Potsdam

„Rembrandts Orient“ in Potsdam: Orientalische Träume

Ein einzigartiger Coup: „Rembrandts Orient“ – Das Museum Barberini Potsdam gibt neue Einblicke in die niederländische Malerei und das Lebensgefühl des 17. Jahrhunderts. Geprägt war diese Gesellschaft von den Erfahrungen der Handels-und Pilgerreisenden, durch Exotik und wachsenden Wohlstand.

Rembrandt Harmensz. van Rijn; David übergibt Goliaths Haupt dem König Saul; 1627
Mit exotischen Kleidungen kamen die Maler der Epoche Rembrandts dem Lebensgefühl der Sehnsucht nach dem Fremden nach. Rembrandt Harmenszoon van Rijn: „David übergibt Goliaths Haupt dem König“, 1627. Foto: Kunstmuseum Basel, Vermächtnis Max Geldner, Basel

Schon beim Betreten des ersten Saales mit dem Thema „Mit Turban und Seidenrock. Der Orient zu Hause“ empfängt den Besucher das zentral gehängte großformatige Gemälde „Assueer Jacob Schimmelpenninck van der Oije (1631–1673) mit Diener und Hund“ von Dirck van Loonen (1619/20–1711) mit rauschenden Farben. Der Dargestellte, gerade von einer längeren Reise in die Levante zurückgekehrt, ist in einen farbenprächtigen Seidenkaftan gehüllt, mit Säbel, Dolch im Gürtel und federgeschmücktem rotleuchtenden Turban; auf einer Pilgerreise hatte er sein Ziel Jerusalem erreicht und darüber hinaus in Damaskus, Tripoli und Aleppo Station gemacht. Selbstbewusster Blick, die linke Hand lässig an der Hüfte, die rechte ruht auf dem Schädel eines monströsen Hundes, als wolle er sagen: Ich habe meine Christenpflicht erfüllt und den Orient bereist und daher das Recht erworben, die kostbarsten Gewänder zu tragen.

Brillierte mit der Darstellung exotischer Stoffe

Die 1602 gegründete Niederländische Ostindien-Kompanie hatte sich in wenigen Jahren zum bedeutendsten Handelsunternehmen des Landes entwickelt. Mit der Ausweitung des Handels auf andere Kontinente wuchs der Wohlstand im Bürgertum; die Verfügbarkeit der Waren und die Zunahme der Kenntnisse brachten die fernen Länder in die Häuser und Wohnungen der Menschen. In jedem Bürgerhaushalt gab es neben begehrten Waren wie Gewürzen und Tee auch exotische Stoffe, Teppiche und Porzellan. Wer auf sich hielt, sammelte handwerkliche Produkte, Mineralien, Muscheln oder Tierpräparate in sogenannten Kunstkammern (Willem Kalf: „Prunkstillleben“, 1678) – die fernen Länder dazu bereisen musste man nicht.

Dies galt auch für die meisten Künstler. Der bedeutendste unter ihnen, Rembrandt Harmenszoon van Rijn (1606–1669), hat die niederländische Heimat lebenslang nicht verlassen, war aber durchaus vertraut mit fremdartigen Exponaten und dem Anblick von Fremden in den Amsterdamer Straßen. Schon der junge Maler brillierte in der Darstellung exotischer Stoffe und Gegenstände. Seine Orientgemälde und -zeichnungen bilden den Nucleus der vorzüglichen Ausstellung, die dem Besucher eine Reise in die Vorstellungswelt der niederländischen Künstler im 17. Jahrhundert ermöglicht.

Durch sieben Kapitel führt der Weg der wie immer exzellent gehängten Ausstellung, diesmal auf dunkelgrünem Hintergrund.

„Kein calvinistisches Ambiente, keine karge Helligkeit
rationalisieren das göttliche Geheimnis.“

Die Landschaft der Bibel. Der frühe Rembrandt und seine Vorbilder“ bezieht sich auf die im 17. Jahrhundert übliche Historienmalerei in der niederländischen Kunst, mit vor allem alttestamentarischen Sujets – der Orient galt als Schauplatz biblischen Geschehens. Bereits vor Rembrandt wurden diese Gemälde mit orientalischen Attributen ausgestattet. Sein Lehrer Pieter Lastman, mit einigen Werken in der Ausstellung vertreten, lässt die Personen auf seinem größten bekannten Bild „Jephta und seine Tochter“ (1611) orientalisch gewandet auftreten, die Tochter trägt ein prächtig bedrucktes Seidenkostüm, Turbane bedecken die Köpfe der Männer und ein Elefant erscheint im Hintergrund. Auch Rembrandts „David übergibt Goliaths Haupt dem König Saul“ (1627) wartet mit orientalisch inspirierten Stoffen, Turbanen und Waffen auf.

Bei der Landschafts- und Architekturdarstellung kam es offenbar nicht so auf Authentizität an – da ist zwar nichts niederländisch, aber auch nicht morgenländisch; Steine, Hügel und Bäume sind europäisch, die Bauten (Tempel und Paläste) orientieren sich eher an der römischen Antike. Dass man von der noch im 16. Jahrhundert üblichen Verlegung biblischer Themen in die niederländische Gegenwart (Pieter Bruegel d.Ä. hatte um 1565 den „Bethlehemitischen Kindermord“ noch in einem verschneiten flämischen Dorf stattfinden lassen) abgekommen war, war vermutlich dem Protestantismus geschuldet: Die katholische Lehre, wonach das heilige Messopfer stets im Hier und Jetzt stattfindet, war damals nicht mehr allgemein gültig. Umso erstaunlicher, dass Rembrandt „Christus und die Ehebrecherin“ (1644) und auch „Die Beschneidung Christi“ (um 1646, vermutlich Werkstatt nach Rembrandt) in „unprotestantisches“ mystisches Dunkel gehüllt hat. Im Hintergrund ahnt man den prachtvoll ausgestatteten Tempel, das berühmte rembrandtsche Licht fällt nur auf die handelnden Personen. Kein calvinistisches Ambiente, keine karge Helligkeit rationalisieren das göttliche Geheimnis.

Anonymes Personal in prächtigen Gewändern

Die Sehnsucht nach dem Außergewöhnlichen, nach Abenteuer, Pracht und einer luxuriösen Ästhetik entsprang dem nüchternen Weltbild des Protestantismus, der in den Niederlanden vor allem in seiner streng calvinistischen Ausprägung vorherrschte und wenig Raum für Phantasien ließ. Eine ganz eigene Projektionsfläche für diese Bedürfnisse entstand Ende der 1620er Jahre mit einem speziellen Bildtypus: den „Orientalen-Tronies“. Es handelt sich hierbei um Porträts, in denen Phantasiekostüme, die sich mit dem Orient assoziieren ließen, einen ästhetischen Eigenwert erhielten. Es wurden keine bedeutenden Menschen porträtiert, sondern anonyme Personen in prächtigen Gewändern, geschmückt mit Edelsteinen und Turbanen, die als Charakterstudien galten. Rembrandt erwies sich auch hier als Meister, seine Tronies zeichnen sich durch detaillierte Kenntnis und Darstellung der Materialien aus – Brokat und Seide, Gold und Perlen leuchten in einem sinnlichen Glanz, dass man sie, magisch angezogen, berühren möchte. Die Gesichter strahlen Würde, Selbstbewusstsein und Nachdenklichkeit aus. Der Maler stellte sich auch selbst als „Orientalen“ dar („Selbstbildnis in orientalischer Kleidung mit Pudel“, 1631–1633).

 

Auffällig ist das fast völlige Fehlen einer künstlerischen Auseinandersetzung mit den unerfreulichen Begleitumständen des Reichtums: Handelskriege und Sklaverei waren kein Thema. Es gibt einige wenige Schlachtengemälde (Jacques Muller, Johannes Lingelbach, Philips Wouwerman), die aber allgemein gehalten sind. Dies wird Gegenstand von Vorträgen und Symposien sein, auch im (ausgezeichneten) Katalog wird häufig betont, dass die Ausstellung die „damaligen“ Bilder des Fremden thematisiert. Das Exotische wurde geschätzt und in den Lebensstil integriert, mit den Herkunftsländern und deren Einwohnern wollte man sich aber nicht näher beschäftigen, zu einem Austausch kam es selbst unter Wissenschaftlern eher selten. Auch dieser vermeintliche oder tatsächliche Eurozentrismus kann in Diskussionsveranstaltungen und Expertengesprächen hinterfragt werden.

Dem Museum Barberini ist in Zusammenarbeit mit dem Kunstmuseum Basel wieder ein spektakulärer Coup gelungen, den Kuratoren Michael Philipp (Barberini) und Gary Schwartz (Gastkurator) ist es zu verdanken, dass die 110 Exponate, darunter 33 Werke von Rembrandt, von den über 50 Leihgebern nach Potsdam reisen konnten. Den Besuchern wird ein so noch nie gesehener Aspekt der niederländischen Malerei des 16. Jahrhunderts und ihrer Hintergründe vermittelt. Die Ausstellung lohnt jede Anreise.


– Rembrandts Orient (13. März bis 27. Juni 2021). Museum Barberini, Alter Markt, Humboldtstraße 5-6, 14467 Potsdam. Eintrittskarten nur mit Zeitfenster, immer drei Tage im voraus.

– Mit einem umfangreichen Begleitprogramm. Katalog: 328 Seiten, 266 farbige Abbildungen, Prestel Verlag, München 2020, Buchhandel EUR 39,–, in der Ausstellung 30,–

www.museum-barberini.de

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