Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Der neue Klerikalismus

Die Einseitigkeit, mit der Besucher der „alten Messe“ unter Ideologieverdacht gestellt werden, nimmt merkwürdige Formen an. Jüngstes Beispiel: die Äußerungen des Rektors der Benediktinerhochschule Sant'Anselmo.
Debatte um Liturgie
Foto: IMAGO / IP3press | Nach dem jüngsten Interview des Rektors der Benediktinerhochschule Sant'Anselmo bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack.

In einer Kirche der Sünder ist niemand vor dem Fall gefeit. Das gilt natürlich auch in Fragen der Liturgie. Allerdings nimmt die Einseitigkeit, mit der Besucher der „alten Messe“ inzwischen in Kirchenkreisen unter Ideologieverdacht gestellt werden, mitunter merkwürdige Formen an. 

Pastorale Schwäche und Ideologieanfälligkeit

Man kann es durchaus als Ausdruck eines neuen Klerikalismus sehen, dass im Fokus mancher Priester in erster Linie Traditionalisten stehen, über deren Konzilstreue und Akzeptanz des neuen Ritus es in Kirchenkreisen offenbar streng zu wachen gilt. Die pastorale Schwäche und Ideologieanfälligkeit des neuen Klerikalismus zeigt sich daran, dass Grenzüberschreitungen im Novus ordo geflissentlich verschwiegen werden. Ein seltsames Phänomen im Zeitalter regenbogenbeflaggter Gotteshäuser.

Lesen Sie auch:

Nach dem jüngsten Interview des Rektors der Benediktinerhochschule Sant'Anselmo bleibt ein unangenehmer Nachgeschmack. So sehr Pater Benedikt Eckerstorfer OSB zuzustimmen ist, dass Liturgie nie zur Ideologie werden darf, so unverständlich bleibt, warum er diese Frage vorzugsweise an der Debatte um „Traditionis custodes“ festmacht. Gerade der Benediktinerorden bietet aufgrund seiner liturgischen Weite ebenso Platz für Traditionalisten wie für Klöster, die die Messe nach dem Missale Pauls VI. feiern.

Es braucht eine ideologiefreie Liturgiewissenschaft

In Deutschland hat zudem die Orthodoxie in Niederaltaich ein benediktinisches Zuhause. Das ist ein Ausdruck geistlichen Reichtums und verpflichtet den Orden zu besonders gründlicher Forschung: Warum ziehen gerade die Benediktinerklöster der Tradition Berufungen an? Darf man deren Kandidaten nicht zutrauen, was der heilige Benedikt in seiner Regel zugesteht: dass Gott oft einem Jüngeren offenbart, was das Bessere ist? Wie lässt sich legitime Vielfalt und Trennung in der Liturgie seriös voneinander abgrenzen? Kann heute spalten, was gestern noch als Ausdruck liturgischen Reichtums gesehen wurde? Nur eine ideologiefreie Liturgiewissenschaft kann sich dieser Fragen ernsthaft annehmen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Regina Einig Benediktinerorden Kirchenkreise Klerikalismus Liturgiewissenschaft

Weitere Artikel

Konservative Protestanten rufen zum 31. Oktober zur Rückbesinnung auf das Kreuz Christi als Zentrum des Glaubens auf. Doch die Landeskirche schweigt.
25.10.2025, 05 Uhr
Tobias Klein
Er feierte zuletzt blind die Messe: Der Priester und selige Carmelo De Palma aus Apulien. Vor allem mit den Benediktinern war er eng verbunden.
16.11.2025, 07 Uhr
Claudia Kock
Seit über tausend Jahren begeht die Kirche am 2. November das Fest Allerseelen. Es lädt ein, für die Verstorbenen zu beten und ihnen damit auf ihrem Weg zu Gott helfen.
02.11.2025, 10 Uhr
Dorothea Schmidt

Kirche

Nur eine geeinte Kirche kann ein „Licht“ für die Völker sein. Auf der Suche nach der verlorenen Einheit hat der Papst mit den Kardinälen angefangen. Und vor den Diplomaten spricht er Tacheles.
09.01.2026, 11 Uhr
Guido Horst
Bei der letzten Sitzung der Synodalversammlung in Stuttgart geht es um Bilanz, Reformperspektiven und den Übergang zur Synodalkonferenz. Ob Rom dem Gremium zustimmen wird, ist weiterhin offen.
09.01.2026, 14 Uhr
Meldung
Die Kardinalsversammlung in Rom ist ohne Ergebnisse oder neue Ideen zu Ende gegangen. Dem Papst ging es darum, das Band der Einheit zu stärken. Aber viele fehlten.
09.01.2026, 10 Uhr
Guido Horst
Mirko Cavar, früher Freikirchler, heute Katholik, lobt die Ökumene bei der MEHR-Konferenz. Er meint, die einzelnen Konfessionen könnten viel voneinander lernen.
08.01.2026, 13 Uhr
Elisabeth Hüffer
Der US-Bischof kritisiert den deutschen Sonderweg und plädiert für eine Synodalität, welche auf pastorale Praxis statt dauerhafte Grundsatzdiskussionen setzt.
09.01.2026, 10 Uhr
Meldung