Arlington

US-Bischof: Niemand „ist“ transgender

In einem umfangreichen Hirtenbrief beleuchtet der Bischof von Arlington, Virginia, die Lehre der katholischen Kirche in Transgender-Fragen. Außerdem bietet der Bischof einige Ansätze für die Seelsorge mit Menschen mit Geschlechtsdysphorie.
Kirche und Transgender
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Christen, so Bischof Burbidge, dürften Menschen, „einschließlich derer, die mit Geschlechtsdysphorie zu kämpfen haben“, weder verunglimpfen noch mobben.

Der Bischof der US-Diözese Arlington im Bundesstaat Virginia, Michael F. Burbidge, hat einen ausführlichen Hirtenbrief zur Lehre der katholischen Kirche in Transgender-Fragen veröffentlicht. Der Brief beginnt mit der Feststellung, die Transgender-Ideologie habe in letzter Zeit einen großen Aufschwung erfahren: „In den letzten zehn Jahren hat sich in unserer Kultur die Transgender-Ideologie immer mehr durchgesetzt, d. h. die Behauptung, dass das biologische Geschlecht und die persönliche Identität eines Menschen nicht zwangsläufig miteinander verbunden sind, und sogar im Widerspruch zueinander stehen können. Nach dieser Auffassung ist die ‚menschliche Identität’ selbstbestimmt und ‚wird zur Entscheidung des Einzelnen’. Infolgedessen nimmt in unserer Kultur die Zahl der Personen, die eine im Widerspruch zu ihrem biologischen Geschlecht stehende Identität beanspruchen rapide zu. Die Versuche, solchen Ansprüchen gerecht zu werden, haben bereits zu enormen Umwälzungen in unseren sozialen, rechtlichen und medizinischen Systemen geführt.“

Franziskus: Nicht mit den Wahrheiten spielen

Warum dies für die Kirche von besonderer Bedeutung ist, verdeutlicht der Bischof von Arlington mit einem Zitat von Papst Franziskus aus dem Jahre 2017: „Diese Situation stellt eine ernste Herausforderung für alle Mitglieder der Kirche dar, weil sie ein Bild der menschlichen Person vermittelt, das der Wahrheit widerspricht. Sie ist besonders besorgniserregend für unsere jungen Menschen, wie Papst Franziskus gewarnt hat: ‚Heute wird den Kindern – den Kindern! – in der Schule beigebracht, dass jeder sein Geschlecht wählen kann. Warum wird das gelehrt? Wir sollten nicht mit den Wahrheiten spielen. Es stimmt, dass hinter all dem eine Gender-Ideologie steckt’.“

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Der Hirtenbrief geht auf den Begriff der „Geschlechtsdysphorie“ ein, die als „psychologischer Zustand“ dargestellt wird, „bei dem ein biologischer Mann oder eine biologische Frau das Gefühl hat, dass ihre emotionale und/oder psychologische Identität nicht mit ihrem biologischen Geschlecht übereinstimmt, und infolgedessen laut der American Psychiatric Association ‚klinisch signifikanten Stress’ erlebt.“ Die Antwort der Kirche darauf müsse „mit seelsorgerlicher Nächstenliebe und Mitgefühl, die in der Wahrheit wurzeln“ gegeben werden: „Jede ungerechte Diskriminierung oder unnötige Unsensibilität im Umgang mit solchen Situationen muss vermieden und/oder korrigiert werden.“

Mensch als Verbindung von Geistigem und Körperlichem

Das Dokument nennt „drei Prinzipien, die alle mit der menschlichen Vernunft erkannt werden können“, auf die sich die Lehre der Kirche stützte. An erster Stelle: „Die menschliche Person ist eine ‚verkörperte Seele’, eine Verbindung von Geistigem und Körperlichem. Die menschliche Seele ist dazu geschaffen, einen bestimmten Körper zu beleben. Ein Mensch zu sein bedeutet, vom Augenblick der Empfängnis an eine Einheit von Körper und Seele zu sein.“ Zweitens: Nach der Heiligen Schrift (Gen 1,27) sei die menschliche Person „als Mann oder Frau geschaffen. Die menschliche Seele ist dazu geschaffen, einen bestimmten, spezifisch männlichen oder weiblichen, Körper zu beleben und zu verkörpern. Das Geschlecht des Menschen ist eine unveränderliche biologische Realität, die bei der Empfängnis festgelegt wird.“ Und drittens: Die Unterschiede zwischen Mann und Frau seien auf ihre ergänzende Partnerschaft in der Ehe ausgerichtet.

Dass jemand eine Geschlechtsdysphorie, eine Entfremdung zwischen Körper und Seele spüre, die dazu führe, ein „inneres Gefühl“ für eine sexuelle Identität zu haben, die sich von ihrem biologischen Geschlecht unterscheide, sei aus theologischer Sicht „nicht an sich sündhaft, sondern muss als eine Störung verstanden werden, die durch die Erbsünde verursacht wird“. Neu sei allerdings „die wachsende kulturelle Akzeptanz der irrigen Behauptung, dass einige Menschen, darunter auch Kinder und Jugendliche, den ‚falschen Körper’ haben und sich deshalb einer ‚Geschlechtsumwandlung’ unterziehen müssen, entweder um ihre Not zu lindern oder als Ausdruck ihrer persönlichen Autonomie.“

Weder unmoralisch noch schlecht

Bischof Burbidge bezieht sich auf wissenschaftliche Kenntnisse: „Aus der Biologie wissen wir, dass das Geschlecht eines Menschen bei der Empfängnis genetisch festgelegt wird und in jeder Zelle des Körpers vorhanden ist (...). Die so genannte Geschlechtsumwandlung kann also das Aussehen und die körperlichen Merkmale einer Person verändern (Hormone, Brüste, Genitalien usw.), ändert aber nichts an der wahren Identität der Person als Mann oder Frau, die sich in jeder Zelle des Körpers widerspiegelt.“ Deshalb kommt der Hirtenbrief zu einer eindeutigen Antwort: „Niemand ‚ist’ transgender. Eine Person, die sich als transgender identifiziert, kann beunruhigende Gefühle, Verwirrung oder den falschen Glauben erleben, dass sie eine andere Person ist oder werden kann“.

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Menschen, die eine „Geschlechtsdysphorie oder -verwirrung erleben“ seien nach der Lehre der Kirche weder unmoralisch noch schlecht. „Gleichzeitig verfolgt eine Person, die ihre Identität oder ihren geschlechtlichen Körper bewusst ablehnt und schädliche medizinische oder chirurgische Eingriffe anstrebt, einen Weg, der objektiv falsch und auf vielen Ebenen schädlich ist. Die Kirche hat eine besondere Fürsorge für die Leidenden und möchte sie zur Wahrheit und zur Heilung führen.“

Christen dürften Menschen, „einschließlich derer, die mit Geschlechtsdysphorie zu kämpfen haben“, weder verunglimpfen noch mobben. Es bestehe jedoch „die große Gefahr einer fehlgeleiteten Nächstenliebe und eines falschen Mitleids. In dieser Hinsicht müssen wir uns daran erinnern, dass ‚nur das Wahre kann letzten Endes auch pastoral sein’ („Schreiben über die Seelsorge für homosexuelle Personen“ der Kongregation für die Glaubenslehre vom 1.10.1986, Nr. 15). „Jemanden in einer Identität zu bestärken, die nicht mit dem biologischen Geschlecht übereinstimmt, oder den Wunsch einer Person nach ‚Transition’ zu bekräftigen“, bedeute, ihn „in die Irre zu führen. Es bedeutet, dass man mit dieser Person in einer nicht wahrheitsgemäßen Weise spricht und mit ihr interagiert.“

Jeder hat Kampf auszufechten

Das Schreiben gibt spezielle Empfehlungen „für Kleriker, Katecheten und Lehrkräfte“ sowie „für Eltern“ im Umgang mit Menschen mit Geschlechtsdysphorie. Zuletzt wendet es sich an die Betroffenen selbst: „Jeder von uns hat einen eigenen Kampf zu bestehen (...). Hüten Sie sich vor simplen Lösungen, die Ihnen durch die Änderung des Namens, der Pronomen oder sogar des Aussehens Ihres Körpers Erleichterung von Ihren Kämpfen versprechen. Es gibt viele, die diesen Weg schon vor Ihnen gegangen sind und es dann bereut haben. Der schwierigere, aber vielversprechendere Weg zu Freude und Frieden besteht darin, mit einem vertrauenswürdigen Berater, Therapeuten, Priester und/oder Freund zusammenzuarbeiten, um zu einem Bewusstsein der Güte Ihres Körpers und Ihrer Identität als Mann oder Frau zu gelangen (...). Christus hat um unseretwillen gelitten, nicht um uns von allem Leid zu befreien, sondern um inmitten dieser Kämpfe bei uns zu sein. Die Kirche ist hier, um Ihnen auf diesem Weg beizustehen und Sie zu begleiten, damit Sie die Schönheit des Leibes und der Seele, die Gott Ihnen geschenkt hat, erkennen und sich der ‚Freiheit und Herrlichkeit der Kinder Gottes’ (Röm 8,21) erfreuen können.“  DT/jg

 

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