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„Weg, Wahrheit und Leben“ für alle?

Die universale Weite des Christusglaubens.
Christus-Statue in Rio de Janeiro, Brasilien.
Foto: imago stock&people | Christus-Statue in Rio de Janeiro, Brasilien.

Ihnen von Jesus erzählen, das könnte ich nicht: Man müsste vor leidenschaftlicher Liebe zu ihm brennen, doch in mir ist nur Elend.“ Diese Worte entstammen einem Brief von Kardinal Charles Journet, verfasst nach jahrzehntelangem Dienst als Priester und Dogmatikprofessor. Man könnte sie leicht als Understatement missdeuten oder als Einlassung eines skrupulösen Geistes. Oder aber man nähme sie einmal ernst und ließe sich von ihnen in Frage stellen: Sprechen wir in Kirche und Theologie nicht in der Tat oftmals viel zu schnell und unüberlegt von Jesus Christus? So als kennten wir ihn wirklich und stünden in engem Kontakt zu ihm, wo doch oftmals nur geistliche Dürre und professionelle Distanz unser Verhältnis zu ihm bestimmen? Erschrecken wir noch, wenn wir den Namen „unseres Herrn und Erlösers“ in den Mund nehmen und uns als endliche und sündige Geschöpfe anmaßen, über den ewigen Logos Gottes zu reden? Und vergessen wir nicht oft genug in unserem thetischen Deklarieren, Definieren und Dialogisieren über ihn, dass wir es in Jesus Christus nicht mit einer Lehre zu tun haben, sondern mit einer gottmenschlichen Person? Schließlich: Nehmen wir Christenmenschen den Mund nicht viel zu voll, wenn wir behaupten, „den Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14, 6) für alle Menschen zu kennen und in einer einzelnen Person gefunden zu haben?

Der eigentliche Kern des Christlichen

Wer die gegenwärtige kirchliche Landschaft betrachtet, könnte sich fragen und zu den verschiedensten Antworten gelangen, was denn wohl das Wesen des Christentums, der eigentliche Kern des Christlichen sei. Dass dieser Kern Person ist – wahrer Gott und wahrer Mensch, „gestorben und auferstanden“ (1 Thess 4, 14), Gottes menschgewordenes Wort und der Erlöser der ganzen Menschheit – darauf wird er oder sie wohl schwerlich kommen. Und wenn er oder sie sich weiter fragte, was den gewaltigen institutionellen Apparat der Kirchen etwa in Deutschland antreibt, was das eigentliche Proprium hinter all ihrem pastoralen, sozial-karitativen, bildungsdiakonischen und gesellschaftlich-politischen Engagement ist, was sie als solche ausmacht und von anderen Trägern von Seelsorge, Sozialem, Bildungswesen und Zivilgesellschaft unterscheidet? Es würde sich ihm oder ihr kaum erschließen, dass die innige Beziehung zu Jesus Christus das Herz dieses Organismus darstellt. Allem Anschein nach freilich ein viel zu kleines und zu schwaches Herz angesichts des aufgeblähten Organismus, zu wenig Inhalt in zu viel Struktur und zu voluminöser Oberfläche, wie der Motor eines E-Scooters in einem 30-Tonner.

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Jesus Christus ist der Kern des Christentums, so banal das klingen mag. Doch wer ist er überhaupt? Diese Frage zu beantworten und anderen von ihm zu „erzählen“ (in Wort und Tat) ist die lebenslange Aufgabe eines jeden Christenmenschen. Die Erfüllung dieser Aufgabe setzt aber heute wie zu allen Zeiten die persönliche Beziehung zu Jesus Christus voraus, den lebendigen Glauben an ihn in der Gemeinschaft der Gläubigen. Denn: Christlicher Glaube ist mehr als das bloße Fürwahrhalten bestimmter Lehren; er ist vielmehr präzise jene Beziehung zu Jesus Christus und damit zugleich zu allen, die zu ihm gehören. Jesus Christus zu bezeugen kann daher auch nur als Einführung in die unersetzbar eigene Erfahrung, als Einladung zur Begegnung und zum Eintritt in das lebendige Beziehungsgefüge des Glaubens geschehen („Mystagogie“).

Mit dem Gedanken der Beziehung ist der vielleicht entscheidende doktrinäre Unterschied des Christentums zu anderen Offenbarungsreligionen und zugleich der Schlüssel zur Beantwortung der Frage nach Jesus Christus erreicht: Der eine Gott ist und will vollkommene Beziehung, das heißt Liebe (vgl. 1 Joh 4, 8.16). Nach christlichem Glauben existiert er in sich als ewig selige Beziehung dreier Personen: Der Vater spricht sich im Sohn als seinem Wort aus und beide schenken sich einander zurück im Heiligen Geist (=Dreifaltigkeit). Da der dreifaltige Gott aber zugleich die Beziehung zu uns Menschen sucht (ja, uns auf diese hin geschaffen hat!), wird der Sohn in Jesus von Nazareth Mensch. Er wird einer von uns, um sich uns mitzuteilen und die Beziehung ein für alle Mal herzustellen (=Inkarnation, Christusereignis) – trotz all unserer Beziehungsunfähigkeit (=Sünde). Und schließlich nimmt Gott als Heiliger Geist sogar Wohnung in uns, um diese Beziehung zur höchsten Intensität zu führen und uns in das innertrinitarische Liebesgeschehen selbst hineinzunehmen (=Geistsendung).

Gute Gründe, an den Dreifaltigen Gott zu glauben

So lässt sich vom Gedanken der Beziehung, beziehungsweise vom christlichen Grunddogma, dass Gott Liebe sei, nicht nur der Trinitätsglaube, sondern auch die Menschwerdung Gottes durchaus plausibilisieren: Wenn der transzendente, alle Schöpfungswirklichkeit gründend übersteigende Gott in sich, also unabhängig von der Schöpfung, Liebe ist, erscheint seine dreifaltige Beziehungshaftigkeit da nicht geradezu als notwendig? Und wenn jener Gott auch die Liebe der Menschen gewinnen will, erscheint die Inkarnation, das Eintreten Gottes in Schöpfung und Menschheit zur Überbrückung des unermesslichen Grabens zwischen Seiner unendlich-heiligen und unserer endlich-gebrochenen Wirklichkeit nicht als zutiefst angemessen? Gott tritt durch die Menschwerdung an einer konkreten Raum-Zeit-Stelle in die scheiternde Geschichte der Menschheit ein, um sie doch noch zum Guten zu wenden. Und zu diesem Zweck teilt er sich den Menschen in höchstmöglicher Konkretion und Verdichtung mit: nicht mehr bloß durch menschliche Vermittlung (wie durch die vielen prophetischen Gestalten in Judentum und Christentum und womöglich darüber hinaus), sondern als Mensch. Weiter könnte der Gott, der Beziehung ist und will, nicht auf sein geliebtes Geschöpf zugehen: Universale concretum, das Ganze im Fragment, der absolute Schöpfergott in einem einzelnen Geschöpf, „Gott mit uns“ (Immanuel).

Es gibt also gute Gründe, an den Dreifaltigen Gott und an Jesus Christus als sein schlechthinniges Wort an uns zu glauben, allein führen diese Gründe noch nicht zum Glauben: Eine Person (zumal eine gottmenschliche!) erschließt sich mir nicht durch Nachdenken über sie, sondern nur im Kontakt, und nur durch diesen kann eine Beziehung zwischen ihr und mir entstehen. Die guten Gründe, die sich für den christlichen Glauben anführen lassen, folgen diesem also erst nach, gemäß der alten augustinisch-anselmschen Einsicht, dass der Glaube der Erkenntnis vorausgeht. Die guten Gründe benötigen immer das „Licht“ bezeihungsweise die „Augen des Glaubens“, um eine Gewissheit zu verleihen, die wirklich tragfähig ist „in Leben und Sterben“.

Solche Glaubensgewissheit entsteht nur in der inneren, seelischen Begegnung mit Jesus Christus im Heiligen Geist; einer Begegnung, die aber der äußeren, zeichenhaft-sakramentalen Vermittlung in raum-zeitlicher Konkretion bedarf: So wie die Jüngerinnen und Jünger Jesu der Vermittlung durch seinen menschlichen Leib bedurften, um dem ewigen göttlichen Sohn zu begegnen, so brauchen auch wir vermittelnde Instanzen – und letztlich sollten all die vielfältigen kirchlichen Lebensvollzüge genau dieser Vermittlung dienen. Herausragend unter ihnen sind die Lektüre der Heiligen Schrift (=„Worte über das Wort Gottes“) und die Feier der Sakramente (=„sichtbare Zeichen der unsichtbaren Gnade“).

Christliches Leben wurzelt und gipfelt in Eucharistie

Das ganze christliche Leben wurzelt und gipfelt aber, wie es in Lumen gentium heißt, in der Feier der Eucharistie. Hier begegnet Jesus Christus den Menschen in der nach Ostern höchstmöglichen raum-zeitlichen Konkretion und Verdichtung (=Realpräsenz; die gewandelten Gaben von Brot und Wein) und baut so seinen „Leib“ auf, das vollendete Beziehungsgefüge zwischen Gott und den Menschen.

Solcherart „erfahrungsabhängig“ ist der Weg zu jenem, der selbst von sich behauptet hat, „Weg, Wahrheit und Leben“ (Joh 14, 6) zu sein. Diesen Weg kann ein Mensch nur allein beschreiten, so sehr er von anderen gewiesen werden muss und so sehr er in die (vollendete) Gemeinschaft hineinführt. Und solche Erfahrung gewährt Jesus Christus selbst – während seines irdischen Daseins, in Heiliger Schrift, kirchlicher Tradition und weiteren Vermittlungsgestalten. Dies stellt die „Ermächtigung“ für Christenmenschen dar, bei aller eigenen Begrenztheit einen unbegrenzten Anspruch zu formulieren – nicht für sich selbst, sondern einzig für ihn.

Charles Journet schreibt am Ende seines Briefes: „Ich habe ihnen nichts zu erklären, Jesus wird Ihnen alles erklären; vor allem dann, wenn Sie ihm nahegekommen sind.“

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