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Ein Segen, der das Band der Pastoral bis zum Zerspringen dehnt

Warum er auch jetzt dem Papst die Stange hält, erklärt Bernhard Meuser in einem ganz persönlichen Kommentar zum Schreiben „Fiducia supplicans“.
Worum es Papst Franziskus in „Fiducia supplicans“
Foto: IMAGO/ULMER (www.imago-images.de) | Ein Segen ist nur dann ein Segen, wenn damit nicht der Anschein erweckt wird, etwas würde gerechtfertigt und „abgesegnet“, was gegen Gottes Gebot und also Sünde ist.

In 20 Jahren wird es die „Ehe für alle“ in der katholischen Kirche geben! Mit diesem Satz triumphierte ein betroffener katholischer Theologe in einer Nachrichtensendung des öffentlich-rechtlichen Fernsehens am 18. Dezember, wobei er tief blicken ließ. Er verriet erstens seine Unkenntnis und zweitens die wahren Absichten der an sexuellen Revolutionen Interessierten Kreise in der katholischen Kirche. 

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Natürlich wird es das Junktim zwischen „katholisch“ und katholischer Ehe-Lehre (Mann und Frau, unauflöslich, Abbild Gottes ...) auch in 20 Jahren noch geben, oder es wird die katholische Kirche nicht mehr geben. Der Mann ließ zudem wissen, dass es den Protagonisten nicht um Verständnis und Akzeptanz geht, sondern um das Umstoßen einer 2.000 Jahre alten Kirchensäule: Dass Sexualität nämlich nach Gottes Gebot und aus sehr guten natürlichen Gründen in die unauflösliche Verbindung von Mann und Frau gehört und dass es daneben ein weites Feld gibt, für das im Neuen Testament und im Mund Jesus das Wort „porneia“ vorgesehen ist.

Der Papst könnte das genaue Gegenteil seiner Absichten erreichen

Man kann schon fragen, was dem Papst eingefallen ist, in diesen Tagen ein Dokument zu veröffentlichen, das rechts und links alle Flanken aufmacht und Missverständnissen jeder Art Tür und Tor öffnet. Es kann gut sein, dass „Fiducia supplicans“ für Papst Franziskus die gleiche Rolle spielen wird, die der Fall Williamson für seinen Vorgänger spielte. Von da an war dessen Pontifikat zu Ende. Werden nicht afrikanische, amerikanische, osteuropäische Bischöfe und Kardinäle toben, ihm die Gefolgschaft aufkündigen, die Tage bis zu seinem natürlichen Ende zählen?

Ja, es kann sein, dass „Fiducia supplicans“ das genaue Gegenteil von dem hervorruft, was Papst Franziskus intendierte: neue Verhärtungen, statt mehr Verständnis. Das Erste, was mir ein Freund schrieb, als die Nachricht durch die Medien ging, war: „Unfassbar! Der Papst spaltet die Kirche.“ Könnte es nicht sein, dass dieses interpretationsbedürftige Papier aus Rom ein Schisma hervorruft, gegen das die schmutzige deutsche Variante ein Kindertheater ist? Ein anderer Freund schrieb mir: „Pass auf, es ist die gleiche Nummer wie bei der Abtreibungsgesetzgebung; erst hieß es ,rechtswidrig aber straffrei‘ und heute klagen sie Abtreibung als Menschenrecht ein!“

Ich möchte hier zwei Dinge versuchen: Erstens möchte ich erklären, warum ich auch jetzt dem Papst die Stange halte. Zweitens möchte ich erklären, was gemeint, und was nicht gemeint ist. Beginnen wir mit dem Papst. 

Eine Kirche am Petrusamt vorbei gibt es nicht

Als tief verwurzelter Katholik glaube ich mit allen Vätern und Müttern des Glaubens, mit allen Heiligen und allen Frommen, dass es eine katholische Kirche am Petrusamt vorbei nicht gibt. Nebendran sind nur rechte und linke Sekten. Das bedeutet freilich nicht, dass man nicht wie Paulus, Hildegard, Bernhard, Franziskus, Katharina dem Papst mit Freimut ins Angesicht widerstehen könnte, wo es Gründe für die Ansicht gibt, dass der aktuelle Stelleninhaber gerade am Evangelium scheitert. Das heißt auch nicht, dass man für unfehlbar halten müsste, was der Papst fehlbar und fehlend – also wiederum am Evangelium vorbei – lehrt. Aber bis es soweit kommt, genießt der Papst einen pneumatischen Vertrauensvorschuss. 

Dass es diesen unmöglichen Jorge Bergoglio gibt (wie es zuvor den anders unmöglichen Joseph Ratzinger gab), hat etwas mit dem Heiligen Geist zu tun, mit einer Botschaft an das Volk Gottes. Der ist ein falscher Papst, der allen gefällt. Der Papst der wehtut, der Rätsel aufgibt, der Unruhe schürt, verdient es, dass wir genau (also wiederum pneumatisch) hören, „was der Geist den Gemeinden sagt.“ (Offb 2,7) 

Papst Franziskus als Papst annehmen, heißt, ihm die Rolle als Agent Provocateur des Lieben Gottes zuzugestehen. Er hat das angekündigt in seiner Rede im Vorkonklave, als er aufforderte, „an die Ränder zu gehen. Nicht nur an die geografischen Ränder, sondern an die Grenzen der menschlichen Existenz: die des Mysteriums der Sünde, die des Schmerzes, die der Ungerechtigkeit, die der Ignoranz, die der fehlenden religiösen Praxis, die des Denkens, die jeglichen Elends.“ Nun geht er an die Ränder, exponiert er sich in der Liebe zu allen, die draußen sind, dehnt das Band der Pastoral bis zum Zerspringen, lehrt missverständlich, und, und, und. Es ist fast nicht zum Aushalten. Ich hoffe, dass ich es aushalte. Ich hoffe, dass die Kirche diesen Papst aushält – und dass sie auch vertrauensvoll zu verstehen sucht, was er über „Fiducia supplicans“ (= flehendes Vertrauen) sagen möchte.

Der Unterschied zwischen rituellen und allgemeinen Segnungen

Ich möchte den Unterschied zwischen den nach wie vor (und auch im jüngsten Dokument) verbotenen offiziellen, rituellen Segnungen und dem allgemeinen Segen noch einmal etwas vereinfacht (und dann an Beispielen) erklären: 1. Absolut jeder Mensch ist segenswürdig. 2. Segen setzt nicht moralische „Würdigkeit“ voraus – weder bei dem Menschen, der segnet, noch bei dem Menschen, der Segen empfängt. 3. Um einen Segen bitten, heißt, sich mit Gottes Hilfe auf den Weg zum Guten machen wollen. Der Mensch der gesegnet wird, kann um Segen nur im Horizont der Vaterunserbitte „Dein Wille geschehe“ bitten. Wer um Beistand für das Böse bittet, lädt eher Fluch denn Segen auf sein Haupt. 4. Auch der Mensch, der segnet, bittet Gott für einen oder mehrere andere einzig um das, was Gott will. 5. Ein Segen ist nur dann ein Segen, wenn damit nicht der Anschein erweckt wird, etwas würde gerechtfertigt und „abgesegnet“, was gegen Gottes Gebot und also Sünde ist.

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Genau um diese feinen Unterschiede geht es dem Papst in „Fiducia supplicans“. Dort heißt es in Nr. 11. „dass, wenn bestimmte menschliche Beziehungen durch einen besonderen liturgischen Ritus gesegnet werden, das, was gesegnet wird, den in die Schöpfung eingeschriebenen und von Christus, dem Herrn, vollständig geoffenbarten Plänen Gottes entsprechen muss. Da die Kirche seit jeher nur solche sexuellen Beziehungen als sittlich erlaubt ansieht, die innerhalb der Ehe gelebt werden, ist sie nicht befugt, ihren liturgischen Segen zu erteilen, wenn dieser in irgendeiner Weise einer Verbindung, die sich als Ehe oder außereheliche sexuelle Praxis ausgibt, eine Form der sittlichen Legitimität verleihen könnte.“ Deutlicher geht es nicht mehr. Sind bestimmte deutsche Bischöfe in ihrer Lektüre schon bis Nr. 11 des Dokumentes vorgedrungen?

Nehmen wir ein paar Beispiele: Die Mutter, die ihr Kind segnet, segnet in Hinsicht auf Schutz und Bewahrung, nicht in Hinsicht auf wohlgelungene Schummeleien. Wenn ein Priester am Ende der Messe segnet, sagt er nicht: „Jetzt gehen mal bitte alle raus, die nicht würdig sind“, und er sagt auch nicht an der Kommunionbank: „Kommen Sie mal zur Seite, wir müssen erst mal ihre Lebensumstände analysieren!“ 1 Kor 11,29 („...der isst und trinkt sich das Gericht“) wird dadurch nicht entkräftet. Es ist ein Unterschied, ob sich ein  gleichgeschlechtliches Paar einer allgemeinen unspezifischen Segnung unterzieht (hoffentlich in der richtigen Intention, die ganz ihre Sache ist), oder ob die beiden Bräutigame mit Sträußchen am Revers aufschlagen, die Verwandtschaft mit klappernden Sektflaschen und Luftballons im Hintergrund – dies mit der kaum verhohlenen Absicht, sich etwas zu erschleichen, was wie Ehe aussieht. Noch ein bisschen konkreter: Würde jetzt der Bischof von Speyer sagen: „Kommt alle, die ihr gesegnet werden wollt, nach Maria Rosenberg. Wir machen‘s offiziell, feiern eine schöne Liturgie und segnen, was gesegnet werden will“, würde er die Katholiken seines Bistums einen guten Grund geben, nach Rom zu schreiben und ihn des Amtsmissbrauches zu bezichtigen. 

Der Text sollte nicht missbraucht werden

Möglich, dass der Papst in seiner grenzensprengenden Liebe zu Menschen („Alle, alle, alle ...“), eben auch zu Menschen mit dysfunktionaler Sexualität, einen Text in die Welt entlassen hat, der tiefes theologisches Studium erfordert und nicht eben mal digital verwurstet und missbraucht werden kann. In Franziskus gibt es eine eherne Gewissheit: Alle Menschen brauchen göttliche Hilfe, Wagenladungen von Segen – gerade dann, wenn man Heilung braucht, weil man mit Gott, dem Nächsten und sich nicht im Reinen ist.

Was für eine wundervolle, tiefe Theologie offenbart sich dem Leser, wenn er reinen Herzens (!) diese Passage kontempliert, zu dem, was bleibt, wenn es den eheanlogen Segen nicht gibt, noch jemals geben kann: „In diesen Fällen wird ein Segen gespendet, der nicht nur einen aufsteigenden Wert hat, sondern auch die Anrufung eines herabsteigenden Segens von Gott selbst für diejenigen ist, die sich als mittellos und seiner Hilfe bedürftig erkennen und nicht die Legitimation ihres eigenen Status beanspruchen (!), sondern darum bitten, dass alles, was in ihrem Leben und ihren Beziehungen wahr, gut und menschlich gültig ist, durch die Gegenwart des Heiligen Geistes bereichert, geheilt und erhöht wird. Diese Formen des Segens sind Ausdruck der Bitte an Gott, jene Hilfen zu gewähren, die aus den Anregungen seines Geistes hervorgehen – die die klassische Theologie ,helfende Gnaden‘ nennt –, damit die menschlichen Beziehungen in der Treue zur Botschaft des Evangeliums reifen und wachsen, sich von ihren Unvollkommenheiten und Schwächen befreien und sich in der immer größeren Dimension der göttlichen Liebe ausdrücken können.“ Danke, Papst Franziskus!

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