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„Die gemordete Stadt“: Hässlichkeit kennt keine Grenzen

Vor 60 Jahren erschien Wolf Jobst Siedlers Klassiker der Architekturkritik „Die gemordete Stadt“.
Gebäude mit Ferienwohnungen in Westerland
Foto: IMAGO/Chris Emil Janssen (www.imago-images.de) | Ferienwohnungen in Westerland: Ob hier wirklich der "ästhetische Perfektionismus der Progressiven" am Werk war? Über das Ergebnis gibt es wohl keine zwei Meinungen. Schön ist was anderes.

Ach, der Baum! Seit Urzeiten Sinnbild der Natur und der sich der Bändigung durch den Menschen entziehenden Lebendigkeit. Immer schon zog es uns Menschen zu den Bäumen wie zu Brüdern. Wurzelmassiv ragen sie empor als weithin sichtbare Verbindungen zwischen Himmel und Erde. Bereits der Baum der Erkenntnis in Eden verkörpert jenes unauslotbare Geheimnis, das alle Vitalität im Innersten ausmacht.

Wolf Jobst Siedler bezeichnet den Baum als „Gegenpol eines rein auf menschliche Gegenstände bezogenen Denkens“. Sokrates, den wir als Pionier der modernen Versessenheit verstehen dürfen, die Welt in menschliches Machwerk zu verwandeln, behauptete, „von Bäumen und Wassern nichts lernen“ zu können. Auf dem Stecknadelkopf dieser knappen Bemerkung des alten Griechen scheint sich die gesamte Ignoranz unserer zeitgenössischen Weltsicht zu versammeln. Und vor 60 Jahren veröffentlichte Siedler seinen Buchklassiker zur städtebaulichen Kulturkritik: „Die gemordete Stadt. Abgesang auf Putte und Straße, Platz und Baum“ erschien 1964, eine Fortsetzung folgte 1985: „Die verordnete Gemütlichkeit. Abgesang auf Spielstraße, Verkehrsberuhigung und Stadtpflege. Der gemordeten Stadt II. Teil“. Siedler hätte sein Buch auch „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“ nennen können, wie 1965 der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich seinen Bestseller betitelte.

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Mitscherlich gab in seiner Philippika eine zeitgeistkonforme Kritik von links zu Protokoll: „Städte sind in der Wurzel mit dem Egoismus verknüpft. Es müsste über den Schatten des Egoismus gesprungen werden, um unser urbanes Leben den neuen Bevölkerungszahlen, den neuen Produktions- und Administrationsbedingungen anzupassen.“ Siedler indes war ein Konservativer und zeigte der damaligen Kulturkritik, die intellektuell von der neomarxistisch grundierten Kritischen Theorie der Frankfurter Schule navigiert wurde, ihre Grenzen auf und wie jenseits dieser Limitiertheiten eine Missbilligung am Gegebenen formuliert werden kann. Etwa anhand der Betrachtung der Rolle des Baumes im Stadtbild. So heißt es im Kapitel „Welt ohne Schatten“: „Wir aber kämpfen für den Baum, seine durchlaubte Krone, seine bemooste Wurzel und die Verheißung der Dauer, die uns seine Zählebigkeit gewährt.“ In der Hoffnung, dass mit dem Baum „auch die ihm zugehörige Kultur wiederkehrt, die Kultur des gebauten, des gemauerten Hauses zum Beispiel mit Fenstern, deren reichgliederte Rahmen und Läden das Symbol der Diskretion waren, des abwehrenden statt einladenden Durchlasses zur Außenwelt“.

Ein Virtuose des Zeichenhaften

Wir sehen hier einen Virtuosen des Zeichenhaften am Werk, der natürliche Schöpfung mit menschlicher Gestaltung in Verbindung zu setzen weiß, worin ein tiefes Gespür zum Ausdruck kommt für humanes Maß und seelische Wirksamkeit. Siedlers Feder wird geführt vom Sinn für den Humor eines Konservativen, der sich der ontologischen Tragik unserer Existenz gewiss ist. So entdeckt sein ironisches Temperament das Echo empfundener Krisen bis ins Floristische hinein: „In Zeiten des Umbruchs und der Erschütterungen werden keine Bäume gepflanzt, weil der Glaube an ihr Wachstum geschwunden ist und niemand zu hoffen wagt, dass sich die Kinder in ihrem Schatten ergehen werden.“

Wolf Jobst Siedler (1926–2013) begann als Journalist und wurde zum Verleger, erst bei Ullstein und Propyläen, dann im eigenen Siedler Verlag, der heute unter dem Dach von Bertelsmann fortlebt. Zeitlebens blieb er ein Publizist, der als Nichtlinker in der gedanklich sozialdemokratischen Republik als streitbar gelten musste. Gemeinsam mit seinen Freunden Joachim Fest und Johannes Gross bildete er eine Art schreibendes Pendant zum singenden „Rat Pack“ Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davis Jr. Wie so mancher mit stabilem Wertekompass interessierte er sich eher für Abseitiges, auch waren ihm „die Leute der Linken persönlich meist sympathischer als die Wortführer der Rechten“. Während selbsternannte Progressive von Freiheit häufig nur deklamieren, nahm er sich Freiheiten, die er wollte, einfach und scherte sich nicht um Etikettierungen, sondern folgte seinem Gespür. Fortschrittsstress kannte er nicht, er behielt sein eigenes Tempo bei.

Siedlers konservativer Grundton wusste sich durchaus vielstimmig zu orchestrieren. Er war als geborener Berliner, der lebenslang aus seiner Heimatstadt herausoperierte, eine staunenswerte Verkörperung eines Urbanität atmenden, liberalen Bürgers. Dass sich sein Milieu gesellschaftlich verabschiedet hat, war ihm spätestens klar, als er 1947 aus der Kriegsgefangenschaft heimkam. Deutsche Städte lagen in Trümmern und was wiederaufgebaut wurde, war für den bürgerlichen Menschen nicht zu gebrauchen. Bürgerlichkeit war auf eine urbane Öffentlichkeit angewiesen, auf ein Stadtbild mit Straßen und Plätzen, die zu menschlichen Begegnungen einladen, zum Flanieren wie zum Verweilen. In dieser Welt, eher dicht gedrängt als weitläufig, konnte sich auch der politische Wille des Bürgers zum Ausdruck bringen, weil er nicht in Vereinzelung zum Schweigen gebracht wurde. Die bürgerlich durchtönte Stadt, wie sie Siedler vor allem anhand seines geliebten Berlins beschreibt, war ein feingesponnenes, organisches Netz aus Gemeinschaft und Privatheit, Darbietung und Rückzug, deren Relikte als historische Bausubstanz zwischen den Kratern moderner Architektur bis in die Gegenwart leuchten.

Es gibt keine „progressive Ästhetik“

Die Kernthese Siedlers lautet, dass wir den Verlust unseres Stadtlebens nicht den Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg verdanken, sondern den Verirrungen des Wiederaufbaus, „dass der Krieg das alte Berlin wie das hanseatische Hamburg nur ausgeglüht hat“. Mit Leichtigkeit hätte Berlin „sein unverwechselbares Gesicht geschichtlich bewahren und sozial erneuern können“. Stattdessen hielt die Monotonie Einzug mit Hochhäusern, Trabantenstädten und ausdruckslosen Fassaden.

Siedlers Kritik zielt auf den sozialen wie ästhetischen Perfektionismus der vermeintlich Progressiven. Fortschritt und Aufklärung sollen die Welt ständig besser machen. Eine Eschatologie, die sich oft genug als Sackgasse herausgestellt hat. Siedlers Ästhetik entzündet sich an Widersprüchkeiten, an Uneindeutigkeiten, an der scheinbaren Unvollkommenheit des Organischen: Der „Zuwachs an Schönheits-Absicht“ ruft „jene Empfindungen des Überdrusses und der Langeweile hervor“.

Nicht zuletzt gehört zu Siedlers Verständnis von Metropole das Erleben von Polaritäten. Wo Glamour ist, muss auch Gosse sein. Ohne „Ausbreitung des Lasters“ ist wenig „Geisthaltigkeit einer Atmosphäre“ zu erwarten. „Die Halbwelt war stets die andere Seite der Großen Welt.“ Denn es habe ihn eben, so schreibt Siedler in seinen Lebenserinnerungen, „immer fasziniert, wenn die geltende Sicht der Dinge umgedreht wurde“.

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