Manifest für die Zukunft

Wolfram Weimer hat ein Konservativismus-Konzept entwickelt, das sich nicht in Kulturpessimismus erschöpft. Von Sebastian Sasse
Wolfram Weimer
Foto: dpa | Wolfram Weimer hat ein „konservatives Manifest verfasst.

Das Buch passt perfekt in die Jackentasche. Und das ist gut so. Denn dieses handliche Format entspricht dem Ziel des Autors: Wolfram Weimer hat kein dickleibiges Theorie-Werk verfasst, sondern eine Handreichung für Entscheider, die aus einer konservativen Grundhaltung heraus die Gesellschaft gestalten wollen. Es geht also um Menschen, die mitten im Leben stehen und egal, ob sie nun in der Politik, der Wirtschaft oder anderen gesellschaftlichen Bereichen Verantwortung tragen, sich nach Orientierungspunkten sehnen, an denen sie ihre Entscheidungen ausrichten können. Weimers „konservatives Manifest“ ist eine kleine Fibel, in der man zwischen zwei Meetings, in der Mittagspause oder auch abends vorm Schlafengehen lesen kann. Es ist nicht für das Bücherregal gemacht, sondern für den Schreibtisch. Es kann als Impulsgeber genutzt werden genauso wie als Nachschlagewerk. Der Publizist und Verleger – Weimer ist Gründungsherausgeber des „Cicero“ – hat ein Brevier für Verantwortungsträger geschrieben, die handeln wollen – und die immer dann, wenn sie Entscheidungen treffen müssen, hier Anregungen finden, wie sie ihre Gedanken ordnen.

Weimer will seinen Lesern helfen, Probleme dieser Zeit zu lösen, ohne dem Zeitgeist zu verfallen. Die „Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit“, die er aufstellt, sind pointiert, die Kapitelüberschriften als Imperative formuliert: „Person würdigen“, „Familie lieben“, „Nation ehren“, „Recht und Ordnung respektieren“, oder auch „Gott achten“. Die Kapitel sind in sich geschlossene Essays, sie müssen nicht nacheinander gelesen werden. Vielmehr kann der Leser, je nach Interesse, eine Auswahl treffen.

Weimer geht von einer Grundannahme aus: Konservatives Denken ist unideologisch und genau das macht es für die Entscheider-Elite attraktiv. Konservativ zu sein, das bedeutet für Weimer nicht, sich einem kulturkämpferischen Lager zuzuordnen. Sein Manifest steht dabei in einem erfreulichen Gegensatz zu den üblichen Debatten über Sinn und Aufgabe des Konservativismus, die oft in der kulturpessimistischen Klage münden, das linksliberale Establishment sei zu dominant und dieser Übermacht einfach nichts entgegenzusetzen. Weltuntergangsstimmung ist Weimers Sache nicht, die will er getrost der Linken überlassen. Er setzt auf Optimismus. Sein Kronzeuge dafür, dass dieser positive Gestaltungswille den Kern von Bürgerlichkeit ausmache, ist Thomas Mann. Gleich mehrmals zitiert er zustimmend dessen Diktum, der Bürger sei verliebt ins Gelingen. Erfolg haben zu wollen, das sei somit auch ein Grundzug von Bürgerlichkeit an sich.

Bürgerlichkeit als Lebensform

Ist aber bürgerlich auch schon gleich konservativ? Indem Weimer diese Frage bejaht, schließt er an eine Tradition konservativ-liberaler Publizisten an – Joachim Fest, Wolf Jobst Siedler, Golo Mann –, die im Bürger nicht nur den Vertreter einer soziologischen Klasse, sondern vielmehr einen anthropologischen Grundtypus erkennen. Der Bürger ist nach dieser Vorstellung der Idealbewohner der Polis, denn sie ist ihm Freiheits- und Schutzraum zugleich. Die Bundesrepublik ist für ihn nicht ein System, sondern sein Lebensraum. Indem er sich um die öffentlichen Dinge kümmert, prägt er die „res publica“: „Bürgerlichkeit als Lebensform“ (Joachim Fest). Diese Lebensform zeichnet sich besonders durch einen Sinn für das richtige Maß aus.

Der konservative Bürger weiß um die Bedeutung der einzelnen Person und ist doch kein Individualist. Er kann die Fortschritte der technologischen Entwicklung würdigen, ohne zum Technokraten zu werden. Er lebt in seiner Zeit und entwickelt sich nicht zum Zeitgeistjünger. Die Kriterien, nach denen er Maß nimmt, resultieren aus seinem Wissen um das Wesen des Menschen. Der Konservative ist für Weimer ein anthropologischer Realist. Was der Mensch ist, das erfährt dieser aber nicht in Büchern, sondern durch das Leben. Der Schatz des Konservativen ist seine Lebenserfahrung. Sie hat ihn gelehrt, Ambivalenz zu ertragen, ohne beliebig zu werden.

Den Gegenpol zu dieser Lebenserfahrung bildet die Ideologie. Weimer grenzt seine Konservativismus-Definition sowohl von linkem wie rechtem Extremismus ab. Denn in beidem erkennt er letztlich das gleiche totalitäre Denkmuster: Das konstruierte Programm steht über dem erlebten Leben, das Abstrakte dominiert das Konkrete. Die Renaissance des Konservativismus resultiert für Weimer aus der neuen Lust einer post-ideologischen jungen Generation, sich auf dieses konkrete Leben einzulassen: auf die Familie, auf Kinder – letztlich auf Verbindlichkeit. Dazu gehöre auch, beruflich erfolgreich sein zu wollen, nicht weil man besonders materialistisch gesinnt sei, sondern einfach aus der Erkenntnis heraus, dass der selbst erwirtschaftete Wohlstand die beste Sicherheit für so ein bürgerliches Leben biete. Auch hier gelte: Das Leben soll gelingen. Die 68er-Generation reagiere auf diese neue Entwicklung größtenteils mit Larmoyanz und schlechter Laune: Die linke Weltanschauung und deren „zeigefingernde Weltverbesserung“ wirke nur noch depressiv. Die Linke hat noch nicht verarbeitet, dass die Anthropologie doch stärker als Ideologie ist. Dass junge Menschen sich nach Heimat, Identität und Sicherheit sehnen, bleibt ihr weiterhin rätselhaft.

Weil der Konservativismus in seinem Realismus dem Wesen des Menschen entspricht, gibt es aus Weimers Sicht auch keinen Grund zum Kulturpessimismus. Die Tatsache, dass sich der Zeitgeist gedreht habe, beweist für ihn, dass der „gesunde Menschenverstand“ stärker ist als ideologische Verblendung. Deswegen schaut Weimer mit Zuversicht in die Zukunft. Nicht zuletzt auch, weil er eine religiöse Renaissance heraufziehen sieht: „Gott kehrt zurück.“ Das „Heimweh nach Gott“, unter dem diese Gesellschaft leide, könne nur durch das Christentum gestillt werden. Wird auch vorher deutlich, dass der Autor neben der griechischen Philosophie vor allem durch Grundgedanken der katholischen Soziallehre geprägt ist, bekennt er hier explizit: der Glaube ist die wichtigste Kraftquelle für bürgerliche Konservativie.

Wolfram Weimer: Das Konservative Manifest. Zehn Gebote der neuen Bürgerlichkeit. Plassen 2018, 104

Seiten, ISBN: 978-3-86470-567-0,

EUR 9,99

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