Courchevel

Der Mammon kann ein Dämon werden

Geld ist mehr als klingende Münze oder bedrucktes Papier, es ist ein Potenzial, das Selbstverantwortung und Unabhängigkeit birgt. Doch Geld birgt Risiken.
Salzburger Festspiele 2020
Foto: Barbara Gindl (APA) | Christoph Franken (Mammon) und Tobias Moretti als "Jedermann" spielen bei der Fotoprobe eine Szene des Schauspiels "Jedermann" von Hugo von Hofmannsthal.
 

Im französischen Luxus-Skiort Courchevel prangen sie im Schaufenster: T-Shirts, Jacken und vor allem Basecaps gülden bestickt mit „Save the Rich“. Man glaubt seinen Augen nicht zu trauen, wirkt der Slogan doch wie eine Persiflage auf Rettungsbewegungen aller Couleur. Wale drängen sich auf, seltene Krötenarten, fränkische Redensarten und ja, sogar Kinder. Den Reichen aber gönnen wir zuallerletzt ein Schutzbedürfnis. Bedenkenlos stimmen wir dagegen in den Chor mit ein: Eat the rich! 

Dahinter steckt nicht etwa das Bedürfnis, Begüterte, Wohlhabende, materiell Begünstigte mit Haut und Haar zu verschlingen, aus lauter Liebe sozusagen. Im Gegenteil verschafft sich hier eine Gier Ausdruck, die sich die Reichen kannibalistisch einzuverleiben erhofft. Es ist der archaische Glaube an die Ausrottung des Übels durch Verinnerlichung beziehungsweise eine Machtübertragung durch vampirgleiches Aussaugen seiner Eigenschaften. Kaum einer der Basecap-Träger wird seine Drohung wohl wahrmachen. Über den Glaubensstand der Merowinger, königliche Macht säße im Haupthaar, sind wir doch hinausgelangt. 

Gier und Habsucht sublimieren

Auch Elefantenstoßzähnen und Tigerklauen erkennen wir die ihnen einst zugesprochene Potenz nicht mehr zu. Heute versuchen wir unsere Urängste, Triebe und Gelüste zu rationalisieren und hinter vernunftgesteuerten Debatten zu verschanzen. Sublimiert werden Gier und Habsucht in „Wohltätigkeitsveranstaltungen“ und Solidaritätsbekundungen. Allenfalls in Slogans und Demonstrationsbannern findet das Irrationale noch seinen Ausdruck, von Hatern im Netz mal abgesehen. Auf textilem Grunde findet der Battle zwischen Reichenhassern und Reichenrettern statt. In den französischen Alpen, auf Berliner Straßen und im bayerischen Wirtshaus begegnen sie sich, der eine den anderen still verachtend oder ätzend vergrätzend. Über plakative Aufmüpfigkeit geht der Protest der Mützenträger jedoch selten hinaus. Wie eine Monstranz tragen sie ihre Glaubenssätze vor sich her, ohne auch nur im Geringsten die eigenen Privilegien und tagtäglichen Praktiken in Frage zu stellen. Gezündelt wird mit Versatzstücken, explosiv sind die Parolen und gelegentlich geht auch eine Nobelkarosse in Flammen auf. Die Mützenträger ergötzen sich am Spektakel, was sich hinter den Kulissen abspielt, tut nichts zur Sache. Querelen – das macht sie meist aus – gewinnen eine Eigendynamik und verselbstständigen sich, sodass sich die Gegner eines Tages nicht einmal mehr an den Ursprung der Streitigkeit zu erinnern vermögen. 

Mammon setzt die Ratio außer Kraft

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Das ist die Crux mit dem Mammon, die auch bei den jährlichen „Jedermann“-Aufführungen in Salzburg zu bestaunen ist: Er setzt die Ratio außer Kraft. Geld ist mehr als klingende Münze oder bedrucktes Papier, es ist ein Potenzial, das Selbstverantwortung und Unabhängigkeit birgt, aber auch Unterwerfung und Abhängigkeit. Im Brief an die Epheser schreibt Paulus: „Der Dämon Mammon fordert göttliche Anbetung“, die aber gebühre nur dem Einen und Einzigen. Verblendet von Geld und Gier, bleibt das Wort Gottes ungehört. In Matthäus 13, 22 heißt es: „und die Sorge der Welt und der trügerische Reichtum ersticken das Wort, und er bringt keine Frucht“. Gekoppelt an die Bergpredigt wird Geld flugs verteufelt und aus Jesu Appell an Gottvertrauen ein Laissez-faire und eine Laxheit abgeleitet, die, wären wir Figuren in einem russischen Märchen, Meister Och, den Zauberer der ukrainischen Wälder, auf den Plan rufen würde. 

Wanja, ein fauler Bursch' in diesem Märchen, liegt den lieben langen Tag lang vor dem Kachelofen und zählt Stubenfliegen. Wanjas Vater gibt den Faulpelz dem Magier Och in die Lehre. Och aber will die kostenlose Hilfskraft am Ende der Lehrzeit nicht entbehren und verwandelt Wanja in allerlei Getier, in dem der Vater freilich seinen Sohn nicht zu erkennen vermag. Der Sohn muss sich selbst mit einem Trick erlösen. Ein Mädchen spielt natürlich auch eine Rolle. Wanja, der sich vom Hengst in eine Taube, dann in Erbsen und schließlich in einen Ring verwandelt, um dem Zauberer zu entfliehen, wird gerettet von dem Mädchen, das dem Glanz des Goldes nicht zu widerstehen weiß. Es hebt den Ring auf. Wanja verwandelt sich in einen Wolf und tötet den Zauberer, der in Gestalt eines Hahnes daherkommt, mit einem Biss in den Nacken. Am Ende trinken alle Tee und erfreuen sich an zweitausend magisch errungenen Rubeln. 

Nur im Märchen

Nicht immer gibt es für die Faulheit ein Happy End. Die Wandlung vom Taugenichts zum Traum aller Schwiegermütter gibt's wohl nur im Märchen. Eine Lehre kann man aus der Fabel dennoch ziehen: Wer nicht selbst als Stubenfliege enden will, sollte sich mit einem Platz am warmen Ofen nicht bescheiden und vor allem nicht in ausbeuterischer Manier auf Kosten anderer leben. Von Glück kann Wanja auch reden, dass seine Geliebte dem Materiellen nicht gänzlich absagte, da sie sonst den Ring nicht aufgehoben und Wanja letztlich verschmäht hätte. In uns allen steckt ein kleiner Wanja. Es hieße die Wirklichkeit zu verleugnen und sich ein doch sehr verlogenes Mäntelchen umzuhängen, wenn wir behaupteten, Geld spiele keine Rolle im Leben. Die Frage ist nur, wie viel uns das eigene Engagement wert ist, um Abhängigkeit zu entkommen und Unabhängigkeit zu erlangen. Vor allem aber: Folgen wir der Devise „Geld regiert die Welt“ oder lassen wir uns von Maximen leiten, die ein menschliches Miteinander ermöglichen, in dem Geld weder diabolisiert noch verherrlicht wird.

„Du sollst nicht begehren
deines Nächsten Gut.“ 

Wohin die Emotionalisierung des Monetären führen kann, zeigt sich in Friedrich Dürrenmatts Stück „Der Besuch der alten Dame“. Rache wird in dieser Geschichte mittels Geldes vollzogen. Claire Zachanassian, die „alte Dame“, kehrt in ihren Heimatort Güllen zurück und rächt sich mittels ihres Reichtums an geschehenem Unrecht. Die Güllener entsagen jeder Moral und rotten sich im Namen des Geldes zum Mord an einem der Ihren zusammen. Versuchung, Gier und Spekulation setzen alle Regeln menschlichen Zusammenlebens außer Kraft. Schneller, als wir es uns gewahr werden, unterliegen wir dem Sog des Unmenschlichen. Glück aber bringt der Triumph des Geldes der alten Dame nicht. Den geliebten toten Täter führt sie im Sarg ins Mausoleum. Sie selbst ist eisern, der Hass gestützt nur noch auf kalte Streben, Prothesen halten ihren brüchigen, von Krankheit gezeichneten Leib zusammen. 

Dollarzeichen in den Augen

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Der Körper vom Leid zerfressen, die Seele vergeblich nach Liebe darbend, Geld das dürftige Substitut für fehlende Gerechtigkeit, das ist das traurige Fazit, mit dem uns Dürrenmatt konfrontiert. Selbst wenn wir aus dieser Geschichte lernen sollten, so scheint es doch den Menschen auszumachen, dass er nach einem allmächtigen Mittel sucht, die Gier zu stillen und Rache zu verüben. Das Ende des Geldes muss deshalb noch lange nicht das erträumte Utopia sein, in dem wir alle selig sein werden. Der Mammon als Ausdruck des Dämonischen findet immer Mittel, Wege und Währungen, um uns zu unterjochen. Die Dollarzeichen in den Augen und glitzernd-klimperndes Bling-Bling mögen verschwinden, abgelöst aber werden sie durch anderes verführerisches Talmi, das sich als mediale Macht und Herrschaft über den Ruf und das Ansehen des Konkurrenten tarnt. Diese Macht vermag gewiss mehr Schaden anzurichten, als es die alte Dame zu erträumen gewagt hätte. Das Paradies ist auf alle Fälle verloren, damit müssen wir uns abfinden. Es liegt aber an uns, ob wir all unser Fühlen und Handeln dem Mammon und seinen vielgestaltigen Erscheinungsformen unterwerfen. 

Lockruf des Geldes

Geradezu höllisch entwickelt sich diese Welt, wenn selbst die Liebe Teil eines Systems wird, in dem alle nur dem Lockruf des Geldes folgen. Der Kapitalismus gibt dann den Handlungsrahmen und rückt alle Menschen wie Spielfiguren hin und her. Sieger in diesem tödlichen Spiel ist derjenige, der die Spielregeln beherrscht und es schafft, nicht in die Ecke der Elenden abzudriften. Ein Horrorszenario, in dem man nicht leben möchte. Machen wir uns aber nichts vor: Manna fällt nicht vom Himmel, wir müssen es uns erarbeiten, egal, ob wir die Eat-the-Rich- oder die Save-the-Rich-Basecap tragen. Wenn wir uns aber auch nur auf einen einzigen Spruch einigen können, dann sind wir dem irdischen Paradies zumindest näher, als wir glauben: „Du sollst nicht begehren deines Nächsten Gut.“ 

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