Washington

Fall McCarrick: Laisierter Kardinal ignorierte offenbar Sanktionen

Der ehemalige Washingtoner Erzbischof, Theodore McCarrick, soll bereits 2008 vom Vatikan mit Sanktionen belegt worden sein, gleichzeitig jedoch regelmäßig gegen diese verstoßen haben. Dies geht aus der Korrespondenz McCarricks mit führenden vatikanischen Amtsträgern hervor.

McCarrick hat offenbar regelmäßig gegen Sanktionen verstoßen
War der Papst damals schon über die Sanktionen gegen McCarrick im Bilde? Franziskus bei einem Treffen mit dem laisierten Kardinal in Washington im September 2015. Foto: Jonathan Newton / Pool (The Washington Post)

Neue Wendungen in der Causa McCarrick: Der ehemalige US-Kardinal, der von Papst Franziskus wegen Missbrauchs Minderjähriger in den Laienstand versetzt wurde, soll bereits im Jahr 2008 vom Vatikan mit Sanktionen belegt worden sein, gleichzeitig jedoch regelmäßig gegen diese verstoßen haben. Dies geht aus einem neuen Dokument hervor, über welches das katholische US-Portal „cruxnow.com“ berichtet.

McCarrick offenbar an Verhandlungen mit China beteiligt

In dem zehnseitigen Dokument zitiert ein ehemaliger Sekretär Theodore McCarricks, Anthony Figueiredo, aus mehreren Briefen des heute 88-Jährigen, die belegen sollen, dass dieser immer wieder in den Vatikan reiste und auch an Verhandlungen teilnahm, beispielsweise um den Deal zwischen dem Vatikan und China auszuhandeln. Zudem soll Figueiredo „Cruxnow“ den Schriftverkehr McCarricks mit führenden Amtsträgern aus dem Vatikan zur Verfügung gestellt haben.

In der „Cruxnow“ vorliegenden Korrespondenz behauptet der ehemalige Erzbischof von Washington, der Vatikan habe die gegen ihn erhobenen Sanktionen, ein zurückgezogenes Leben zu führen und von öffentlichen Auftritten abzusehen, geheim halten wollen. Der Grund dafür, so McCarrick: Man habe die öffentliche Aufmerksamkeit vermeiden wollen.

McCarrick bestreitet sexuellen Missbrauch, räumt aber ein, das "Bett mit Seminaristen geteilt" zu haben

Aus der Korrespondenz geht laut „Cruxnow“ weiter hervor, dass McCarrick spätestens ab dem Frühjahr 2009 eine rege Reisetätigkeit aufnahm, und sowohl unter dem emeritierten Papst Benedikt XVI. wie auch unter Papst Franziskus diplomatische Aufgaben erfüllte (wie beispielsweise die Verhandlungen mit China). Diese Tätigkeiten übte McCarrick dann wohl auch nicht mehr im Geheimen aus, da er zwischen 2013 und 2017 regelmäßig mit Papst Franziskus Korrespondenz pflegte, um ihn über seine Reisen und diplomatischen Geschäfte auf dem Laufenden zu halten.

Zudem bestreitet McCarrick die Vorwürfe, sexuellen Kontakt zu Seminaristen und Minderjährigen gepflegt und diese missbraucht zu haben. „Ich hatte nie eine sexuelle Beziehung zu irgendjemanden“, schreibt er, räumt aber gleichzeitig ein „mangelndes Urteilsvermögen“ seinerseits ein, da er das Bett mit 20- bis 40-Jährigen Seminaristen geteilt habe. „Als die Probleme sexuellen Missbrauchs allmählich ans Licht kamen, habe ich gemerkt, dass dies leichtsinnig und dumm ist und damit aufgehört“, schrieb McCarrick offenbar 2008 an einen führenden Vatikan-Diplomaten.

Mehrere kirchliche Amtsträger sollen von Sanktionen gewusst haben

Mehrere kirchliche Amtsträger sollen laut McCarrick Kenntnis von den gegen ihn verhängten Sanktionen gehabt haben, unter ihnen McCarricks Nachfolger im Amt des Washingtoner Erzbischofs, Kardinal Donald Wuerl, sowie der vatikanische Staatssekretär unter Benedikt XVI., Kardinal Tarcisio Bertone. Auf Anfrage von „Cruxnow“ bestritt Kardinal Wuerl, der im vergangenen Jahr aufgrund seines Umgangs mit der Missbrauchskrise in der US-Kirche als Washingtoner Erzbischof zurückgetreten war, jedoch weiterhin, von Sanktionen gegen McCarrick gewusst zu haben.

Wie „Cruxnow“ angibt, habe man die E-Mails und Nachrichten, die von McCarricks ehemaligem Sekretär Figueiredo zur Verfügung gestellt wurden, bereits von einem Experten für Cybersicherheit prüfen lassen. Dieser habe bestätigt, dass die Mails tatsächlich von McCarricks Postfach verschickt worden seien.

DT/mlu

Die Hintergründe zu diesem Thema finden Sie in der Wochenausgabe der Tagespost. Kostenlos erhalten Sie die Zeitung hier.