Paris

Christophe Geffroy: Strenge Aspekte von „Traditionis custodes“ revidieren

Das Bild, das Papst Franziskus von Traditionalistenkreisen zeichnet, entspreche nicht der Wirklichkeit, meint Christophe Geffroy, Chefredakteur der französischen Zeitschrift „La Nef“, im Gespräch mit der Tagespost. Eine kleine traditionalistische Minderheit müsste sich aber kritisch selbst prüfen.
Christophe Geffroy
Foto: privat | Auch wenn die Einschätzung des Papstes zu den Traditionalisten stark verzerrt sei, "ist sie gleichwohl nicht total falsch", meint Christophe Geffroy.

Monsieur Geffroy, der Philosoph, Schriftsteller und bekennende Atheist Michel Onfray hat sich im „Figaro“ für die „alte Messe“ ausgesprochen. Hat das Motu proprio „Traditionis custodes“ auch Auswirkungen auf Nichtgläubige in Frankreich?

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Michel Onfray ist tatsächlich als Atheist bekannt und hat am 19. Juli in der Zeitung Le Figaro ein unerwartetes Plädoyer für die tridentinische Messe veröffentlicht. Manche Argumente sind sympathisch und stimmig, andere eher vage und sogar zweifelhaft, besonders die kategorische Behauptung, „das Zweite Vatikanum hat mit allem Heiligen und jeder Transzendenz Schluss gemacht“. Unter den Nichtgläubigen ist Michel Onfray in diesem Fall die Ausnahme: Die Entchristlichung ist so weit fortgeschritten, dass ein Großteil unserer Zeitgenossen nichts mehr von der Religion weiß. Sie stehen allen religiösen Auseinandersetzungen fremd gegenüber, nicht aus Feindseligkeit, sondern aus Unkenntnis und somit Gleichgültigkeit. Eine Debatte über die Form der Messe übersteigt ihren Horizont.

Selbst weniger traditionsnahen französische Bischöfe haben milde auf „Traditionis custodes“ reagiert. Wie erklären Sie sich diese Reaktion?

"Zweifellos sind die Bischöfe selbst sehr von der Strenge
der Maßnahmen und der Härte dieses Textes,
der so wenig väterlich gegenüber den Anhängern
der tridentinischen Messe ist, überrascht worden"

Tatsache ist, dass die Reaktionen der französischen Bischöfe Traditionalistenkreise insgesamt beruhigt haben. Die Französische Bischofskonferenz hat am 17. Juli in einer Mitteilung Wertschätzung für die „Tradis“ gezeigt: Sie (die Bischöfe, A.d.Ü.) möchten den Gläubigen und ihren Seelsorgern, die die Messe gewöhnlich nach dem Missale des hl. Johannes XXIII. feiern, ihre Aufmerksamkeit und Wertschätzung für den geistlichen Eifer dieser Gläubigen zeigen, für ihre Entschlossenheit, die Mission gemeinsam in der Gemeinschaft der Kirche nach den geltenden Normen fortzusetzen. Zweifellos sind die Bischöfe selbst sehr von der Strenge der Maßnahmen und der Härte dieses Textes, der so wenig väterlich gegenüber den Anhängern der tridentinischen Messe ist, überrascht worden. Sie wollten das durch eine pastorale Haltung gegenüber diesem Teil der Herde ausgleichen. Es sind die Bischöfe, die in der vordersten Reihe stehen und die Situation vor Ort kennen. Sie wissen, dass die Beschreibung der Traditionalistenkreise von Papst Franziskus nicht der Wirklichkeit entspricht – von wenigen Diözesen abgesehen. Sicher versuchen sie auch diese Minderheit nicht gegen sich aufzubringen, um nicht in einen Konflikt und ein Tauziehen zu geraten, das für alle nur schädlich sein kann. Die Bischöfe waren also so klug, die Betriebstemperatur herunterzufahren, und das gereicht ihnen zur Ehre.

Sie haben eine Revision von „Traditionis custodes“ vorgeschlagen. Könnte das ein Weg zum liturgischen Frieden sein?

Es erscheint mir vollkommen legitim, respektvoll um eine Revision der strengsten Aspekte von TC zu bitten, denn die Maßnahmen des Papstes stützen sich auf eine Einschätzung der Traditionalistenkreise, die nicht der Wirklichkeit der großen Mehrheit dieser Bewegung vor Ort entspricht. Daher wirkt sie ungerecht. Bis dahin bleibt nichts anderes übrig, als den Weg des Gehorsams zu gehen und der väterlichen Güte der Bischöfe zu vertrauen, die mit der Umsetzung dieses Motu proprio betraut sind.  

Auch wenn die Einschätzung des Papstes stark verzerrt ist, ist sie gleichwohl nicht total falsch. Man muss wohl oder übel zugeben, dass die Äußerungen des Papstes auf eine kleine Minderheit von „Tradis“ zutreffen, die in voller Gemeinschaft mit Rom (und somit außerhalb der Piusbrüder) steht. Für Letztere könnte das Motu proprio somit Anlass sein, sich selbst einmal kritisch zu prüfen, beispielsweise mit Blick auf die Weigerung, die neue Messe zu feiern und somit die Chrisammesse mit dem Ortsbischof zu konzelebrieren. Wenn es ihnen gelingt, sich dieser nicht neuen Bitte der Kirche zu öffnen, würden sie gewiss zum liturgischen Frieden in der Kirche beitragen und würden bestimmt eine Reform von „Traditionis custodes“ fördern.

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