Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Serie „Heilige Künstler“

Instrumente in der Hand Gottes

In der dreiteiligen Miniserie „Heilige Künstler“ werden besondere schöpferische Christen vorgestellt. Den Anfang machen von Gott inspirierte Maler.
Fra Angelicos „Jungfrau der Demut“ (1433 )
Foto: rafael de la camara via www.imag (http://www.imago-images.de/) | Fra Angelicos „Jungfrau der Demut“ von 1433 .

Inmitten der großen Zahl von Heiligen gibt es auch einige bildende Künstler, mit denen Gott in besonderer Weise sein schöpferisches Werk auf Erden fortsetzt. Die Werke dieser heiligen Kunstschaffenden „scheinen von Menschenhand, aber insgeheim ist Gott ihr Künstler, der die Malerei in der Hand des Künstlers als sein Instrument benutzt“, beschreibt der bekannte Kunsthistoriker Hans Belting die Zusammenarbeit zwischen dem Schöpfer und seinen irdischen Ablegern.

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Den Anfang in der christlichen Malerei macht laut Legende der Evangelist Lukas, der nicht nur das dritte der vier Evangelien und die Apostelgeschichte verfasst hat, sondern auch Arzt war und hervorragende Bildnisse angefertigt haben soll. Erste Hinweise hierzu sind aus dem 8. Jahrhundert aus Byzanz überliefert, während sich die Legende im westlichen Europa erst im Mittelalter durchsetzte. Der Umstand, dass Lukas wahrscheinlich ein Heidenchrist von griechischer Bildung war und der einzige Nicht-Jude unter den Evangelisten, mag zur größeren Glaubhaftigkeit der Malerlegende beigetragen haben. Schließlich lehnten die Juden bildhafte Darstellungen ab, während die Griechen Bildnisse und Skulpturen schätzten.

Am Anfang war Lukas

Lukas hat immer wieder die Muttergottes gemalt – Maria soll ihm sogar häufig Modell gesessen haben. Die ältesten noch erhaltenen Madonnenikonen werden dem Evangelisten zugeschrieben, überhaupt gilt er gemeinhin als ein äußerst produktiver Künstler. Insgesamt soll er mehr als 7 000 Bildnisse der Muttergottes und des Christuskindes geschaffen haben. Allerdings musste man bei einer ersten kunsthistorischen Inventur im 18. Jahrhundert eingestehen, dass Lukas' Lebensspanne wohl nicht gereicht haben dürfte, um alle diese Bilder anzufertigen.

Wie auch immer, seinem Ruf als begnadeten Künstler tat dies keinen Abbruch, Lukasbildern wurde vielmehr eine wundertätige Wirkung nachgesagt. So erzählt Jacobus de Voragine in seiner „Legenda aurea“ von einer Prozession gegen das Wüten der Pest in Rom zur Zeit Gregor des Großen, bei welcher ein Madonnenbild aus der Hand des Evangelisten vorangetragen wurde: „Und siehe, alle Unreinigkeit der Luft floh sichtbarlich vor dem Bild, als könne es seine Gegenwart nicht ertragen; und lautere Klarheit folgte ihm nach. Und es wird erzählt, dass man in der Luft, nahe bei dem Bild, Engelstimmen hörte.“ Die berühmteste Marienikone Roms, „Salus Populi Romani“, in der Kirche Santa Maria Maggiore brachte man gerne mit dem Lukasbild in Verbindung, doch Untersuchungen zeigten, dass die Entstehung der Ikone späteren Datums ist.

Als „Lukasbilder“ werden auch Bildnisse von Künstlern bezeichnet, die als Motiv den Evangelisten an der Staffelei haben. Das wohl berühmteste Werk, die „Lukas-Madonna“, stammt von dem flämischen Maler Rogier van der Weyden aus dem Jahr 1440. Darauf skizziert der Evangelist Maria mit dem Jesuskind auf dem Arm per Silberstift auf Papier. Renaissance- und Barock-Künstler wie Jan Gossaert (um 1520), Bartholomäus Spranger (1582) und Luca Giordanos (um 1650/55) fertigten ebenfalls Lukasbilder an, Andrea Mantegna porträtierte den malenden Evangelisten im 16. Jahrhundert in seinen Fresken in der Basilika Sant?Andrea in Mantua. Als Patron der Kunstmaler inspirierte der Heilige über Jahrhunderte die Künstler bis in die Neuzeit hinein: Im 19. Jahrhundert gründeten Friedrich Overbeck und Franz Pforr den „Lukasbund“, auch bekannt unter dem Namen „Nazarener“. Die darin vereinigten Künstler idealisierten in ihren Werken die mittelalterliche Blütezeit der Lukas-Verehrung.

Ein Zeitgenosse von Lukas soll hier nicht unerwähnt bleiben: Der heilige Nikodemus, ein Führer der Juden aus dem Kreis der Pharisäer, der auch ein Vertrauter von Jesus war und ihn nach der Kreuzigung gemeinsam mit Joseph von Arimathaia bestattete. Er war zwar nicht explizit ein Künstler, gilt jedoch als Urheber des Volto Santo von Lucca. Diese älteste bekannte Holzfigur Europas – die mit Reliquien vom Kreuzesstamm, von der Dornenkrone und dem Gewand Jesu zugleich ein Reliquiar ist – wurde laut Legende durch himmlische Mithilfe vollendet.

Fra Angelico: Schutzpatron der christlichen Künstler

Nikodemus betete nämlich während des Schaffensprozesses um göttlichen Beistand und am nächsten Tag war das Gesicht des Gekreuzigten genauso gemeißelt, wie es der Künstler als Wunschbild vor Augen gehabt hatte. Beeindruckt von dieser ersten Darstellung des gekreuzigten Heilands haben sich Michelangelo und Tilman Riemenschneider selbst als Nikodemus porträtiert.

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Im Jahre 1982 wurde einer der Hauptmeister der Frührenaissance, der Florentiner Malermönch Fra Angelico („Engelsbruder“), über 500 Jahre nach seinem Ableben 1455 von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen – und zum Schutzpatron der Maler und christlichen Künstler ernannt. Als Guido di Piero vor 1400 geboren trat er im Alter von 20 Jahren als Bruder Giovanni in das Dominikanerkloster San Domenico in Fiesole bei Florenz ein und erhielt bald den Beinamen „Il Beato“ – der Selige. Trotz der malerischen Renaissance-Neuerungen wie der Zentralperspektive und einer weltlichen Ästhetik blieb Fra Angelico den religiösen Sujets stets treu.

Das erste nachweisbare Werk von Fra Angelico ist das Triptychon über Petrus „den Märtyrer” von 1425/28 im Konvent San Marco in Florenz; dort vollbrachte er auch seine wohl bedeutendste Arbeit: Die mehr als 40 Fresken in den Zellen der Mönche – sein Auftraggeber war niemand Geringeres als Cosimo de' Medici. Ebenso erschuf er die berühmte „Marienkrönung“ (die heute im Pariser Louvre zu sehen ist) und die „Verkündigung Mariens“ (mittlerweile im Prado in Madrid).

Nie ohne Tränen an den Wangen ein Kruzifix gemalt

Fra Angelico erhielt bedeutende Aufträge aus Florenz und aus anderen Gegenden Italiens. Sein wahrscheinlich kurz nach 1434 für das ehemalige Kloster San Vincenzo d’Annalena entstandener „Annalena“-Altar mit der thronenden Gottesmutter und sechs Heiligen gilt als erste bekannte rechteckige Altartafel der Renaissance im Sinne einer Sacra Conversazione. Zudem arbeitete Fra Angelico im Auftrag der Päpste Eugen IV. und Nikolaus V. – eine ihm angetragene Bischofsweihe schlug der Dominikaner aus.

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Der Künstlerbiograf Giorgio Vasari schrieb über Fra Angelico, dass es unmöglich sei, „diesem heiligen Vater, der in allem, was er tat und sagte, so bescheiden war und dessen Bilder mit solcher Leichtigkeit und Frömmigkeit gemalt wurden, zu viel Lob auszusprechen“. Vasari notierte außerdem, das Fra Angelico nie ein Kruzifix gemalt habe, ohne dass Tränen seine Wangen befeuchteten. Sein Stil mit der zarten, gewählten Farbgebung und den engelsreichen Wesen auf Bildern und Fresken war wiederum eine Inspirationsquelle für Nazarener und Präraffaeliten. Mit der Seligsprechung in Anerkennung der Heiligkeit seines Lebens erhielt der Titel „Il Beato“ eine offizielle Würdigung.

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