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Segnungen homosexueller Paare: Am Ende verliert die Pastoral

Was nach ein paar üppigen Weihnachtsessen noch von „Fiducia supplicans“ im Gedächtnis übrig sein wird, ist jetzt schon klar: Der Papst erlaubt Segnungsfeiern für alle, immer und überall.
Vatikan-Dokument zur Segnung homosexueller Paare
Foto: IMAGO/Guido Schiefer (www.imago-images.de) | Zwar betont das Dokument des Glaubensdikasteriums ausdrücklich, dass jedwede Nähe zum Ehesakrament vermieden werden muss, doch für das Kleingedruckte wird sich in drei Wochen niemand mehr interessieren.

Es ist die größte Erschütterung eines für die katholische Kirche ohnehin bereits erdbebenreichen Jahres. Was der Präfekt des Glaubensdikasteriums als „Weiterentwicklung“ des Lehramts bezeichnet, zieht nichts weniger als einen Bruch mit der kirchlichen Praxis und Lehre nach sich. Schon jetzt ist klar, was nach ein paar üppigen Weihnachtsessen noch von der Erklärung „Fiducia supplicans“ (Das flehende Vertrauen) im öffentlichen Gedächtnis hängengeblieben sein wird: Der Papst erlaubt die Segnung homosexueller Paare. So oder so ähnlich titeln bereits jetzt fast sämtliche Medien. 

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Nicht gelesen, falsch verstanden oder bewusst selektiv wahrgenommen: Was offensichtlich für jene Kommentatoren gilt, die nun behaupten, in Zukunft könne kein Bischof homosexuellen Paaren mehr eine Segensfeier verweigern, gilt umso mehr für den durchschnittlichen Kirchgänger. Geschweige denn für Menschen, die ihre Kirchbesuche nach dem gängigen TTT-Modell gestalten: Taufe, Trauung, Totenmesse. Die theologischen und zum Teil widersprüchlichen Feinheiten – oder soll man sagen, Spitzfindigkeiten? – des Dokuments werden den meisten Menschen entgehen.

Die Synodalfraktion ist in Feierlaune

In Deutschland ist die Synodalfraktion jedenfalls in Feierlaune, sieht sie sich doch auf ihrem Weg bestätigt, die auf der Bibel begründete Sexualmoral durch einen queerfreundlichen Begriff der sexuellen Vielfalt zu ersetzen. Dass eine verschämte Öffnung des Vatikans in Richtung Segensfeiern hier nur der erste Schritt sein kann, daran lassen die Reaktionen aus dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken und dem BDKJ keine Zweifel. Wem das seit Amoris laetitia übliche Drehbuch bekannt ist – wovon man bei den Spitzen der vatikanischen Hierarchie durchaus ausgehen darf –, der fragt sich unwillkürlich, ob nicht genau das die erhofften Reaktionen sind, die im Endeffekt auf eine Normalisierung von Segensfeiern für Paare jenseits der kirchlichen Ehe hinauslaufen.

Download: Grundsatzerklärung "Fiducia supplicans"

Wer‘s nicht glaubt, für den sei daran erinnert, wie 2017 die Sache mit dem Kommunionempfang für wiederverheiratet Geschiedene ausgegangen ist. Nachdem Franziskus in Amoris laetitia eine Tür im Rahmen einer intensiven geistlichen Begleitung geöffnet hatte, ist in vielen Diözesen dieser Welt – nicht zuletzt deutschen – der Kommunionempfang für wiederverheiratet Geschiedene zur Routine geworden. Eine fürsorglichere Pastoral gab es dadurch nicht. Im Gegenteil: Menschen, die sich aufgrund von empfangenen oder zugefügten Verletzungen in Gewissensnöten befinden, Geschiedene, die sich weiterhin ihrem Eheversprechen verpflichtet fühlen und auf eine neue Beziehung verzichten, Wiederverheiratete, die freiwillig auf den Kommunionempfang verzichten, sie alle sind unsichtbar geworden. Und dürften sich mittlerweile irgendwie ziemlich blöd vorkommen. Genauso wie Menschen, die seit Jahren unermüdlich in der Familienpastoral tätig sind und die befreiende Kraft der kirchlichen Lehre zu Sexualität und Ehe tagtäglich erleben dürfen. 

Was jetzt folgt, ist klar

Denn was nun folgt, ist schon jetzt klar: Zwar betont das Dokument ausdrücklich, dass jedwede Nähe zum Ehesakrament vermieden werden muss, doch für das Kleingedruckte wird sich in drei Wochen niemand mehr interessieren. Nur spontane Segensgesten, aber keine Feier, keine Hochzeitskleidung, kein Zusammenhang mit einer zivilen Trauung? Wer wird sich denn von solch kleinlichen Nebensächlichkeiten anfechten lassen! Explizit lehnt die Erklärung auch jedwede Ritualisierung, geschweige denn die Einführung eines offiziellen Rituals ab. Die deutsch-synodale Kirche hat jedoch bereits im März die Erstellung eines Segensformulars entschieden, entsprechende Vorlagen existieren längst. Der Druck auf Priester und Bischöfe, die sich weiterhin mit Hinweis auf die objektive Sündhaftigkeit von Sexualität außerhalb der Ehe weigern, Segensfeiern für „Paare, die sich lieben“, durchzuführen, wird immer unerträglicher werden. Das Drehbuch ist geschrieben, der Rest spult sich nur noch ab. Verlierer ist die Pastoral. Denn um kontinuierliche geistliche Begleitung dürfte es den wenigsten von denen gehen, die jetzt laut nach einer kirchlichen „Ehe für alle“ schreien.

Es zeugt von unfassbarer Naivität, wenn das Glaubensdikasterium meint, dass es nicht genau so kommen wird. Vor kurzem noch hat sich die Synode zur Synodalität dagegen entschieden, die genannten Segnungsfeiern in ihr Abschlussdokument aufzunehmen. Wie nun diese Erklärung dem gemeinsamen Gehen der Kirche dienen soll, bleibt im Dunkeln.

Lesen Sie weitere Hintergründe zur neuen Grundsatzerklärung des Glaubensdikasteriums in der kommenden Ausgabe der "Tagespost".

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