jahr 1948: Drei Jahre nach Kriegsende und dem Menschheitsverbrechen des Holocausts stand die Frage im Raum, wie ein neues Zusammenleben zwischen Juden und Christen in Deutschland möglich sein und wie die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit ihrer eigenen Verantwortung für Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bevölkerung in Europa umgehen könnte. Der Blick ins Ausland und die US-Besatzungsmacht gaben dann die wesentlichen Impulse zur Gründung der Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland (GCJZ).
Die Vereinigungen setzen sich für die Verständigung zwischen Christen und Juden, den Kampf gegen Antisemitismus und Rechtsradikalismus sowie für ein friedliches Zusammenleben der Völker und Religionen ein. Angeregt durch bereits entstandene nationale Räte für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in den USA, in Großbritannien, Frankreich und der Schweiz, waren beim Aufbau der ersten Gesellschaften Angehörige der US-Armee im Rahmen ihres Erziehungsprogramms der Deutschen zur Demokratie beteiligt. So entstehen in München, Wiesbaden, Frankfurt am Main, Stuttgart und Berlin 1948 und 1949 die ersten Einzelgesellschaften, 1949 wird auch der Deutsche Koordinierungsrat als Dachverband gegründet, um auf der politischen Ebene Gehör zu finden und bundesweit auszustrahlen.
„Der zweite Gründungsimpuls indes wuchs aus der Einsicht überzeugter Christinnen und Christen, oft geprägt durch Widerstandserfahrungen, dass das christlich-jüdische Verhältnis eine Korrektur brauchte, die sich in Praxis übersetzt. Begründet in der biblischen Tradition folgten und folgen die Mitglieder der Überzeugung, dass im politischen und religiösen Leben eine Orientierung nötig ist, die Ernst macht mit der Verwirklichung der Rechte aller Menschen auf Leben und Freiheit ohne Unterschied des Glaubens oder der Herkunft“, sagt Pater Elias H. Füllenbach, Düsseldorfer Dominikaner, Vorstandsmitglied des Deutschen Koordinierungsrates (DKR) und katholischer Vorsitzender der GCJZ in Düsseldorf. Sowohl der DKR als auch die Gesellschaften vor Ort werden in der Regel konfessionell paritätisch geführt, sodass sich der Vorstand aus Menschen evangelischen, katholischen und jüdischen Glaubens zusammensetzt. Die Arbeit ist erfolgreich: Nach Angaben des DKR gehören dem Netzwerk heute mehr als 80 Gesellschaften an, verteilt über die gesamte Bundesrepublik, mit rund 20 000 Mitgliedern, Freundinnen und Freunden sowie Förderern und mit weit über 1 000 Veranstaltungen pro Jahr.
Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden
Aber was ist nun das Besondere an den Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Deutschland? Für Pater Elias steht vor allem die Begegnung vor Ort im Fokus, für ihn das herausragende Merkmal der GCJZ. „Konflikte und Missverständnisse entstehen in Situationen, in denen Menschen übereinander sprechen und nicht miteinander. Wir setzen deshalb in unserer Arbeit auf die lokale Präsenz, auf die Zusammenarbeit mit jüdischen Gemeinden und Organisationen sowie mit Gedenkstätten, Kulturinstitutionen, Schulen und kommunalen Partnern.“
Auf diese Weise liegen laut dem Theologen und Kirchenhistoriker, der sich vor allem mit dem christlich-jüdischen Verhältnis und der Zeit des Nationalsozialismus beschäftigt, Gedächtniskultur und Gegenwartsbezug eng beieinander. Vergessene jüdische Geschichte wird sichtbar gemacht, jüdisches Leben als lebendige Gegenwart unseres Landes behandelt, das Schutz, Öffentlichkeit und Unterstützung braucht.
Dieses dynamische Vorgehen entspricht dem Selbstverständnis der GCJZ, denn im Laufe der fast 80-jährigen Geschichte hat sich der Schwerpunkt der Aktivitäten mehrfach verlagert. So standen zeitweise erzieherische, dann wieder theologische oder politische Fragen im Vordergrund der Arbeit. Mit Erfolg traten die Gesellschaften ein für eine Revision des christlichen Religionsunterrichts, die Überwindung von Antijudaismus in Theologie und Kirche, die Anerkennung Israels, die Aussetzung der Verjährung von NS-Verbrechen und immer wieder für eine angemessene „Wiedergutmachung“ an den Überlebenden des Holocaust.
Vor allem der Gegenwartsbezug habe sich in den letzten Jahren verstärkt, betont Pater Elias. Antisemitische Vorfälle haben in den letzten Jahren stark zugenommen, griffen Institutionen an und zwängen die jüdischen Gemeinden, Sicherheit als Daueraufgabe zu organisieren.
Die Gesellschaften für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit haben daher dem Vorstandsmitglied zufolge in dieser Lage eine doppelte Aufgabe: „Sie fördern einerseits Begegnung und Wissen, weil Unkenntnis und unreflektierte Projektionen Antisemitismus begünstigen. Sie greifen andererseits dort ein, wo jüdisches Leben konkret unter Druck gerät, sei es durch Anfeindungen im Schulumfeld, durch Schmierereien, durch digitale Hasskampagnen oder durch Übergriffe im öffentlichen Raum.“ Und der Experte für christlich-jüdische Beziehungen stellt weiter heraus, dass es in Deutschland keine Zukunft des Zusammenlebens ohne eine klare Haltung gegenüber Judenfeindschaft geben könne. Antisemitismus treffe Juden zuerst, er beschädige aber das Gemeinwesen als Ganzes.
Die öffentliche Positionierung als Sprachrohr für die christlich-jüdische Verständigung gelingt den GCJZ vor allem auch über die vor fast 75 Jahren nach US-amerikanischem Vorbild ins Leben gerufene „Woche der Brüderlichkeit“, die seit 2023 als „Jahr der Christlich-Jüdischen Zusammenarbeit“, verbunden mit der Benennung des christlichen und jüdischen Kalenderjahres, firmiert.
Zum festen Bestandteil dieses bundesweiten Termins gehört seit 1968 die Verleihung der Buber-Rosenzweig-Medaille, mit der der DKR Personen und Institutionen auszeichnet, die sich um den Dialog verdient gemacht haben. In diesem Jahr fand die zentrale Eröffnung unter dem Leitthema „Schulter an Schulter miteinander“ am 8. März in Köln statt, wiederum mit der Medaillenverleihung.
Diesmal ist mit Professor Christian Rutishauser SJ Preisträger, ein führender katholischer Vertreter im christlich-jüdischen Dialog in der Schweiz, in Deutschland, im weiteren Europa und weltweit. Er lehrt an der Universität Luzern als Professor für Judaistik.
Themen, die vor Ort präsent bleiben
Auch wenn die Gesellschaften hohes Ansehen genießen, sei die Lage anspruchsvoll und es bestehe immer „Luft nach oben“, so Pater Elias. „In einigen Regionen wachsen die Gesellschaften, in anderen schrumpfen sie oder kämpfen um Mitglieder. Vor allem die Frage, wie jüngere Menschen für die Arbeit gewonnen werden können, verlangt Zeit, Geduld und kontinuierliche Arbeit.“
Wichtig sei, das Wesentliche nicht aus den Augen zu verlieren, entscheidend seien die Themen, die vor Ort präsent blieben: „Gedenktage und die Begleitung von Zeitzeuginnen und Zeitzeugen, Kontakte zu Schulen und Bildungsformate, die Antisemitismus als Gefahr für unsere Demokratie insgesamt benennen. Der DKR versteht sich dabei als Unterstützer der lokalen Arbeit, als Ansprechpartner für überregionale Kooperationen und als Stimme in der öffentlichen Debatte.“
Der Autor arbeitet als Journalist.
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