Kommentar um "5 vor 12"

Europa braucht missionarische Laien

Die Seligsprechung von Pauline Marie Jaricot zeigt, was heute gefordert wäre: Selbstbewusste Laien, die tapfer evangelisieren.
Pauline Marie Jaricot
Foto: Wikicommons | Pauline Jaricot steht modellhaft für Laienchristen, die sich nicht in kirchlicher Selbstreflexion verlieren sondern der Welt Christus zeigen wollen.

„Männerkirche“? – Von wegen! Wer starke Frauen in der Geschichte der Kirche sucht, findet eine Überfülle. Power-Frauen mit und ohne Ordensgewand, die das Evangelium ohne Rabatt ernst genommen und so Kirche und Welt verändert haben. Nicht nur die ersten Zeugen der Auferstehung des Herrn waren Frauen. Quer durch die ganze Geschichte der Kirche zieht sich das unerschrockene Glaubenszeugnis gläubiger Frauen.

Damals wie heute revolutionär

Eine, die initiativ wurde ohne auf Bischöfe oder Synoden zu warten, wird nun seliggesprochen: Pauline Marie Jaricot. Im deutschen Sprachraum fast unbekannt, hat die in Lyon geborene Tochter eines reichen Seidenfabrikanten den entscheidenden Anstoß zur späteren Gründung der Päpstlichen Missionswerke geliefert. Mit 17 Jahren begann sie, ihr Vermögen an notleidende Arbeiter, Kranke und verarmte Familien zu verschenken. Drei Jahre später gründete sie in Frankreich einen Missionsverein, dessen Mitglieder sich verpflichteten, täglich ein Gebet zu verrichten und wöchentlich einen Sou zu spenden.

Lesen Sie auch:

Revolutionär war das damals: Eine junge Frau ergreift im weithin säkularen, von der Französischen Revolution spirituell verwüsteten Frankreich eine missionarische Initiative. Sie wirbt um Gebet und Spenden. Und sie unterstützt damit nicht gezielt französische Missionare, sondern – ungeachtet der Herkunft – alle katholischen Missionare in der Welt.

Der Welt Christus zeigen

Revolutionär ist ihr Ansatz auch heute: Pauline Jaricot steht modellhaft für Laienchristen, die sich nicht in kirchlicher Selbstreflexion verlieren, die ihren Eifer nicht in den Umbau der Kirche oder in endlose Strukturdebatten investieren, sondern der Welt Christus zeigen wollen. Gerade weil sie ein missionarisches Herz hatte, veränderte sie die Blickrichtung einer Kirche, die damals, am Beginn des 19. Jahrhunderts, tief in der Krise steckte. Aus Paulines Missionsverein wurde das „Päpstliche Werk der Glaubensverbreitung“. Und in Frankreich erblühte neuer missionarischer Eifer.

Am Montag hat der Vatikan bekannt gegeben, dass Pauline Jaricot am 22. Mai 2022 seliggesprochen wird: eine Einladung zur Blickumkehr für Laien, die sich in frustrierendem Gremialismus verfangen haben, aber ebenso ein Umkehrruf an Ortskirchen, deren Glaubenszeugnis in der ekklesialen Beschäftigung mit sich selbst unterzugehen droht.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Themen & Autoren
Stephan Baier Bischöfe Gebete Jesus Christus Kirchen und Hauptorganisationen einzelner Religionen Missionare Notleidende Seligsprechungen Synoden Säkularisation Töchter Verwüstung

Kirche

Eröffnung der zweijährige Weltsynode im Vatikan
IM BLICKPUNKT

Für eine Kirche, die anders ist Premium Inhalt

Die bis 2023 dauernde Weltsynode beginnt mit der größten Befragung der Menschheitsgeschichte. Über die Gründe für diesen vom Papst gewollten Prozess kann man nur spekulieren.
16.10.2021, 17 Uhr
Guido Horst