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Thomas Kiesebrink: Die Kirche sollte über die großen Fragen sprechen

Der Konvertit und Priesteranwärter plädiert für einen Kurswechsel der Kirche: Weg von Gremienarbeit, hin zu aktiver Evangelisierung.
Der Synodale Weg ist gescheitert: Jetzt braucht die Kirche einen Kurswechsel
Foto: Maximilian von Lachner (Synodaler Weg / Maximilian von L) | Der Synodale Weg ist gescheitert: Jetzt braucht die Kirche einen Kurswechsel - zurück zu den großen Fragen, statt zu mehr Gremienarbeit.

In seiner viel beachteten Regensburger Vorlesung am 4. Juni 1970 beantwortet Joseph Ratzinger die Frage „Warum ich noch in der Kirche bin?“ mit folgendem Bekenntnis: „Ich bin in der Kirche, weil ich daran glaube, dass nach wie vor hinter unserer Kirche Seine Kirche steht. Und dass ich bei Ihm nicht anders stehen kann, als indem ich bei und in Seiner Kirche stehe ... Wenn man sich so indiskret ausdrücken will, würde ich sagen, ich bleibe in der Kirche, weil ich sie liebe. Wirkliche Liebe ist nicht unkritisch. Im Gegenteil. Sie allein ist die Kraft, die verwandeln kann und die aufbaut.“

In diesen Worten erkennt man die katholische Forderung des „sentire cum ecclesia“ – ein wohlwollendes Empfinden mit der Kirche. Denn aus katholischer Sicht ist die Kirche nicht nur ein soziologisches und politisches Gebilde, sondern kraft göttlicher Stiftung das universale Heilssakrament und der geheimnisvolle Leib Christi, eine „realitas complexa“, die aus Göttlichem und Menschlichem zusammenwächst (Lumen gentium 8). 

Geübte Gremienspezialisten übernahmen Diskurshoheit

Von einer Liebe zur Kirche war auf den Synodalversammlungen in Frankfurt wenig zu spüren. Im Kontext der Missbrauchskrise zunächst verständlich. In vielen Redebeiträgen der Synodalen zeigte sich jedoch eine Einstellung, die Henri de Lubac bereits 1969 als eine Haltung charakterisierte, „die sich gleichermaßen gegen die Vergangenheit der Kirche richtet wie gegen ihre heutige Existenz ... gegen jede Form ihrer Autorität, gegen all ihre Strukturen. Wenn einmal eine solche Haltung da ist, wird die Kirche ... nur noch als eine von außen kommende Macht gesehen, deren Ausübung man als ,tyrannisch‘ und ,repressiv‘ beurteilt.“ 

Gemäßigte Stimmen, die nicht bereit waren in den allgemeinen Furor einzustimmen, wurden ignoriert oder angefeindet. Längst hatten geübte Gremienspezialisten die Diskurshoheit übernommen, um altbekannte Forderungen (Priesterweihe von Frauen, Demokratisierung, Relativierung des kirchlichen Lehramtes usw.) durchzusetzen und die Aktionsrichtung des deutschen Reformweges zu bestimmen. Mit Synodalität und einer wertschätzenden Gesprächskultur hatte das wenig zu tun. Es wirkt schon befremdlich, wenn in offiziellen Stellungnahmen des Synodalpräsidiums davon gesprochen wurde, dass die „Gemeinschaft des Glaubens“ gestärkt sei. Das Gegenteil ist der Fall. Die innerkirchliche Polarisierung wurde größer. In der öffentlichen Wahrnehmung erschien der deutsche Synodale Weg zudem als eine Art „Gegenlehramt“, das sich vom sakramentalen Prinzip der Kirche verabschieden möchte, um den Glauben von einem Mehrheitsprinzip her neu zu definieren.

Wenig überraschend mehrten sich daher in der Weltkirche kritische Stimmen zur deutschen Vorgehensweise, die allerdings beim Synodalpräsidium wenig Beachtung fanden. Zu den Kritikern zählte unter anderem der damalige Präfekt des Dikasteriums für die Glaubenslehre, Kardinal Ladaria Ferrer, der einen zentralen Aspekt formulierte: „Es versteht sich von selbst, dass alles getan werden muss, um weiteren Missbrauch zu verhindern, aber dies darf nicht bedeuten, das Geheimnis der Kirche auf eine bloße Machtinstitution zu reduzieren oder die Kirche von vornherein als eine strukturell Missbrauch hervorbringende Organisation zu betrachten.“  

Deutsche Bischöfe sprechen mit Papst über Synodalen Weg
Foto: Matthias Kopp (Deutsche Bischofskonferenz) | HANDOUT - 17.11.2022, Vatikan, Vatikanstadt: Bischof Georg Bätzing (l), Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz (DBK), spricht vor den deutschen Bishöfen zu Papst Franziskus (r).

Gerade mit Blick auf die angekündigte Veröffentlichung der Missbrauchsstudie der evangelischen Kirche in Deutschland zeigt sich, dass eine Reduzierung der katholischen Kirche auf eine „Täterorganisation“ nicht gerechtfertigt ist. Wenn in einer Kirche mit einer presbyterial-synodalen Struktur ebenfalls hohe Missbrauchszahlen vorliegen, erscheint aus katholischer Sicht das Bestreben wenig zielführend, mit vermeintlich protestantischen Heilmitteln die Kirche zu gesunden und einen nachhaltigen Bruch mit der Tradition zu vollziehen. 

Daher äußerte sich auch Papst Franziskus immer wieder kritisch zum deutschen Reformweg und wies darauf hin, dass wir in Deutschland keine zweite evangelische Kirche benötigen.  Die Problematik des deutschen Synodalen Weges wurde auch von Kardinal Ouellet beim „Ad limina“-Besuch der deutschen Bischöfe thematisiert: „Es fällt schwer, sich des Eindrucks zu erwehren, dass die äußerst gravierende Angelegenheit der Missbrauchsfälle ausgenutzt wurde, um andere Ideen durchzusetzen, die nicht unmittelbar damit zusammenhängen.“ 

Missbrauchskrise wird nicht durch Missionsverzicht aufgearbeitet

Die katholische Kirche in Deutschland ist in den letzten Jahren das Thema der Missbrauchsprävention mit großer Entschiedenheit angegangen. In allen Bistümern finden verpflichtende Präventionsschulungen für Mitarbeitende und Kleriker statt. Es wurden umfangreiche und verbindliche Schutzstandards vereinbart. Zudem wird der Opferschutz massiv verstärkt. Diese Anstrengungen sind unbedingt notwendig und werden weiter intensiviert.  Die Missbrauchskrise wird jedoch nicht dadurch aufgearbeitet, dass man dem innerkirchlichen Durchsetzungsdruck gut organisierter Interessengruppen nachgibt und die Kirche zum Konstruktivismus bekehrt. Der Weg aus der Krise kann für die Kirche in Deutschland nicht bedeuten, Traditionsabbruch und Missionsverzicht zum neuen Markenzeichen der Katholiken zu erklären. 

Papst Franziskus hat diesen Trugschluss erkannt und beschreibt den deutschen Reformweg als ein „Elitenprojekt“, in dem das Element der Evangelisierung zu stark vernachlässigt wird. Für Papst Franziskus ist es daher falsch, das „Heil in immer neuen Gremien zu suchen“.  Die katholische Kirche ist bereits ein vielschichtiges Gebilde mit einem großen Reichtum an demokratischen Elementen und vielgestaltigen Beteiligungsmöglichkeiten. Es gibt auf allen Ebenen Rätestrukturen von der Pfarrei über das Dekanat und die Diözese sowie Diözesanräte und Diözesansynoden. 

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Die dauerhafte Einrichtung eines neuen Synodalen Rates erscheint daher nicht nur überflüssig, sondern auch kaum dazu geeignet, der Kirche in Deutschland wieder Strahlkraft zu verleihen. Diese Strahlkraft finden wir hingegen in christlichen Initiativen, die neue Formen der Evangelisierung leben, wie beispielsweise die MEHR 2024 in Augsburg oder der jährliche Adoratio-Kongress im Bistum Passau. Hier zeigt sich die katholische Kirche von einer kraftvollen und inspirierenden Seite und verhilft zu einer wirklichen Erneuerung des Glaubens. 

So thematisierte der Adoratio-Kongress 2023 die „Die Herrlichkeit Gottes“: Vorträge und Workshops wechselten sich mit intensiven Zeiten des gemeinsamen Gebets und der eucharistischen Anbetung ab. In bewegenden Podiumsgesprächen ging es um die Erfahrung der Herrlichkeit und des göttlichen Trostes im Leid. Über 1.200 Personen nahmen im Juni 2023 am Adoratio-Kongress in Altötting teil und Hunderttausende verfolgten ihn per Livestream von zu Hause aus. Um den christlichen Glauben wieder zum Leuchten zu bringen, beschreibt Benedikt Paul Göcke in seinem Artikel „Die Krise der Kirche ist auch eine Krise ihrer Metaphysik“ einen weiteren zentralen Aspekt. 

Relevant für das Leben der Menschen werden

Statt in immer neuen Gremien innerkirchliche Streitigkeiten zu zementieren und mit sich selbst beschäftigt zu sein, sollte die Kirche mehr Energien auf das theologische Kerngeschäft verwenden: „Um wieder relevant für das Leben der Menschen zu werden, müssen Kirchenleute und Theologen sich trauen, über die großen Fragen zu sprechen: Gibt es Gott? Handelt er in der Welt? Haben wir eine Seele? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Die kirchliche Lehre – ihre Metaphysik – ist kein Glasperlenspiel, sondern erhebt einen objektiven Anspruch auf Wahrheit.“ Die Kirche sollte aufhören, theologische Rückzugsgefechte zu führen, sondern demonstrieren, dass ihre metaphysischen Grundpfeiler gut begründet sind „und genau deswegen über lebensweltliche Relevanz verfügen.“   

Neue Aufbrüche zu Christus und seiner Kirche werden also zukünftig nur dann gelingen, wenn das katholische Proprium wieder positiv plausibilisiert und nicht diskreditiert wird. Um es mit dem kolumbianischen Philosophen Nicolás Gómez Dávila zu sagen: „Als Christus starb, hinterließ er keine Sitzungsprotokolle, sondern Jünger.“ 

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