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Trotz Kirche an Christus glauben?

Ohne Kirche kein Christus. Diese Kirche ist von Christus gewollt und gegründet und sie ist der Weg zu ihm.
Kopie der MHG-Studie
Foto: Harald Oppitz | Trotz einer Kirche glauben, die so ist, wie sie die MHG - Studie beschreibt? Nicht ganz einfach.

Dass es eine Spannung zwischen Jesus Christus und der Kirche gibt, gehört, wie man heute gerne sagt, zur „DNA“ des Glaubens. In unserer Zeit freilich hat sie eine besonders dramatische Form angenommen. Viele Christen beider Konfessionen kehren den Kirchen den Rücken, keineswegs nur aus Glaubenszweifeln, sondern ausdrücklich aus Kirchenüberdruss. Zu Jesus Christus zu finden und bei ihm zu bleiben, scheint heute leichter ohne Kirche möglich zu sein als mit ihr.

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Umgekehrt gibt es, wenn auch in weitaus kleinerer Zahl, genau das umgekehrte Phänomen: junge Menschen, die einen ersten persönlichen Zugang zu Jesus Christus, zu Bibel und Gebet oft in Freikirchen oder neuen geistlichen Bewegungen gefunden haben, dringen mit Begeisterung zur Katholische Kirche vor, um gerade dort ihre Christuserfahrung mit anderen zu teilen und zu vertiefen.

Nicht nur Kunst

Aber wie verlässlich ist denn wirklich das, was die Kirche von Jesus Christus lehrt? Bieten nicht der enorme historische Abstand der Zeit Jesu zu der unsrigen und die immer wieder beobachtbare Korruption der Kirchenführung durch Macht, Reichtum oder andere Leidenschaften Gründe genug, um sorgfältig zwischen beidem zu unterscheiden, gerade wennTr einem am Glauben etwas liegt?

Vielleicht kann ein bildhafter Vergleich etwas näher an die Verbindung zwischen Jesus Christus und der Kirche heranführen. Das Wort „Kirche“ meint ja nicht nur eine Institution aus Menschen, sondern auch ein Gebäude aus Stein. Millionen von Menschen besuchen, selbst wenn sie gar keine Christen sind, jedes Jahr die großen Kathedralen und Gotteshäuser, die es weltweit gibt. Warum tun sie das, was zieht sie an?

Palastkapelle
Foto: IMAGO/imageBROKER/Günter Gräfenhain (www.imago-images.de) | Palastkapelle, Oberkapelle der Sainte-Chapelle auf der Ile de la Cite, Paris.

Wohl nicht nur das Interesse an Baugeschichte und Kunst, sondern auch eine besondere Atmosphäre, die sie dort wahrnehmen können.
Die Kirche als Raum ist geprägt von Gebet und Andacht, von Kerzenruß und Weihrauchduft; die Kirchenfenster, oft nach Osten ausgerichtet, sind durchlässig für das Sonnenlicht und zeigen in ihrem Bildprogramm in immer neuen Variationen die biblischen Szenen, in denen sich Gott und Mensch begegnen. Eingefangen und gefärbt durch die Fenster, fällt das Licht von außen nach innen und trifft auf die Besucher, die im Gotteshaus umherwandern.

Genauso verhält es sich mit der Kirche in ihrem Verhältnis zu Jesus Christus: sie ist nicht selber das Licht, sondern empfängt immer wieder neu „das Licht der Völker, das Christus ist“, nicht um es für sich zu behalten, sondern um es weiterzugeben, wie das Zweite Vatikanische Konzil betont hat (LG 1). Sie ist ein von menschlicher Erfahrung und Geschichte geprägter Raum, der nicht für sich selber da ist, sondern für die Menschen, die durch die Zeit wandern. Daher ist sie zuallererst ein Ort der Begegnung von Gott und Mensch, von Ich und Du, eine Einladung zur Weggemeinschaft des Glaubens.

Pfingsten, El Greco
Foto: Artepics/imago-images.de | Pfingsten, El Greco

Die Kirche als Sakrament

In theologischer Sprache heißt das: Kirche ist „Sakrament“, „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“ (LG 1). Weil aber Jesus Christus als Person selbst diese „innigste Vereinigung“ des Menschen mit Gott ist und so auch alle Menschen verbindet, kann man die Kirche auch als „Sakrament Christi“ verstehen, und das in einem doppelten Sinn.

Zum einen bedeutet es: die Kirche ist „Zeichen“ für Christus, sie weist auf ihn hin, sie verkündet und bezeugt ihn in Wort und Tat, aber sie muss immer von ihm unterschieden werden. Kirche hat durchlässig zu bleiben auf Jesus Christus hin – so wie ein Kirchenfenster nur dann seinen Zweck erfüllt, wenn es das Sonnenlicht durchscheinen lässt; würde es das Licht absorbieren, läge der ganze Kirchenraum im Dunkeln, und die Besucher blieben bald aus.

Zum anderen heißt „Sakrament Christi“-Sein aber auch: in der Kirche, so wie wir sie erleben, mit ihren Fehlern und Starrheiten, mit der Mittelmäßigkeit vieler ihrer Mitglieder bis hinauf zu den Hirten, ist Jesus Christus wirklich gegenwärtig und wirkt das Heil der Menschen. Ihre Zeichenhaftigkeit ist gebunden an einen bestimmten Inhalt, und deshalb kann das Zeichen, kann die Struktur der Kirche, können ihre Dogmen und die Ordnung ihrer Ämter und Sakramente nicht beliebig verändert werden.

Wahrheit und Geschichtlichkeit

Diese Überzeugung steht im Gegensatz zu der heute sehr verbreiteten Meinung, dass auch in der Kirche alles geschichtlich gewachsen und damit auch relativ ist, dass gerade die Verbrechen von Klerikern und die Versäumnisse im Umgang damit diesen Veränderungsbedarf unterstreichen. Doch die Geschichtlichkeit und Reformbedürftigkeit der sichtbaren Gestalt der Kirche muss zusammengedacht werden mit der Wahrheit und Beständigkeit ihrer Botschaft, die eben nicht im Menschen gründet und die damit auch durch menschliche Schwäche zwar verdunkelt, aber nie zerstört werden kann.

Seesturm
Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Jesus und die Jünger auf dem See Genezareth. Ludolf Backhuysen 1695

Gerade weil die Kirche nicht für sich selber da ist, sondern Jesus Christus zu verkünden hat, hängt ihre Existenz nicht an menschlicher Übereinkunft, sondern an seiner Person und seinem Wort – und an jenen Männern und Frauen, die diesen Christus bezeugen und so den Sinn von Kirche verwirklichen. Denn die Kirche ist Weggemeinschaft mit Christus, aber auch Zeugnisgemeinschaft für Christus. Im Farbenspektrum der Epochen der Kirchengeschichte ebenso wie in Lebensgeschichten von Christinnen und Christen zeigt sich der unschätzbare Reichtum, die enorme Strahlkraft, die die Christuserfahrung im Leben von Menschen entfalten kann. Auch diese Vielfalt des Christuszeugnisses gäbe es nicht ohne die Kirche, denn nur in ihr kann aus den unterschiedlichen Erfahrungen, die Menschen mit Christus sammeln, der eine Glaube werden, der Menschen durch die Zeiten hindurch verbindet und trägt.

Möglich macht diese Einheit in Verschiedenheit der Heilige Geist, den der Theologe Henri de Lubac die „Seele der Kirche“ genannt hat. Denn der Geist erinnert die Glaubenden beständig an Jesus Christus und führt sie immer tiefer in diese Wahrheit hinein, er hilft zur Verständigung zwischen den vielen Völkern und Kulturen, die in der Kirche aufeinandertreffen, und er zeigt immer wieder neue Wege, um den Glauben zu verlebendigen und zu verbreiten.

Das Zeugnis der Kirche von Christus wird von Anfang an weitergetragen durch die Apostel und ihre Nachfolger. In all ihrer menschlichen Begrenztheit und Schwachheit hilft ihnen der Heilige Geist, je neu auf Jesus Christus hinzuweisen, sein Licht zu empfangen und weiterzugeben.

Glaubwürdige Überlieferung

Dieses Prinzip der Zeugen garantiert die Kontinuität der Botschaft durch die Jahrhunderte hindurch. An ihm findet auch die Ausgangsfrage nach der Glaubwürdigkeit der kirchlichen Lehre über Jesus Christus ihren Maßstab und gleichzeitig ihre Grenze. In aller Vielfalt und Veränderung hat sich das Glaubenszeugnis der Kirche von Jesus als dem Sohn Gottes und Erlöser der Menschen mit eindrucksvoller Klarheit durchgehalten und gerade auch in Zeiten kritischer Anfragen bewährt – man denke an den Arianismus in der Alten Kirche, an die Katharer im Mittelalter oder an die rationalistische Leben-Jesu-Forschung im 19.Jahrhundert.

Doch weil es eben nicht als theoretisches Wissen, sondern als persönliches Zeugnis weitergegeben wird, lässt es sich nicht völlig objektiv darstellen. Seine letzte Plausibilität und Beweiskraft gewinnt es nur im Schritt hin zur persönlichen Aneignung, im eigenen Mitleben mit der Kirche, in der Entscheidung für das Mit-Bezeugen dessen, was sie von Jesus Christus empfangen hat und was auch heute angenommen und weitergegeben werden muss, damit Menschen ihn für sich entdecken und in ihm Zukunft haben können.

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