Palästina

Michel Sabbah: Die christliche Stimme Palästinas

Von Macht, Frieden und dem Recht auf Aufstand: Ein Porträt des emeritierten Lateinischen Patriarchen von Jerusalem,
Michel Sabbah
Foto: Unbekannt | "Michel Sabbah stand für unseren Schmerz und erhebt weiterhin seine Stimme“, betont Filmemacherin Lily Habasch.

Er ist ein spiritueller Mensch, einer, der Ruhe ausstrahlt, ein Mann der leisen Töne. Und doch war einer seiner ersten Sätze als neuernannter Lateinischer Patriarch von Jerusalem: „Die Menschen haben ein Recht auf Freiheit, ein Recht auf Aufstand.“ Mit seiner klaren Ansage hat Michel Sabbah, der erste gebürtige Palästinenser auf dem Stuhl des Patriarchen sich gleich zu Beginn eines Wirkens eindeutig positioniert. Und der 30-minütige Film, den Filmproduzentin Lily Habasch gemeinsam mit dem Regisseur Mohammend Alatar über den Priester und Bischof gedreht hat, macht eindrucksvoll deutlich, warum dies so ist.

Ein Film über den früheren Patriarchen

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Gezeigt wurde er am Freitagabend im Rahmen der vom Weltkirchenrat veranstalteten weltweiten ökumenischen Woche für den Frieden in Israel und Palästina in der Akademie der Diözese Rottenburg Stuttgart in Hohenheim, einer Hybridveranstaltung, an der Interessierte auch online teilnehmen konnten. Der Film stellte die ruhige, konzentrierte und zugleich ein inneres Feuer ausstrahlende Persönlichkeit des Patriarchen und seine Stellung zur bislang ungelösten Situation in seinem Bistum in einer Zusammenschau von Szenen dar, die den Eindruck der in Israel zwischen den streitenden Parteien herrschenden Polarisierung eindrucksvoll ins Bild setzten. Er machte sichtbar, warum Michel Sabbah in dem Konflikt und im Hinblick auf eine mögliche Lösung so eine wichtige Rolle spielt.

„Uns Palästinensern mangelt es an Führungspersönlichkeiten. Patriarch Sabbah ist mit seiner Hingabe für unsere Sache und seiner universellen Botschaft beispielhaft: Er stand für unseren Schmerz und erhebt weiterhin seine Stimme“, betonte Lily Habasch in der sich an den Film anschließenden Gesprächsrunde. Der Weg zu einem sicheren Platz Israels führt, so ist Michel Sabbah zutiefst überzeugt, über einen Frieden mit den Palästinensern.

Hass überwinden

Der bisherige, von Hass, Krieg und dem Ausspielen militärischer Überlegenheit geprägte Weg führe nicht zum Ziel, so der Patriarch. Seine Botschaft des Friedens, die er gemeinsam mit einer Reihe Palästinensischer Christen im Kairos-Palästina-Dokument formulierte, überstrahlt und erhellt die provokative Feststellung Sabbahs, der betont, „ich bin an der Seite des palästinensischen Volkes, nicht, weil ich Palästinenser bin, sondern weil ich Mensch und Christ bin“. Seine Forderung an Israel, Frieden mit den Palästinensern zu schließen und deren Recht auf ein freies Leben in ihrem Land zu respektieren sieht er vor allem in der Vormachtstellung Israels begründet.

Der Film von Lily Habasch und Mohamed Alatar auf YouTube: 


Wer Frieden und Krieg in der Hand habe, so Sabbah, müsse Frieden sagen. Dies betrifft aus Sicht des Bischofs sowohl Israel selbst als auch die Internationale Gemeinschaft, die in der Pflicht sei, auf Israel Druck auszuüben. „Von den Palästinensern Frieden zu verlangen und ihnen gleichzeitig zu sagen, „ihr bekommt nichts“, ist keine Lösung“, stellte Sabbah, der von 1999 bis 2007 Präsident von Pax Christi war, fest. Zieht man eine Summe unter die teilweise hoch umstrittenen Positionen des Patriarchen und hört ihm aufmerksam zu, legitimiert er die Gewaltexzesse, die sich mit der Intifada verbinden, nicht. „Gewalt ist die Tochter der Ungerechtigkeit, mit Gerechtigkeit wird die Gewalt verschwinden“, sagt er.

Unfrieden im Herzen 

Damit macht Sabbah deutlich: Die Situation im Heiligen Land hat ihre Wurzel im Unfrieden, der im Herzen der Menschen herrsche. Und genau dort, in der Herzmitte der Persönlichkeit, kann auch der Friede wachsen. Dazu ist es aber nötig, die bisherigen politischen Polarisierungen zu überschreiten und das natürliche Recht der Menschen – auch der Palästinenser in Israel – selbstbestimmt und frei in ihrem Land zu leben, anzuerkennen. Um diesen Prozess voranzubringen, müssen laut Sabbah die längst beschlossenen Resolutionen umgesetzt werden. Hier sieht er die Weltgemeinschaft in der Verantwortung, die Israel klarmachen müsse, dass seine Existenz nur zu sichern sei, wenn alle Menschen, die im Heiligen Land zu Hause sind, dort in Frieden leben können. Aber genau hier liegt das Problem, wie Sabbah bei seinem Scheiden aus dem Amt des lateinischen Patriarchen betonte. Denn in Israel ist die Angst vor dem Frieden größer als die vor dem Krieg.

Innenschau über den Konflikt

Dass Sabbah diese Innenschau in den Konflikt in seinem Land offensteht, ist die natürliche Folge dessen, dass er selbst dort verwurzelt ist und die Freuden und Hoffnungen, den Schmerz und das Leid seiner Landsleute am eigenen Leib erlebt hat. Darum reagiert er mit klarer Schärfe, wenn er auf Theologen trifft, die die Heilige Schrift in der politischen Auseinandersetzung instrumentalisieren. Israel und Palästina sieht Sabbah, wie es auch im Kairos-Palästina-Dokument zu lesen ist, als Brennglas an, in dem man die Konflikte der Menschheit und ihre Lösung studieren kann. Gottes Gegenwart in Israel, ebenso wie in jedem anderen Land, sieht er als Aufruf, Ungerechtigkeit und Krieg zu beenden und das so sehr von Unfrieden geprägte Heilige Land zu einem Land der Versöhnung und des Friedens zu machen.

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