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„Fiducia supplicans“: Ein Spaltpilz aus Rom

Der Präfekt der Glaubenskongregation findet den Türöffner für Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare, doch der Coup könnte nach hinten losgehen. 
Die Kirche bleibt gleichgeschlechtlichen Paaren eine klare pastorale Linie schuldig, wenn sie im Namen der Seelsorge Verwirrung schafft.
Foto: Harald Oppitz (KNA) | Die Kirche bleibt gleichgeschlechtlichen Paaren eine klare pastorale Linie schuldig, wenn sie im Namen der Seelsorge Verwirrung schafft.

Der neue Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Kardinal Víctor Manuel Fernández, hat geliefert, was sein im Gästehaus „Domus Sanctae Marthae“ residierender Chef bestellt hatte: die Aufhebung der Anfang 2021 erfolgten Bekräftigung des Dikasteriums, dass die Kirche über keine Vollmacht verfüge, gleichgeschlechtliche Paare zu segnen. So lautete das negative „Responsum“ von Kardinal Luís F. Ladaria, des früheren Präfekten des Dikasteriums. 

Obwohl Ladaria wie Papst Franziskus Jesuit ist, kam der Pontifex mit dem brillanten spanischen Theologen nie zurecht. Und so beförderte er schließlich seinen Landsmann und Ghostwriter an die Spitze des Dikasteriums für die Glaubenslehre. Mit der Erklärung „Fiducia supplicans“ (Flehendes Vertrauen) über den pastoralen Sinn von Segnungen vom 18. Dezember hat Fernández seinen Förderer nicht enttäuscht. Geschickt unterwirft er das „Responsum“ einer „kreativen“ Lesart, die den Text gegen den Strich bürstet und Kontinuität simuliert, wo keine besteht. Es gehe, so heißt es, ausschließlich um eine pastorale Vertiefung des „Responsum“. Liturgische Rituale für Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare, die Verwirrung stiften könnten hinsichtlich der Natur der Ehe als „Verbindung eines Mannes und einer Frau [...], die durch ihren gegenseitig erklärten Ehewillen einen ausschließlichen und unauflöslichen Bund schließen“, blieben weiterhin verboten. 

Möglich seien dagegen pastorale, nicht nichtritualisierte Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare, etwa bei einer Wallfahrt zu einem Heiligtum oder einer Pilgerreise. Sakralräume wie Kirchen und Kapellen werden als Ort von Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare zwar nicht explizit genannt, aber auch nicht ausgeschlossen. „Fiducia supplicans“ hält die Unterscheidung zwischen gottesdienstlichen und pastoralen Segnungen aber nicht durch, wie die herangezogenen Vergleiche mit den zum Bereich der „pia exercitia“ gehörenden Andachten, die zweifelsohne Gottesdienstformen sind, und die „Feier der Segnung älterer Menschen“ aus dem „Benediktionale“ deutlich machen.

„Pastorale“ Segnungen: Geschickte Finte

Segnungen fallen unter die liturgische Kategorie der Sakramentalien. Auch wenn Sakramentalien von der Feier der Sakramente klar abgegrenzt sind, handelt es sich doch um gottesdienstliche Handlungen. Und wer wollte bezweifeln, dass es sich beim Segen, den ein geweihter Amtsträger über ein gleichgeschlechtliches Paar spricht, eine gottesdienstliche Handlung darstellt, mag es dafür auch keinen universal- oder ortskirchlich festgelegten Ritus geben. 

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Die Unterscheidung zwischen liturgischen und pastoralen Formen des Segens ist ein kunstvoller Trick. „Tucho“ Fernández trägt den Spitznamen eines legendären argentinischen Fußballstürmers. Eine Finte ist ebenso die Distinktion zwischen der aufsteigenden und absteigenden Dimension von Benediktionen. Nicht, dass es keine theologische Bedeutung hätte, hier zu unterscheiden, doch der über Menschen und Paare gesprochene Segen Gottes ist immer beides, Lobpreis und Zuspruch in der Form der Bitte. Die Legitimation einer gleichgeschlechtlichen Verbindung soll mit ihrer Segnung aber nicht verbunden sein, doch ist dies genau die Erwartung, die mit Segnungen verbunden ist. Demgegenüber bekräftigt die Erklärung der vatikanischen Glaubensbehörde „die beständige Lehre der Kirche über die Ehe“. „Da die Kirche seit jeher nur solche sexuellen Beziehungen als sittlich erlaubt ansieht, die innerhalb der Ehe gelebt werden, ist sie nicht befugt, ihren liturgischen Segen zu erteilen, wenn dieser in irgendeiner Weise einer Verbindung, die sich als Ehe oder außereheliche sexuelle Praxis ausgibt, eine Form der sittlichen Legitimität verleihen könnte.“  

„Segen light“ reißt Lehre und Pastoral auseinander

Die Erklärung „Fiducia supplicans“ täuscht Kontinuität vor, wo keine besteht. Das geht so weit, dass über die „kreative“ Lesart des „Responsum“ von 2021 hinaus, am Ende auch noch zusammenhanglos aus einer Predigt von Papst Benedikt XVI. zitiert wird, in dem dieser Maria und die Kirche als Mittlerin des überreichen Segens Gottes preist. Faktisch reißt „Fiducia supplicans“ Lehre und Pastoral der Kirche weit auseinander. Das ist der Grund, warum das Echo auf „Fiducia supplicans“ so heterogen ist. Die einen sehen in der Bekräftigung der Lehre und dem „Segen light“ für gleichgeschlechtliche Paare einen Skandal, andere eine entscheidende Zäsur hin zur Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften, andere einen verhängnisvollen Dammbruch.

 Die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare wird hierzulande schon länger praktiziert, mit signifikanten Ritualisierungen für gleichgeschlechtliche Paare; im Internet kursieren entsprechende gottesdienstliche Segensformulare. Die deutschen Bischöfe werden Segnungen gleichgeschlechtlicher Paare im liturgischen Rahmen, obschon von der Erklärung „Fiducia supplicans“ verboten, nicht unterbinden. Beim Synodalen Weg hatte die Mehrheit der Bischöfe nichts weniger als ritualisierte Segensfeiern für alle Paare, die sich lieben, gefordert, einschließlich gleichgeschlechtlicher Paare. Die deutschen Oberhirten werden unbeirrt ihren eigenen Weg gehen. Die Deutsche Bischofskonferenz arbeitet schon an einer Handreichung zu Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare. Unmittelbar nach der Veröffentlichung von „Fidicua supplicans“ kündigte der Administrator des Bistums Rottenburg-Stuttgart an, bald gottesdienstliche Materialien für die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare zu veröffentlichen. 

„Fiducia supplicans“ bleibt weit hinter dem zurück, was den meisten Bischöfen hierzulande an Segnungsfeiern vorschwebt. Schließlich fordert die Mehrheit des deutschen Episkopats substanzielle Änderungen der kirchlichen Lehre über die Ehe, während die US-Bischöfe die Lehre unmittelbar nach Veröffentlichung von „Fiducia supplicans“ bekräftigten. Der Spalt in der Weltkirche wird durch die neue Erklärung des Vatikans noch tiefer werden. Der Coup von Franziskus und seinem Vertrauten könnte nach hinten losgehen.

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