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Teilhabe am Sein aus freier Güte

Das Geheimnis und der Sinn der Freiheit heißt Liebe.
Freiheit empfängt sich in jedem Augenblick aus der liebenden und freigebenden Hand Gottes.
Foto: shock via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Freiheit empfängt sich in jedem Augenblick aus der liebenden und freigebenden Hand Gottes.

Menschliche Freiheit lässt sich nur aus geschöpflicher Teilhabe begreifen. Und ihr Ziel ist Liebe aus und in der Wahrheit. Alles andere sind metaphysische Fake-News: Die Behauptung einer reinen Selbstursprünglichkeit geschöpflicher Freiheit, deren Geschöpflichkeit in ihrer Konstitution entweder verhüllt wird oder (wie?) einfach keine Rolle spielen soll, macht Gott entweder zum Lügner oder zum mythischen Magier, der mit dem Schöpfungsfinger schnippt und sich ein quasi-göttliches Gegenüber setzt, das die ontologische Spur der Geschöpflichkeit nicht mehr tragen soll. Denn, so wird behauptet, so sei der Mensch erst wahrhaft frei. Gott habe sich gefälligst herauszuhalten. Solche Rede ist natürlich immer nur als Postulat möglich – und nicht als wirkliche metaphysische Analyse der Bedingungen geschöpflicher Freiheit. Und: Sie führt nicht nur logisch auf direktem Wege nach Absurdistan, sondern in Absurdistan tut sich der Abgrund des Nihilismus auf.

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In diesem Abgrund zerplatzt der Luftballon pseudo-göttlich aufgeblähter Freiheit zu bespeichelten Fragmenten, die im Dunkel völliger Bedeutungslosigkeit verschwinden. Nein, und nochmals Nein zu solchen Fake-News in Form einer neuen falschen Postulatenlehre – um Platz zu gewinnen für das große göttliche Ja: Der Sinn der Freiheit heißt Liebe – und nicht nochmals Freiheit. Solche Freiheit empfängt sich in jedem Augenblick aus der liebenden und freigebenden Hand Gottes. Sie ist Freiheit aus Teilhabe, sich in die Hand gegeben, um auf freie Liebe in freier Liebe zu antworten. Nur so entgeht sie dem Gang nach Absurdistan und ihrem Verschwinden in der dunklen Leere des Nihilismus. Das ist die These dieses Artikels. Sehen wir zu!

Teilhabe am Sein oder der wiederentdeckte Thomas

Das Sein ist aktuell, aber es subsistiert nicht. Diese zunächst rätselhafte, ja im ersten Moment unverständliche Aussage des heiligen Thomas von Aquin, stellte den an Thomas orientierten Denkern ab – grob gesagt – Mitte des 20. Jahrhunderte vor eine Herausforderung. Zunächst in Form einer historischen (Wieder-)Entdeckung: Cornelio Fabro in Italien und der Dominikaner Louis Bertrand Geiger in Fribourg in der Schweiz verorteten im Umfeld dieser Aussage die über Jahrhunderte aus dem Blick geratene organisierende Mitte thomasischer Metaphysik.

Methexis, participatio, Teilhabe,  Grundworte platonischen Denkens,  erwiesen sich plötzlich in höchst origineller Wendung und Aneignung als das eigentliche Zentrum des metaphysischen Denkens des „Aristotelikers“ Thomas. Und „Thomas a creatore“ (wie Chesterton den Dominikaner karmelitisch umgetauft hatte, um griffsicher sein Denken zu charakterisieren) vermochte mit dieser platonischen Figur im aristotelischen Kontext zu denken, was einem vom Christentum inspirierten philosophischen Denken zu denken aufgegeben ist: Was heißt es, ein Geschöpf zu sein? Denn Geschöpflichkeit ist kein nominalistisch oder konzeptualistisch an die Kreatur äußerlich angeklebtes Etikett, sondern, wenn es denn wahr ist, dass wir Geschöpfe sind, die innerste Struktur seines Seins. Und das Geheimnis dieser Struktur und deshalb auch der Struktur freien geschaffenen Seins, Sein, das sich in die Hand gegeben ist, heißt Teilhabe – nicht aus Naturnotwendigkeit, sondern aus freier Güte. Genau diese Struktur verbirgt sich in der zunächst so rätselhaften Aussage vom Sein, das aktuell ist, aber nicht subsistiert, und die dann nach den Philosophiehistorikern auch große spekulative Denker wie Gustav Siewerth und Ferdinand Ulrich intensiv herausgefordert hat.

Das Sein ist aktuell

Also: Das Sein ist aktuell, aber es subsistiert nicht. Sein meint hier nicht das göttliche Sein, das aus sich selbst Stand hat (subsistiert), auch nicht den Endpunkt, den Terminus des Schöpfungsaktes, das konkrete, individuelle Seiende, das mir in der Welt begegnet und das ich selbst bin, sondern jenes, durch das ein solches Seiendes allererst wirklich ist. Denn alles, was ein solches Seiendes ist, lässt uns nicht begreifen, dass es wirklich ist. Kein geschöpfliches Wesen ist aus sich heraus wirklich. Sein wirkliches Sein ist  – nicht nur begrifflich, sondern real – zu unterscheiden, von allem, was es ist. Den Grund seiner Wirklichkeit trägt es nicht in sich selbst, sondern empfängt ihn, in jedem Augenblick, aus der Hand des Schöpfers. Es „ist“ nicht aus sich selbst, sondern aus Teilhabe am Sein (esse participatum). Damit haben wir uns der Rätselaussage, dass das Sein aktuell ist, aber nicht subsistiert, schon ein erhebliches Stück genähert. Aber was genau meint jetzt eine Aktualität – also gerade eine Weise wirklich zu sein – die aber „nicht subsistiert“? Denn Subsistenz ist ja wieder eine Weise wirklich zu sein; ein Seiendes „subsistiert“, so könnte man es in erster Näherung beschreiben, das „in sich Stand gefasst hat“, das deshalb konkret und individuell begegnet.

Nun, etwas, das aktuell, also auf intensivste Weise wirklich ist, aber nicht in sich steht – ist Geschehen, ist Ereignis. Thomas sagt also hier: Das, was dem konkreten Seienden die Wirklichkeit vermittelt und das wir „Sein“ (esse, ipsum esse, esse commune) nennen, ist nicht schon der Terminus, der Schlusspunkt des Schöpfungsaktes, in dem ein konkretes, individuelles Seiendes seinen Selbststand findet, sondern das Geschehen der Teilhabe selbst. Das heißt mit anderen Worten: Das Geschehen, das permanente Ereignis, in dem die Kreatur in jedem Augenblick von Ewigkeit her in der Zeit wird, indem sie aus der Hand Gottes hervorgeht. Dies also ist das innerste Geheimnis der Kreatur, ihre innerste Prägung und ihre tiefste Struktur. Und dies ist auch die letzte, unhintergehbare und notwendige Struktur kreatürlicher Freiheit. Von daher ist es jetzt verständlich, was es bedeutet, sich in jedem Augenblick wieder neu- in die Hand gegeben zu sein. Das ist ein singuläres Verhältnis – und es deutet sich bereits an, dass die Alternative von Heteronomie und Autonomie angesichts der Einmaligkeit dieses Verhältnisses hier schlicht und ergreifend sinnlos wird.

Die volle Rückkehr zu sich selbst

Was unterscheidet nun kreatürliche Freiheit, von der wir nun schon wissen, dass sie aus der Teilhabe am Sein wird, eine Teilhabe, die Gott in jedem Augenblick stiftet, von allen anderen Kreaturen? Halten wir zunächst fest: Eine Wirklichkeit, die sich in die Hand gegeben ist, die eine Herrschaft über ihre Akte (dominium sui) ausübt, nennen wir Person. Also was unterscheidet geschaffene Personen von allen anderen geschaffenen Seienden? Eine Wirklichkeit, die sich in die Hand gegeben ist, muss ein aktives Verhältnis zu sich selbst besitzen. Das ist mehr als jene anhebende Subjektivität, die wir schon überall dort finden, wo wir spontane Selbsterhaltung, Wachstum, Selbstbewegung, schließlich auch sinnliche Organisation bis hin zum inneren Gedächtnisbild haben, wo also die Einheit eines Seienden nicht mehr nur passiv „vorliegt“, sondern von innen vollzogen wird.

Die Tradition, in der Thomas steht, hält diese Wirklichkeiten, in der sich die genannten Punkte mannigfach abwandeln, von größter Einfachheit bis zu hoher Komplexität, die Reiche von Pflanzen und Tieren, für beseelt – aber eben noch nicht für personal und im eigentlichen Sinne frei. Dazu muss die anhebende Subjektivität sich vollenden in der Fähigkeit ganz zu sich zurückzukehren (reditio completa). Was aber aus der Sinnlichkeit ganz zu sich zurückzukehren vermag, muss, paradoxerweise, im Kern seiner Wirklichkeit immer schon zu sich zurückgekehrt sein. Wo dies der Fall ist, haben wir es nicht nur mit Beseelung, sondern mit einer Seele (als organisierendem Zentrum einer zugleich materiellen und belebten Wirklichkeit), die durch Geist bestimmt ist, zu tun. Hier nun ist Person und hier ist Freiheit. Wieso? Ein Wesen, das ganz zu sich selbst zurückzukehren vermag, weil es in seinem Kern immer schon zu sich zurückgekehrt ist, verhält sich zu sich selbst, indem es sich zugleich, und zwar virtuell unendlich, also unbegrenzbar, übersteigt. Eine Wirklichkeit, die ganz in sich aufgeht, gleichsam vollständig in sich feststeckt, kann nicht um sich wissen. Nur im Selbstüberstieg besitze ich mich wissend – und potentiell liebend. Denn jetzt tut es sich bereits auf: Nur aus Selbstbesitz ist auch die liebende Hingabe meiner Selbst möglich.

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Erst im Überstieg über mich selbst besitze ich mich also wissend und kann zum Ursprung meiner Akte werden. Hier schließt sich nun der Kreis unserer Überlegungen. Denn wer eröffnet mir diesen unbegrenzbaren Horizont, in dem ich (mich) wissen, handeln und zuletzt lieben kann? In seiner Aktualität, die nicht subsistiert, sondern erst in mir selbst terminiert, kann ich nicht selbst sein G

rund sein. Denn ich bin konstitutiv endlich. Vielmehr: Er begründet mich, er lässt mir das Licht der Wahrheit leuchten, in dem alles zu stehen kommt, was mir in der Welt begegnet. Und noch mehr: Für mich als werdendes und zugleich endliches Wesen tut sich der Horizont des Guten auf, als leuchtende, glänzende Fülle, mir innerlich und zugleich radikal transzendent, in der sich mir die Fülle der Güterwelt in mir und außer mir zeigt: kostbar, einladend, die Sehnsucht weckend und doch unterschieden von jenem ebenso verheißenden wie unerbittlichen Licht, das mich fragen lässt: Was will ich im tiefsten Grund wirklich? Dieser Horizont, der sich mir in jedem Augenblick zuspielt, entlässt mich in jedem Augenblick in die Freiheit, indem er mich die Bindung an jedes mögliche einzelne und endliche Gut übersteigen lässt. Und er ruft mich: In der Rückkehr zu mir selbst berühre ich den transzendenten Grund meines Daseins.

Was sich mir im Überstieg in diesen Grund auftut, ist das Signum der Teilhabe, hinter der sich Gott als Schöpfer zugleich entzieht und bekundet. Was sich in diesem Ruf aber anzeigt ist selbstlose Güte, die Gericht und Verheißung zugleich ist, Gericht über meine schuldhafte Gefangenschaft in mir selbst, Verheißung verwandelnder Gemeinschaft. Darin allein liegt zuletzt der Sinn der Freiheit: Liebe, die Liebe ruft.

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Martin Brüske Ferdinand Ulrich Gustav Siewerth Thomas von Aquin

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