Französischer Publizist erhebt neue Behauptungen in Viganò-Affäre

Der italienische Erzbischof Carlo Viganò habe den Papst tatsächlich über das sexuelle Fehlverhalten des ehemaligen US-Kardinals McCarrick informiert, so der französische Publizist Frédéric Martel. Franziskus habe dies jedoch aus einem bestimmten Grund ignoriert.
Die Kirche und Homosexualität
Foto: Andrew Medichini (AP) | Wenn im Vatikan am Donnerstag der Gipfel zum Umgang mit Missbrauch in der katholischen Kirche beginnt, erscheint auch das Buch von Frédéric Martel.

Im Fall des jüngst in den Laienstand versetzten ehemaligen Washingtoner Erzbischof Theodore McCarrick und der Frage, zu welchem Zeitpunkt Papst Franziskus von dessen sexuellem Fehlverhalten wusste, ebben die Gerüchte nicht ab. Nun behauptet der französische Buchautor und Homosexuellen-Aktivist Frédéric Martel, dass der italienische Erzbischof und Papst-Kritiker Carlo Viganò den Papst tatsächlich über Vorwürfe gegen McCarrick informiert habe. Franziskus habe diese jedoch ignoriert, da lediglich von sexuellen Verhältnissen mit volljährigen Seminaristen die Rede gewesen sei.

Martel will dies aus dem direkten Umfeld des Papstes erfahren haben, wie er in seinem Buch „In the Closet of the Vatican: Power, Homosexuality und Hypocrisy“ schreibt. Das Buch sorgte vorab für reichlich Diskussion und wird am Donnerstag – wenn im Vatikan der Gipfel zum Umgang mit Missbrauch in der katholischen Kirche beginnt – in acht Sprachen und in 20 Ländern erscheinen. Eine deutsche Übersetzung ist für den Sommer geplant.

Martel schreibt in seinem Buch: „Als der Papst die Vorwürfe zurückwies, erhielt ich aus seinem Umfeld Hinweise, dass Franziskus ursprünglich von Viganò informiert worden war, dass Kardinal McCarrick homosexuelle Beziehungen mit erwachsenen Seminaristen hatte, was jedoch nicht ausreichte, um ihn zu verurteilen.“

Der bekannte italienische Vatikan-Jouranlist Marco Tosatti wies auf die Passage in einem Beitrag auf seinem Blog hin. Er beschreibt Martel als papstfreundlich, da er über Franziskus bisher in all seinen Werken positiv, „wenn nicht sogar enthusiastisch“ gesprochen habe. Martel habe bei der Recherche zu seinem Buch von einflussreichen Theologen und Kardinälen, die dem Papst nahestehen, Unterstützung erhalten: unter ihnen der Jesuit Antonio Spadaro sowie Kurienkardinal Lorenzo Baldisseri, Generalsekretär der Bischofssynode.

Vorab-Berichten über das Martels Buch zufolge lautet die darin erhobene These: Die katholische Kirche pflege eine Doppelmoral zu Homosexualität, da sie diese offiziell ablehne und verurteile, gleichzeitig jedoch zahlreiche Bischöfe und Priester selbst homosexuell seien. Martels Ziel dürfte es jedoch wohl nicht sein, Homosexualität innerhalb der Kirche zu verurteilen, sondern die Kirche zu einem offeneren Umgang mit ihr zu bewegen.

DT/mlu

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