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Gregor von Nazianz: Ein Theologe der alten Kirche

Ein Quellenwerk über den heiligen Gregor von Nazianz bietet Einsichten in das Denken eines überzeugten Christen.
Gregor von Nazianz gehörte zu den konzilserfahrenen Hirten der frühchristlichen Zeit.
Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Gregor von Nazianz gehörte zu den konzilserfahrenen Hirten der frühchristlichen Zeit.

Zeiten des Umbruchs und der Krise bieten der Kirche die Chance, sich ganz neu auf ihren Ursprung, die göttliche Offenbarung des Herrn und das Zeugnis der Apostel und Väter, zu besinnen und sich in lebendigen Bezug dazu zu setzen. Gregor von Nazianz wird schon in den Akten des Konzils von Chalcedon als Theologe bezeichnet, was grundsätzlich nur äußerst wenigen Kirchenvätern zuteil wurde. Sein Denken hilft uns, mitten in den Turbulenzen der Zeit nicht den Mut zu verlieren und den Blick auf das zu richten, was am Ende zählt und tatsächlich ins Gewicht fällt. Wer nicht dem Zeitgeist hinterherhecheln will, sondern wirklich nach Gott fragt, wird bei Gregor von Nazianz Ermutigung und Wegweisung finden. Es tut gut, eine so besonnene und auf Ausgleich bedachte Stimme wahrzunehmen, die nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern zur Quelle vordringt und diese freilegt. Die Aufgabe des Prometheus war es, das Feuer vom Himmel zu holen, und das ist dem heiligen Gregor gelungen. Demütig und bescheiden schreibt er: „Nein, ich habe bloß eine Quelle wieder freigelegt, die zuvor verborgen und verschüttet war – wie die Knechte des Isaak: Sie haben nicht nur ,Brunnen voll lebendigen Wassers‘ selbst ausgegraben, sondern auch diejenigen wieder gereinigt, die die Philister zugeschüttet hatten.“

Ad fontes, zurück zu den Quellen, war der Ruf der Renaissance; zurück zur Quelle war der Leitspruch der Reformatoren. Bei den Kirchenvätern der ungeteilten Kirche und auch bei Gregor von Nazianz können die Christen des 21. Jahrhunderts lernen, was das – recht verstanden – tatsächlich heißt. Es lohnt sich, die Texte unbefangen auf sich wirken zu lassen. Notker Baumann, der sich schon in seiner Habilitationsschrift intensiv mit der theologischen Arbeit des heiligen Gregor von Nazianz befasste, hat – zusammen mit dem Übersetzer Christoph Hartmann – im Rahmen der zweisprachigen Buchreihe „Fontes Christiani“ – dessen Konstantinopler Reden (Orationes 32–37) vorgelegt, ergänzt mit einer auf seiner Habilitationsschrift fußenden Einleitung und kommentierenden Fußnoten.

Gedanklicher Reichtum kommt zutage

Die Einleitung zeigt verschiedene Perspektiven, in denen das Werk und die Person Gregors angeschaut werden können. Sie bietet im ersten Teil Informationen über den „Autor und seinen historischen Kontext“: knapp über „Persönlichkeit, Werdegang und Verortung“, sehr viel ausführlicher über die für die beiden letzten Lebensjahrzehnte Gregors besonders relevanten „Kaiser und ihre Kirchenpolitik“, namentlich Valens und Theodosios. Eigens behandelt werden sodann „Gregors Ruf nach Konstantinopel“, „das Edikt Cunctos populos und sich daran anschließende Verordnungen“, die „gestörte Ostervigil im Jahr 380“, die „Maximus-Affäre“ sowie – sozusagen als Kulminations- und Höhepunkt der Darlegung – die „Ankunft des Kaisers in Konstantinopel“ und die „Übergabe der Apostelkirche“.

Der zweite Teil der Einleitung bietet Informationen zu den Konstantinopler Reden Gregors im Allgemeinen und eine inhaltliche Zusammenfassung jeder einzelnen Rede im Besonderen. Aufschlussreich ist es, die Texte der Einleitung parallel beziehungsweise synchron zu diesen Reden selbst zu lesen, weil auf diese Weise der gedankliche Reichtum der Reden, der stringente Aufbau und ihr innerer Zusammenhang noch viel deutlicher zutage treten. Da ist wirklich nichts zufällig, jedes I-Tüpfelchen ist sorgsam bedacht.

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Gregor ist kein Süßholzraspler, er weiß, wovon er spricht. Und es beeindruckt, wie er – unbeeindruckt von den äußeren Umständen und zugleich durchdrungen von der göttlichen Liebe – der Wahrheit gegen beträchtlichen Widerstand zum Durchbruch verhilft. Gregor predigt zunächst als „Haupt der noch nicht vollständig etablierten nicänischen Gemeinschaft in der Anastasia-Kapelle“ in Konstantinopel und lässt sich von der kleinen Anzahl der Gläubigen nicht aus dem Konzept bringen: „Wo sind sie, die die ,Kirche‘ über die Mitgliederzahl bestimmen und die ,kleine Herde‘ verachten? (Lk 12, 32) …“ Zu Recht heißt es in der Einleitung zu dieser Stelle, dass es Gregor hier „um die Qualität des Glaubens, nicht aber um die Anzahl der Gläubigen gehe“. In einer späteren Rede lobt er die anwesenden Zuhörer seiner Predigt: „Ihr seid nicht Hals über Kopf der Masse nachgelaufen, habt nicht den Glauben an der Zahl der Gläubigen bemessen, … wolltet nicht (statt Gottes Volk, von Gottes Wort gereinigt) Pöbel sein.

Wahrer Theologe

In eine ähnliche Kerbe schlagen die kritischen Anmerkungen Gregors zum Thema „Anpassung an den Zeitgeist“, so dass einmal mehr deutlich wird, dass Gregor tatsächlich zu der Leben spendenden Quelle, zu Gott selbst vorgedrungen ist. Gregor ist und spricht als Bischof, und er ist sich seiner Stellung, Überzeugungskraft und Verantwortung überaus bewusst: „Eine Menge von denen, die jetzt noch Wölfe sind, muss ich bald unter die Schafe zählen – wenn nicht gar unter die Hirten! Diese frohe Botschaft verkündet mir der ,gute Hirte‘, um dessentwillen ich ,mein Leben gebe für die Schafe‘ (Joh 10, 11). Ich habe keine Angst, nur eine ,kleine Herde‘ (Lk 12, 32) zu haben ... und ich ,erkenne die Meinen und die Meinen kennen mich‘ (Joh 10, 14). So geht es denen, die Gott kennen und von ihm erkannt sind (vgl. 1 Kor 8, 3). ,Meine Schafe hören auf meine Stimme‘ (Joh 10, 27) – das heißt auf die Stimme, die ich selbst in den göttlichen Schriften vernahm. Die ich von den heiligen Vätern gelernt habe, um sie selbst zu lehren, in jedem Augenblick gleich, ohne mich anzupassen an die Wirren der Zeit …“. Oder an anderer Stelle: „Empöre dich nicht über die Tradition! Jage nicht dem Zeitgeist hinterher, damit du bei der Mehrheit gelitten bist!“

Gregor ist tatsächlich Theologe, seine Worte und Gedanken über Gott und Christus gründen darin, dass er bei seinem Reden Gott die Ehre gibt und weiß, wovon er spricht, wenn er von Gott spricht. Denn wer das Gute „um seiner selbst willen hegt und pflegt, der hat beständiges Interesse daran, da er etwas liebt, das Bestand hat. Und so fühlt er fast wie Gott und kann mit Gott zusammen sprechen: ,Immer bin ich ein und derselbe, und der Wandel ist mir fremd‘ (Mal 3, 6; Jak 1, 17). Und er wird sich weder ändern noch umstellen noch anpassen an die Verhältnisse oder die Zeit, indem er stets ein anderer wird und immer neue Farben annimmt, wie die Polypen die Farben der Felsen, an die sie sich jeweils halten, sondern er wird immer ein und derselbe bleiben, im Schwankenden fest und sicher, wo alles sich umdreht – wie ein Felsen, denke ich, den weder der Ansturm des Windes erschüttern kann noch die Brandung der Wogen, ja, im Gegenteil: Er selbst bricht in seiner Nähe die Kraft all dessen, was wider ihn anstürmt.“

Wider den Standesdünkel

Wenn Gegner dem heiligen Gregor seine nicht-elitäre, ärmliche Herkunft vorwerfen, so verweist er auf den Adel der menschlichen Natur, ist der Mensch doch dazu geschaffen, Gottes Ebenbild zu sein, Gott ähnlich zu werden: „Jeder ist adlig, der dieses Bild kraft seiner Tugend und seiner Neigung zum Urbild treulich bewahrt hat; ordinär dagegen, der zuließ, dass das Böse es ruiniert und eine andere Gestalt sich darüberlegt… .“ Sein diesbezüglicher Beweisgang schürft tief, die dabei zu Tage tretende Anthropologie hat starke Beachtung verdient. In welchem Ausmaß Gregor die Leben spendende Quelle berührt hat, zeigen auch seine präzisen, in intimer Kenntnis der göttlichen Überlieferung formulierten Sätze zur Gleichberechtigung von Mann und Frau und zur Ehepastoral, die ein beherzigenswertes Beispiel dafür geben, wie auch heute mit den entsprechenden Problemen umzugehen ist. Nicht vergessen sei, dass Gregor von Nazianz als Patriarch dem zweiten Ökumenischen Konzil von Konstantinopel vorgestanden und als solcher maßgeblich dazu beigetragen hat, das in der orthodoxen Kirche gültige Glaubensbekenntnis (das sogenannte Nicäno-Constantinopolitanum) zu formulieren. Dem Herder-Verlag ist für ein Quellenwerk zu danken, das für die Herausforderungen der Gegenwart einen nicht zu unterschätzenden, bedeutenden Beitrag leistet.

Gregor von Nazianz. Orationes 32-37. Konstantinopler Reden. Griechisch. Deutsch. Eingeleitet und kommentiert von Notker Baumann. Übersetzt von Christoph Hartmann. Fontes Christiani. Zweisprachige Neuausgabe christlicher Quellentexte aus Altertum und Mittelalter. Band 99, Herder, Freiburg, 2023, 336 Seiten, EUR 48,–

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