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Lepra zerstört mehr als nur Körper

Wie ein katholisches Krankenhaus in Nigeria sich seit Jahrzehnten um Leprakranke kümmert.
Matthew Ivom  und seineFamilie
Foto: Sabine Ludwig | Das Saint-Patrick-Krankenhaus gab Matthew Ivom nicht nur ein neues Leben, sondern auch die Chance auf Familienglück.

Langsam bewegt sich Matthew Ivom den Feldweg entlang. Ab und an sieht man noch Spuren der abklingenden Regenzeit, denen er humpelnd ausweicht. Schon wieder muss er eine große Pfütze umgehen. Nicht leicht für den ehemaligen Lepra-Patienten: Seine Füße sind deformiert und es haben sich wieder offene Wunden gebildet, eine Infektion darf er auf keinen Fall riskieren. Der Weg von der Lepra-Klinik des nahen Saint-Patrick-Krankenhauses „Mile 4“ nach Hause ist nicht weit. Matthew Ivom und seine Frau wohnen schon lange auf dem Klinikgelände. Denn auch sie ist eine Betroffene. Zum Glück hat er heute schnelle Hilfe bei der Wundversorgung bekommen. Alles kann man eben doch nicht zu Hause selbst erledigen, und die Nähe zur Klinik ist ein großer Vorteil.

Die Realität sieht anders aus

Die Lepra- sowie die Tuberkulose-Station des Krankenhauses liegen in einer idyllischen und gepflegten Anlage eng beieinander, aber in größerer Entfernung zum Hauptgebäude. „Lepra- und Tuberkulose-Patienten wurden schon immer ausgegrenzt, und bis heute hat sich nicht viel daran geändert“, erklärt einer der Ärzte. Nigeria gehört zwar zu den Ländern, die schon vor über zwei Jahrzehnten die Eliminierung der Lepra verkündet haben. Doch die Realität sieht anders aus: Jährlich werden mehr als 2.000 neue Fälle gemeldet. Matthew Ivom ist nur einer der Betroffenen.

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Die Tragödie des damaligen Bauarbeiters begann bereits 1990, als er noch ein junger Mann war. Erste Anzeichen waren Fieber und Hautveränderungen. Die Eltern wollten ihn zu einem Schamanen bringen, dem traditionellen Heiler des Dorfes. Doch er weigerte sich. Hatte nicht sein Kollege gesagt, dass die Flecken typisch für eine Lepra-Erkrankung seien und er lieber gleich in das Referenzkrankenhaus gehen solle? Mit dem Familienfrieden war es schlagartig vorbei. „Ich war ungehorsam. Meine Eltern wollten mich nicht mehr, und ich musste gehen“, sagt der heute 50-Jährige, beteuert aber, dass er seiner Familie für diese grausame Entscheidung von damals vergeben hat.

Wer krank ist, wird ausgestoßen

Es folgten viele Jahre mit langwierigen Behandlungen, die Füße veränderten sich. „Eine schlimme Zeit“, gibt er heute unumwunden zu. Er fand eine Bleibe auf dem Gelände des katholischen Krankenhauses, verlor den Job und seine große Liebe. „Auch ihre Eltern drohten, sie zu verstoßen, wenn sie mich heiratet. Wir waren füreinander bestimmt, das wussten wir. Sie wollte sich das Leben nehmen, doch ich konnte sie davon abhalten und ging. Das war das Einzige, was ich für sie tun konnte“, sagt er leise.

Viel später wurde er mit einer Lepra-Patientin glücklich, die noch heute an seiner Seite ist. Das Paar bekam Kinder, und die Nähe zur Lepra-Station gibt beiden bis heute ein Gefühl der Sicherheit. Ivom macht sich nützlich und repariert die orthopädischen Sandalen seiner Mit-Patienten. Bis heute hat er keinen Kontakt mehr zu seiner Familie. Doch mittlerweile kann er damit leben, auch die Albträume der Vergangenheit sind vorüber. Seine Frau hat ihm durch ihren ähnlichen Lebens- und Leidensweg Kraft und Zuversicht gegeben.

Das katholische Saint Patrick „Mile 4“-Krankenhaus in Abakiliki im Südosten Nigerias begann seine Lepraarbeit im Jahr 1946. „Ab 1960 widmete es sich auch zunehmend den Tuberkulose-Kranken“, erklärt Verwaltungsleiterin und Ordensschwester Charity Munonye. Sie gehört den Medizinischen Missionarinnen Marias an, einer Ordensgemeinschaft innerhalb der römisch-katholischen Kirche mit Schwerpunkten in Afrika und Südamerika. Unterstützt durch die Hilfsorganisation RedAid kümmert sich das Gesundheitspersonal der Schwestern um Leprakranke in entlegenen Dörfern. Rund zehn Besuche monatlich unternimmt das Team auf Motorrädern, da kaum Straßen in die unwegsamen Gegenden führen. „Die besonders schwer von Lepra Betroffenen kommen in unser Krankenhaus, die anderen werden in ihren Gemeinden weiterbehandelt. Auch Aufklärungsveranstaltungen rund um das Erkennen der Krankheit werden regelmäßig vor Ort durchgeführt.“

Darüber hinaus reden die mobilen Krankenpfleger mit den betroffenen Familien, um Stigmatisierung möglichst zu vermeiden. „Die Patienten werden gesellschaftlich benachteiligt, da sie Amputationen haben, ihnen Finger, Beine oder Arme fehlen. Man betrachtet sie deshalb als unsauber. Dagegen geht unser Team mit seinem ,heilenden Charisma‘ vor. Letztendlich kann die Krankheit jeden treffen, aber vor allem eben die Ärmsten der Armen“, berichtet Charity Munonye.

Wieder in die Familie aufgenommen

Pflegedienstleiterin Georgenia Ndulaka erzählt von einer jungen Frau, die schwanger in das Krankenhaus kam. Sie hatte bereits Deformierungen an Händen und Füßen. In der angrenzenden Geburtsklinik brachte sie ihre Tochter zur Welt. „Wir alle kümmerten uns um das Baby. Mutter und Kind blieben fünf Jahre und bekamen nicht ein einziges Mal Besuch von ihrer Familie. Wir versorgten die durch die Lepra entstandenen offenen Wunden immer wieder.“ Das Gesundheitsteam nahm schließlich Kontakt zur Familie der jungen Frau auf. „Es war ein Wunder, denn es geschah etwas, das wir nicht mehr für möglich gehalten hatten: Die Eltern nahmen ihre Tochter und die Enkelin wieder in den Familienkreis auf.“

Es gibt also auch Geschichten, die sich zum Guten wenden – auch die von Ebere Awoke. Die heute 44-Jährige hatte typische Lepra-Flecken im Gesicht, an den Armen und Beinen. Schon länger wusste sie, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Sie verlor das Gefühl in ihren Gliedmaßen und stürzte oft. Schließlich kam sie in das bekannte Referenzkrankenhaus. Insgesamt 14 Monate blieb sie in Behandlung. Zwischendurch kehrte sie nach Hause zurück, doch die Pigmentstörungen im Gesicht ließen sie zur Außenseiterin werden. „Es gab keine Treffen mit Freundinnen mehr, alle glaubten, ich habe eine böse Krankheit“, sagt sie.

Zum Glück hielt die Familie zu ihr. „Heiraten wollte mich keiner mehr, das war schlimm“, ergänzt sie. Mit einem Leidensgenossen fand sie ihr Ehe-Glück und bekam vier Kinder. „Er hatte mehrere Amputationen und Deformationen“, sagt sie. Seit zwei Jahren ist Ebere Awoke verwitwet. Sie hat sich ausgesöhnt mit ihrer Krankheit, möchte nicht mit Bitterkeit zurückblicken. „Das Leben geht weiter. Heute bin ich zur Wundversorgung da, die die Krankheit immer noch erfordert.“ In der Werkstatt des Krankenhauses werden gerade ihre Sandalen repariert. Matthew Ivom wartet schon auf sie, denn man hilft sich gerne gegenseitig.


Die DAHW Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe mit Sitz in Würzburg unterstützt von Lepra Betroffene in Nigeria schon seit 60 Jahren und seit drei Jahren durch die nationale Partnerorganisation RedAid Nigeria.

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Sabine Ludwig Römisch-katholische Kirche

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