Seelsorge

Notfallseelsorge: Mehr als ein Notnagel

Der Fall des ermordeten britischen Abgeordneten David Amess bietet einen Anlass, um über die Notwendigkeit der Notfallseelsorge nachzudenken.
17. Bundeskongress Notfallseelsorge und Krisenintervention
Foto: Marius Becker (dpa) | Einsatzjacken der Notfallseelsorge hängen an einer Kleiderstange. In Deutschland ist Seelsorge bei Notfällen selbstverständlich – um Leiden abzumildern, das nicht nur physisch ist.

Eigentlich sollte es selbstverständlich sein, dass Seelsorge gerade dann gewährt wird, wenn ein Mensch in Not ist. Dass dem Priester, der sofort herbeieilte, um dem von einem Attentäter schwer verletzten und wenig später verstorbenen Tory-Abgeordneten David Amess zur Seite zu stehen, mit der Begründung, er sei kein Teil des Notfallteams, der Zugang zum Ort des Geschehens verweigert wurde, löste deshalb zu Recht Empörung aus. Bischof Mark Davies forderte in der Folge, die Spendung der Sakramente für einen Sterbenden offiziell als Notfallmaßnahme anzuerkennen. In Deutschland sieht die Situation in solchen Fällen Gott sei Dank anders aus.

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Lange etabliert 

Spricht man mit Seelsorgerinnen und Seelsorgern, die bei Notfällen Dienst tun, hört man eher das genaue Gegenteil dessen, was sich während der Bürgersprechstunde von David Amess in einer Kirche im ostenglischen Leigh-on Sea in so erschreckender Weise abgespielt hat. Denn hierzulande gehören Notfallseelsorger bei einem Einsatz, wie einem Attentat, einer Naturkatastrophe oder einem Unfallgeschehen automatisch dazu. Die Strukturen, die diesen wichtigen Dienst stützen und ermöglichen, wurden in den 1990er Jahren gebildet.

Auslöser des grundlegenden Wandels von einer eher dem Zufall überlassenen hin zu einer verlässlichen Seelsorge in Notfällen war das Zugunglück von Eschede. Hier war im Nachklang der Ereignisse klar: ohne Seelsorger kommen wir in solchen Situationen nicht zurecht. Die Not, die zu lindern und die keine Frage der physischen Versorgung ist, betrifft in Katastrophen wie der in Eschede nicht nur die Opfer des Unfalls und deren Angehörige, sondern auch die Helfer, die sich angesichts des immensen seelischen Leids der Betroffenen oft hilflos fühlen und die auch im Nachhinein für Wegbegleitung bei der Aufarbeitung der Erlebnisse dankbar sind.

Eng vernetzt

Ihrem Ursprung nach ist die Notfallseelsorge, wie es heute auch noch in England der Fall ist, Sache der jeweiligen Gemeinde. Aber da fangen die Probleme schon an, betont Gregor Rettinghaus, Leiter der katholischen Notfallseelsorge in Deutschland. Denn nicht jeder Arzt, der bei einem Notfall gerufen wird, weiß, welche Gemeinde in dem jeweiligen Gebiet zuständig ist. Und selbst wenn dies bekannt ist, ist in den Pfarrhäusern heute oft niemand mehr erreichbar oder in der Lage, so schnell vor Ort zu sein, wie es bei einem Notfall eben notwendig ist.

Tatsächlich reichen die Wurzeln der heutigen professionellen Notfallseelsorgestrukturen bis in jene Zeit zurück, in der die Pfarrgemeinde noch mit der örtlichen Feuerwehr und dem Arzt so eng vernetzt waren, dass der Priester automatisch verständigt wurde, wenn jemand schwer erkrankte, einen Unfall hatte oder plötzlich starb. Aus guten Erfahrungen wurden enge Kontakte und daraus erwuchs der Gedanke, dass es für den Fall des Falles doch ideal wäre, wenn Seelsorgerinnen und Seelsorger sich ganz dieser wichtigen Aufgabe widmen könnten oder zumindest ein Netzwerk fester Ansprechpartner gebildet würde, von denen immer einige zuverlässig erreichbar wären.

Unverzichtbar

Nach gut zwanzig Jahren, in denen die institutionelle Notfallseelsorge in Deutschland inzwischen besteht, ist klar: Notfallseelsorger sind ein unverzichtbarer Bestandteil des Teams aus Ärzten, Krankenpflegern und Polizisten, die in Fällen wie dem Anschlag auf David Amess gerufen werden und gemeinsam im Dienst an den Menschen tätig sind. Da es keineswegs immer nur darum geht, die Krankensalbung und das Sakrament der Versöhnung zu spenden, ist die Notfallseelsorge auch ein typisches Einsatzgebiet für Pastoralreferentinnen oder Gemeindereferenten. Viele von ihnen üben den Beruf des Notfallseelsorgers als Teil eines komplexeren Berufsalltags aus. Die wenigsten sind Vollzeit in der Notfallseelsorge tätig.

Im Einzelfall kann dies, wie immer, wenn ein Mensch an verschiedenen Standorten tätig ist, zur Überlastung führen, weil im Regelfall jeder der Arbeitspartner hundertprozentigen Einsatz fordert, auch wenn auf der Stundentafel nur 20, 30 oder 50 Prozent dafür eingeräumt sind. Und natürlich kann man Notfallseelsorge nicht mit der Stechuhr betreiben. Da kann es schon einmal vorkommen, dass man mitten in der Nacht zu einem Unfallort gerufen wird, um dann nach der einstündigen Anfahrt festzustellen, dass eine über den Buschfunk verständigte Kollegin bereits vor Ort ist. Aber all dies nehmen die meisten gern in Kauf, weil sie wissen, wie unverzichtbar ihr Dienst ist. Das Spektrum der Einsätze reicht vom seelischen Beistand bei der Überbringung einer Todesnachricht über die Begleitung Kranker, Sterbender oder ihrer Angehörigen und den Einsatz in Katastrophensituationen.

Ausgeschlossen durch Corona

Wie selbstverständlich die Notfallseelsorge in Deutschland inzwischen Teil des Systems ist, kann man daran erkennen, dass die Mehrzahl der Einsätze nicht in Katastrophensituationen oder Unfällen, sondern im häuslichen Umfeld bei plötzlichen Todesfällen stattfindet. Luft nach oben gibt es in Deutschland trotz der im Vergleich zu England weit besser abgesicherten Stellung der Notfallseelsorger, was die einheitlichen Standards angeht. Dies zeigte sich zuletzt in der Corona-Pandemie, als in einigen Krankenhäusern die Seelsorger als Teil des Teams wahrgenommen wurden und wie gewohnt ihrem Beruf nachgehen konnten, während sie in anderen Häusern den Hinweis erhielten, sie dürften als nichtmedizinisches Personal das Krankenhaus nun nicht mehr betreten. Aber auch in dieser Situation entwickelte manch einer von ihnen Phantasie.

Mehr Verlässlichkeit gewünscht

Neben der selbstverständlich weiterhin möglichen Telefonbetreuung nutzten einige die Lücke im Gesetz und führten an, dass sie zur seelsorglichen Betreuung des Personals kämen und sorgten gleichsam nebenbei auch für die ihnen anvertrauten Patienten. Die großen Notfallseelsorgeorganisationen in Deutschland sind mit der katholischen und evangelischen Kirche assoziiert. Es gibt in einzelnen Städten, wie beispielsweise Frankfurt, inzwischen aber auch muslimische Organisationen, die für sich den Namen „Notfallbegleitung“ gewählt haben. Dass die Regelungen hinsichtlich der Notfallseelsorge nicht einheitlich sind, hängt mit der föderalen Struktur Deutschlands zusammen, die jedem Bundesland erlaubt, eigene Regelungen zu treffen. Die Seelsorgerinnen und Seelsorger selbst würden sich durchaus wünschen, dass hier mehr Verlässlichkeit und Vergleichbarkeit herrschen würde.

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Anführer der Nächstenliebe

Wenig Verständnis haben sie auch, wenn sie von kirchlicher Seite nach dem Ertrag ihrer Arbeit gefragt werden, wenn sie kirchenferne oder aus der Kirche ausgetretene Menschen betreuen. Ob die nach einem guten Gespräch mit dem Seelsorger wieder in die Kirche zurückkehren oder nicht, stellen sie nicht in Zusammenhang mit ihrer Arbeit. Zu Recht, denn die besteht in der Sorge für den Nächsten und nicht in der Aufbesserung der Kirchenstatistik.

Ihr Auftrag ist es, wie Gerhard Deißenböck es in seine Studie zur Theologie und Praxis der sozialen Pastoral zum Thema Umgang mit Sterben und Tod im Feuerwehrdienst festgestellt hat, darin, das Antlitz Gottes im Antlitz des Anderen zu erblicken. Die vornehmste Aufgabe der Notfallseelsorgerinnen und Seelsorger ist es dabei, „Anführer“ der Nächstenliebe zu sein. Indem sie ihre Liebesfähigkeit qualifizieren, wirken sie nicht nur auf diejenigen, die sie seelsorglich betreuen, sondern auch auf alle anderen, die im Rettungsbereich oder als medizinisches Personal eingesetzt sind. Bleibt die Frage, ob ungeachtet der ausgezeichneten Strukturen und funktionierender Institutionen nicht doch langfristig eine ähnliche Entwicklung wie in England droht.

Katholisches Profil zeigen

Dies könnte dann der Fall sein, wenn die Abgrenzung zu den psychosozialen Diensten, die in der letzten Woche auf dem Symposion der Notfallseelsorger in Erfurt diskutiert wurde, nicht gelingt. Denn dann käme eine Entwicklung in Gang, in der die kirchliche Seelsorge aufgrund ihrer nicht mehr gegebenen Unterscheidbarkeit ins Abseits geriete. Es lohnt sich also auch auf diesem Gebiet, katholisches Profil zu zeigen. Denn die Sehnsucht nach mehr wird durch die Ausblendung der Transzendenz nicht gestillt. Die Entscheidung fällt auch in der Notfallseelsorge in der Gottesfrage.

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