Vatikanstadt

Es war einmal ein „Stellvertreter Christi“

Das neue Jahrbuch des Vatikans stuft den päpstlichen Titel „Vicarius Christi“ als historische Fußnote ein.

Franziskus küsst Pestkreuz
Papst Franziskus küsst während seines außerordentlichen Segens "Urbi et orbi" am Eingang des Petersdoms ein Kruzifix, das 1552 in einer Prozession durch Rom getragen wurde, um die große Pest zu stoppen. Foto: Yara Nardi (REUTERS/AP)

Das „Annuario Pontifio“, das jedes Jahr um diese Zeit erscheinende Jahrbuch des Vatikans mit allen Angaben über die Hierarchie der katholischen Kirche, hat in seiner jüngsten Ausgabe für 2020 die Bezeichnung des Papstes „Stellvertreter Christ“ als „historischen Titel“ in eine Fußnote verbannt. Bisher erschien diese dem aktuellen Pontifex gewidmete Seite, die den Abschnitten über das Kardinalskollegium, die Bischöfe der Welt und die vatikanischen Dikasterien vorangeht, unter der Überschrift „Vicario di Gesù Cristo“. Dann folgten die weiteren Titel des Papstes: Nachfolger des Apostelfürsten, Oberster Pontifex der universalen Kirche, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der römischen Provinz, Souverän des Staates der Vatikanstadt, Diener der Diener Gottes. Diese Titel haben eine unterschiedliche beziehungsweise gar keine dogmatische Bedeutung. Dass aber der Papst Stellverterer Christi ist, ergibt sich aus der Heiligen Schrift, in der Jesus dem Petrus die Schlüsselgewalt in der Kirche verliehen hat.

Früher "Vicario di Gesù Cristo", jetzt "Jorge Mario Bergoglio"

Nach der Auflistung der päpstlichen Titel folgten dann bisher auf der dem Papst gewidmeten Seite der Name des aktuellen Amtsinhabers, eine kurze Biografie und die Daten der Wahl und des Amtsantritts. In der neuesten Ausgabe des Päpstlichen Jahrbuchs heißt es aber jetzt als Überschrift auf der Seite, da wo früher die Worte „Vicario di Gesù Cristo“ standen: „Jorge Mario Bergoglio“. Es folgt sofort der Abriss der Biografie von Franziskus, dann die Tage der Papstwahl und des Amtsantritts. Schließlich nach einem Strich, der den Beginn der „Fußnoten“ verdeutlichen soll, werden die – so wörtlich – „historischen Titel“ des Pontifex genannt: Stellvertreter Jesu Christi, Nachfolger des Apostelfürsten, Oberster Pontifex der universalen Kirche, Primas von Italien, Erzbischof und Metropolit der römischen Provinz, Souverän des Staates der Vatikanstadt, Diener der Diener Gottes.

Auf Veranlassung von Franziskus selbst

Den erstaunten Nutzern des Päpstlichen Jahrbuchs war sofort klar, dass eine derartige Änderung auf der „Papstseite“ nur auf Veranlassung von Franziskus selbst geschehen sein kann. Ein Kenner der Materien im Vatikan folgerte daraus gegenüber der „Tagespost“ ein „gebrochenes Amtsverständnis“ des amtierenden Papstes. Schwerwiegender sei es allerdings, so derselbe Experte, dass auch die dogmatisch gewichtigen Papsttitel  „Nachfolger des Apostelfürsten“ und „Oberster Pontifex der universalen Kirche“ als historische Fußnoten herabgewürdigt wurden. Ebenfalls gegenüber dieser Zeitung sprach Kardinal Gerhard Müller in diesem Zusammenhang von einem „theologischen Dilettantismus von Statistikern“, auch wenn diese Änderung im Jahrbuch des Vatikans „von interessierter Seite voller Heuchelei wieder als Zeichen großer Demut  angepriesen werden sollte“.

Lesen Sie gleich einen Kommentar von Kardinal Gerhard Müller zu den Änderungen im Jahrbuch des Vatikans. Weitere Hintergründe und Berichterstattung folgen in der kommenden Ausgabe der Tagespost. Holen Sie sich das ePaper dieser Ausgabe kostenlos hier .