Würzburg

Segnung homosexueller Paare: Keine halben Sachen!

Der Publizist Bernhard Meuser bezweifelt, dass gleichgeschlechtlichen Paaren und der Kirche wirklich gedient ist, wenn überall in katholischen Kirchen Westeuropas „Segensfeiern für Liebende“ stattfinden. In einem Gastbeitrag für die Tagespost erklärt er, weshalb - und worum es für ihn bei den Segnungsaktionen in Wahrheit geht.

Segnung homosexueller Paare in Baden-Baden
Pastoralreferent Norbert Kasper (r) segnet das gleichgeschlechtliche Paar Jürgen und Jürgen vor einer Autobahnkirche in Baden-Baden. Foto: Benedikt Spether (dpa)

Wahrscheinlich kennt jeder von uns das nette schwule oder lesbische Paar um die Ecke, dem man mit Sympathie begegnet und nichts Böses unterstellt. Auch in religiöser Hinsicht gehen die Zwei einen schweren Gang. Ob ihnen und der Kirche allerdings wirklich gedient ist, wenn jetzt überall in katholischen Kirche Westeuropas „Segensfeiern für Liebende“ aufgehen wie die Maiglöckchen auf der Frühlingswiese? 

Muss noch schnell 'n Klärwerk segnen

In Pfarrer Michael A. Leja, der einmal Kaplan von Kardinal Lehmann war, kommt ihnen ein rühriger Kleriker entgegen, der mehr im kirchlichen Angebot haben will, als das, was Papst Franziskus in Amoris laetitia an Entgegenkommen zu bieten hat: „Die Kirche ist im Besitz einer soliden Reflexion über die mildernden Bedingungen und Umstände. Daher ist es nicht mehr möglich zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten ,irregulären' Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben.“ (AL 301) Des Pfarrers Youtube-Video heißt „Muss noch schnell 'n Klärwerk segnen!“ Natürlich geht es ihm nicht um die pastorale Sorge für Klärwerksbetreiber, sondern einmal mehr um die „homosexuell Liebenden“. Der Pfarrer schlägt das „Benediktionale“ auf, ein offiziell für den deutschen Sprachraum approbiertes Buch, und liest die wohlgesetzte Segensbitte für das Klärwerk vor. Natürlich hat das den Sinn, dass der entgeisterte Zuschauer sich an den Kopf schlägt und in den kollektiven Seufzer verfällt: „Für alles haben diese realitätsferne Kirche einen Segen parat, nur nicht für homosexuelle Menschen!“ 

Ich stelle mir vor, ich wäre Gemeindemitglied in Ober-Olm oder Klein-Winternheim und müsste mich zwischen dem Papst und Michael A. Leja entscheiden. Ich müsste entweder die Kirche für ein gnadenloses Klärwerk halten, den Papst für einen menschenfernen und hartherzigen Potentaten, oder aber den Herrn Pfarrer für einen Populisten und sein Videostück für ein Stück abgefeimter Kirchen-Volksverdummung. Versuchen wir eine Unterscheidung in der Sache Segen/Segensverweigerung.

Der Segen und die „simplificateurs terribles“

Erstens: Segen kommt von Gott und nicht von der Kirche. Zweitens: Die Kirche hat nicht nur die Vollmacht, sondern sogar die Pflicht zu segnen. Drittens: Mehr noch als Geräte, Tiere, Naturelemente sind Menschen auf den Segen Gottes angewiesen. Viertens: Kein Mensch – natürlich auch kein homosexueller Mensch - ist vom Segenswillen Gottes ausgeschlossen. Das alles scheint gegen den Papst und für Michael A. Leja zu sprechen. 

Aber das Kennzeichen der „simplificateurs terribles“ (dt. schlimme Vereinfacher) ist, dass sie oft bloß an der Oberfläche recht haben. Man muss die Dinge noch genauer betrachten: Der Segen ist kein bestätigender Akt für alles, was sich unter der Sonne Gottes an Lebenswirklichkeit ereignet. Jede Segensbitte richtet sich an den gnädigen Gott – und jede Segensbitte ist mit einer sogenannten „Intention“ versehen, einer guten Absicht, einem sinnvollen Ziel. Diese Intention muss erstens real sein. Ich kann Gott beispielsweise nicht darum bitten, dass ich fliegen kann, wo ich dabei bin, mich in den Abgrund zu stürzen. Genauso wenig kommt eine Segensbitte bei Gott an, wenn sie auf ein Ziel gerichtet ist, das in sich falsch oder böse ist. Würde ich Gott um Segen in einem Prozess bitten, mittels dessen ich den Nachbarn um sein Eigentum betrüge, würde das unterhalb der Wolkendecke abprallen, ja, es wäre sogar Blasphemie (= Gotteslästerung). 

Aber ist denn nicht genau das eine gute und Gott wohlgefällige Intention, wenn gleichgeschlechtliche Partner um Segen für ihre Liebe bitten? Auch das spricht wieder für Michael A. Leja. Freilich nur so lange, wie man die „Liebe“ etwas genauer unter die Lupe nimmt. Liebe gibt es in verschiedenen Formen, die wiederum eine eigene Gestalt haben und eigenen Gesetzen folgen. Die Liebe eines Vaters zu seinem Kind eine andere Liebe, als die Liebe zwischen Mann und Frau, und die wiederum sieht anders aus als die Liebe, die zwei Freunde miteinander verbindet. Die Liebe der Freundschaft - „philia“ – kann tief und stark sein. Ich denke da zum Beispiels an zwei, die einen halbes Leben miteinander Berge bestiegen haben und füreinander durch´s Feuer gehen würden. Obwohl sie diese tiefe Freundschaftsliebe haben, würde es ihnen im Leben nicht einfallen, miteinander ins Bett zu gehen. Es wäre, würden sie das tun, nicht mehr Freundschaft, sondern etwas Anderes – nämlich erotische Liebe. 

Liebe – ganz irdisch und ganz himmlisch

Die erotische Liebe bildet eine Herzlinie und ein essentielles Moment im schöpferischen Offenbarungshandeln Gottes, und zwar durch die gesamte Heilige Schrift hindurch. Vom Buch Genesis an gibt es die Vision „Liebe als Hochzeit“, sie wird genauestens beschrieben als eine Ganzheit aus verschiedenen Elementen. Dazu gehört, dass es eine Sache zwischen Mann und Frau ist, dass es eine exklusive Sache ist (d.h. andere Lieben ausschließt), dass es es eine Sache für immer ist, und dass es - wenn es mit rechten Dingen zugeht - genau in dieser Liebe (und nirgends sonst) zu einer leiblichen Vereinigung kommt, aus der neues Leben hervorgeht. Dieser ganze Komplex steht aber nicht isoliert für sich im Gelände, als wäre es nur Widerspiegelung „heteronormativer“ Realität. Diese Liebe ist ganz irdisch und ganz himmlisch. Sie ist das großen „Ebenbild“ der Liebe selbst, die Gott ist und die sich im Herzen der Schöpfung noch einmal ereignet – als Geheimnis einer unausdenkbaren Hochzeit und neuen Lebens. Das Phänomen gleichgeschlechtlicher Liebe wird an keiner Stelle der Heiligen Schrift in diesen Horizont von Hochzeit genommen, und auch in der Kirche wird diese Realität – lassen wir einmal alle negativen Einschätzungen von Sünde und „objektiv ungeordnet“ beiseite - nie anders, denn als Ausdruck von „Freundschaft“ (KKK 2359) betrachtet – Freundschaft, die eine bestimmte Grenze überschreitet. 

Worum es in Wahrheit geht

Was nun in der mit Hochdruck und rebellischer Praxis vorgetragenen Forderung nach liturgischen Segnungen für homosexuelle Liebende gewollt ist – das ist doch sehr die Frage. Ich behaupte: Es geht den Betreibern gar nicht um die vordergründig vorgetragene symbolische Aufhebung von Diskriminierung und die liturgische Demonstration der grenzenlosen Güte Gottes für alle Menschen. Es geht ihnen um Hochzeit, und um nichts weniger. Sie möchten als Teil B „Ehe für Alle“  ins Rituale Romanum. Dass die Geschichte in Wahrheit darauf hinauslaufen soll, blitzt verräterisch durch die fromme Attitüde des Erfurter Liturgikers Kranemann, der jüngst äußerte: „Segensfeiern sind Hochformen christlicher Liturgie, vergleichbar mit der Taufe.“ Jetzt meint er aber nicht das Klärwerk? 

Die Ehrlicheren unter den Betreibern von #liebegewinnt, machen ja auch gar keinen Hehl daraus, dass es ihnen darum geht, das Ehesakraments mittelfristig für gleichgeschlechtliche Paare zu öffnen. Den noch Ehrlicheren, wie dem bekennend schwulen Theologe Ruben Schneider, genügt das mit den homosexuellen Paaren vor dem Traualtar in keiner Weise. Man höre und staune: „Es handelt sich um eine Fortführung traditioneller, exklusiver und heterosexuell normierter Paarungsmuster, und dadurch wird ,im Endeffekt die Strukturierung bzw. prinzipielle Diskriminierung vielfältiger Lebens- bzw. Liebensformen nach heterosexuellem Muster weiter ausgebaut: Ein gutes Paar ist nur ein verheiratetes Paar – kein nicht-verheiratetes Tripel, kein Polygam und auch keine andere Lebensgemeinschaft'.“ 

Macht hoch die Tür!

Recht hat er. Wenn schon das Junktim und die große Konstante biblisch-christlicher Ehe- und Sexualmoral aufgebrochen wird – sie lautet noch immer: Sexualität gehört exklusiv in die lebenslange, auf Fruchtbarkeit ausgerichtete Ehe zwischen Mann und Frau, muss mindestens darauf hingeordnet sein – wenn Sex also auch in anderen Konstellationen als „Mann/Frau/für immer“ möglich sein soll, dann bitte richtig. Dann sind Kai und Uwe vor dem Hochaltar bürgerlicher Kitsch. Dann sollten wir die Kirche ganz aufmachen. Dann ist Sex irgendwas für alle, die sich handelseinig sind. Dann brauchen wir im Rituale Romanum auch noch die Teile C, D und E. Ob die Trauung dann noch ein Sakrament ist, wenn von ihr nicht mehr viel übrigbleibt als eine unspezifische Zeremonie über unspezifische Absichten unspezifischer Personen?

Tatsächlich macht der Reformwille nicht an der liturgischen Oberfläche Halt. Schon verkündet die Erfurter Dogmatikerin Julia Knop. Homosexualität sei einfach eine „Normvariante“ allgemeiner Sexualität. Die Frauen, die Paulus im Auge hatte, als er den Römerbrief schrieb, „vertauschten“ also den „natürlichen Verkehr“ nicht etwa „mit dem widernatürlichen“ (Röm 1,26), sondern mit einer Variante von natürlich. Und die Männer, die den „natürlichen Verkehr mit der Frau“ (Röm 1,27) aufgaben und in „Begierde zueinander“ entbrannten, „trieben mit Männern“ nicht etwa „Unzucht“ (Röm 1,27), für die sei bei Paulus noch „den ihnen gebührenden Lohn für ihre Verirrung“ erhielten. 

Bei Julia Knop erhalten sie das verdiente Lob für ihre Entscheidung. Durch die Künste der Interpretation wird die Steinzeit-Ethik der Heiligen Schrift in ihr Gegenteil verkehrt. Bei Julia Knop und anderen erscheint Homosexualität plötzlich als von Gott gewollte gute Schöpfung; und dass der „Mann bei einem Mann liegt, wie man bei einer Frau liegt“ (Lev 20,13) ist nach der Entdeckung der Liebe im 20. Jahrhundert auch kein Gräuel mehr. Homosexuelle Praxis hat nichts mit der Gebrochenheit menschlicher Existenz nach dem Sündenfall zu tun, also auch mit nichts, was nur entfernt mit Sünde, Irrtum, Krankheit, Schuld oder Mangel zu tun haben könnte. Für Julia Knop ist sie ein „vom Schöpfer gegebenes, prägendes Moment der Persönlichkeit, der Leiblichkeit, der Identität", auf dem Segen liegt. Man fragt sich nur, ob die ganze Vielfalt sexuellen Begehrens, die man in der Vergangenheit durch die Brille der Konkupiszenz (= der ungeordneten Begierde) betrachtet, auch zur natürlichen, gottgewollten Grundausstattung des Individuums gehört. Könnte nicht auch ein Pädophiler sein Begehren für ein „vom Schöpfer gegebenes, prägendes Moment der Persönlichkeit, der Leiblichkeit, der Identität", halten, auf dem Segen liegt?

Nietzsche meinte von allen Religionen, sie seien „auf dem untersten Grunde Systeme von Grausamkeiten.“ Man kann auch annehmen, dass sie auf dem untersten Grund Systeme von Ordnung und Orientierung, Heil und Heilung sind. Das Unbehagen aus der Welt zu schaffen, dass ich nicht in allem bestätigt werde, was ich zu sein glaube und für mein Glück meine haben zu müssen, schafft letztlich Gott aus der Welt, weil man man ihn selbst (und nicht nur seine Gebote) als „faustgrobe Antwort“ missversteht, „ein faustgrobes Verbot an uns: ihr sollt nicht denken!“ Am Ende aller Differenzierungen, meinte einmal C.S. Lewis, „werden nur zwei Gruppen von Menschen vor Gott stehen – jene, die zu Gott sagen: Dein Wille geschehe, und jene, zu denen Gott sagt: Dein Wille geschehe."

Lesen Sie ausführliche Hintergründe zur Aktion der "Segensgottesdienste für Liebende" rund um den 10. Mai in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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