Geist & Feuer

„Glaubhaft ist nur LIEBE“

Vor sechzig Jahren erschien Hans Urs von Balthasars Programmschrift über die christliche Liebe.
Hans Urs von Balthasars
Foto: KNA | Hans Urs von Balthasars

Oberflächlich betrachtet ist das Judentum die Religion der messianischen Hoffnung, der Islam die Religion des radikalen Glaubens und das Christentum die Religion der Liebe mit dem bis zur Feindesliebe verschärften Doppelgebot der Gottes- und Nächstenliebe. Was ist aber eigentlich Liebe? Quid est amor? Für den vorchristlichen Vergil galt: "Amor vincit omnia!"Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz wies darauf hin, dass im Deutschen die Wörter Leib, Leben, Liebe zum selben Wortstamm  lb  gehören. Es gibt philosophisch von Hegel in seiner "Phänomenologie des Geistes" und von Franz Rosenzweig im "Stern der Erlösung" kluge Analysen des Begriffs der Liebe als "Substanz des Subjekts" oder "Leben zwischen Gesetz und Begehren", aber ihren Inhalt lassen sie eher im Vagen.

Zu antithetisch war auch Anders Nygrens Buch "Eros und Agape" (1930/37), das Josef Pieper in seinem Klassiker "Über die Liebe" (1972) zu Recht kritisierte. Da wurde der Psychologe Erich Fromm mit seinem Erfolgsbuch "The Art of Loving" (1956) konkreter. Hilfreich sind C. S. Lewis  "The Four Loves. Affection   Friendship   Eros   Charity" (1960) oder Ferdinand Ulrichs und Jörg Spletts Analysen. Auch Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. hat sich dem Thema oft gewidmet. Seine erste wissenschaftliche Arbeit als Zwanzigjähriger war 1947 auf Anregung von Alfred Läpple die Übersetzung der "Untersuchung über die Liebe" des Kirchenlehrers Thomas von Aquin, die erst nach siebzig Jahren vom Regensburger "Institut Papst Benedikt XVI." veröffentlicht wurde.  

„Der Liebesbegriff ist postmodern relativiert oder versinkt in Gender-Diskursen.
Liebe als Höchstform göttlich-menschlicher Freiheit
wird bei autonomistischen Freiheitstheologen
und synodalen Macht- und Strukturdiskussionen leider ignoriert“

Seine Antrittsenzyklika als Papst erschien zu Weihnachten 2005 unter dem Titel "Deus caritas est – Gott ist Liebe" (1 Joh 4,16) und weiß zu Beginn um das sprachliche Problem: "Das Wort  Liebe  ist heute zu einem der meist gebrauchten und auch -missbrauchten Wörter geworden, mit dem wir völlig verschiedene Bedeutungen verbinden" (2). Ratzinger ist dem Thema auch durch seine lange Beschäftigung mit Augustinus, dem Kirchenlehrer mit dem brennenden Herzen, und seine Begegnung mit dem Schweizer "Jahrhunderttheologen" (M. Lochbrunner) Hans Urs von Balthasar (1905-1988) verbunden. Dieser hat in frühen Arbeiten in der Liebe eine "Letzthaltung" gesehen und 1944 nach der Begegnung mit Adrienne von Speyr (1902-1967) in poetischer Sprache über Christus als "Das Herz der Welt" geschrieben. Die Systematiker Rudolf Voderholzer, seit 2013 Bischof von Regensburg, und Karl-Heinz Menke (Bonn) haben kurz nach der Papstwahl in Aufsätzen die Nähe der Liebesthematik bei beiden aufgezeigt.

Hans Urs von Balthasar wurde nicht nur mit seiner großen Trilogie "Herrlichkeit   Theodramatik   Theologik" (1961-1987), die einer modernen "Summa theologica" gleichkommt, bekannt, sondern auch durch die Wahl prägnanter Buchtitel. Das gilt für Schriften wie "Das Ganze im Fragment" (1963), wie die provozierenden Anstöße in "Schleifung der Bastionen" (1952), die auf die Öffnungen des Konzils vorauswiesen, und vor allem für "Glaubhaft ist nur Liebe" (1963), die er "kleine Programmschrift" nannte und als positive Ergänzung zu den Raum-öffnenden "Schleifungen" ansah.

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Gottes Liebe ist Geist und Feuer

Auf Neujahr 1963 ist das Vorwort dieses "Balthasar in a nutshell" datiert. Der Text geht der Trilogie voraus und Balthasar fasst seine Absicht in einer "Rechenschaft" 1965 so zusammen: "Diese letzte Synthese vieler früherer Bemühungen um Sinn und Form der Theologie möchte sowohl als Auslegung der christlichen Offenbarung wie als Leitfaden der christlichen Verkündigung und Ethik dienen, indem sie so unmittelbar und abrupt wie möglich das Ereignis des Evangeliums vor unsere Zeit stellt." Er sieht in seiner Schrift die "vielleicht höchste Annäherrung von katholischer Seite" an die universalistische Prädestinationslehre seines Basler reformierten Nachbarn Karl Barth (1886-1968).

In einem Gespräch mit Michael Albus, der eine der ersten deutschen Balthasar-Dissertationen verfasste ("Die Wahrheit ist Liebe", Freiburg 1976), sagte er nach einem Hinweis auf seinen Buchtitel: "Keine Offenbarungswahrheit, von der Trinität bis zum Kreuz und bis zum Gericht, kann von etwas anderem reden als von der Herrlichkeit der armen göttlichen Liebe, die freilich etwas ganz anderes ist, als wir uns hier unten unter Liebe vorstellen. Nämlich Geist und Feuer." Ein Christentum der gelebten Liebe bedürfe deshalb keiner Apologetik: "Es ist seine eigene Apologetik."

Die Grundthesen des Buches

So eingängig der Titel auch ist, so anspruchsvoll ist es, mit Balthasars johanneischem Adlerblick die Tendenzen der Geistesgeschichte zu erfassen. Das christliche Altertum und Mittelalter habe bis zu Cusanus und Leibniz eine kosmozentrische Schau des Denkens, seit der Renaissance und verstärkt in der Aufklärung werde der die Gesamtwirklichkeit erklärende "Logos" statt im Kosmos immer häufiger im Menschen gesucht. Der Mensch sei nun nicht nur ein Mikrokosmos, sondern der Interpret der Natur, die er in seiner Vernunft übersteigt. In Kant erreiche diese auch in der Theologie und Spiritualität virulente Entwicklung ihren Höhepunkt.

Den beiden kosmologischen und anthropologischen "Reduktionen", die auch durch einen dialogischen Personalismus nicht überwunden werden, stellt Balthasar den "dritten Weg der Liebe" gegenüber. Denn "Kriterium der Echtheit des Christlichen kann weder die religiöse Philosophie noch die Existenz sein". Dieser Weg der Liebe bildet fundamentalthologisch zwischen der Scylla des Extrinsezismus von außen und der Charybdis des Immanentismus von innen einen Einheitspunkt. "Man kann daran [ ] ablesen, dass das Christentum als echte Offenbarungsreligion nicht primär, sondern nur sekundär eine Wissensvermittlung, eine  Lehre  sein kann. Es kann primär nur ein Handeln Gottes sein, die Durchführung des in der alten Bundesstiftung begonnenen Dramas Gottes mit der Menschheit."

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Christlicher Glaube richtet sich auf das Unfassliche

Dazu zählen auch Wunder. Es darf trotz des menschlichen Versagens gegenüber der Liebe im Namen des in letzte Höllen hinabsteigenden Gekreuzigten auf die Rettung aller gehofft werden. Aber weder die ewige Verdammnis einiger noch eine "Allversöhnung" ist eine Gewissheit. Möglich und wahrnehmbar geworden ist die Ankunft göttlicher Liebe in der Menschheit erst durch das stellvertretende Jawort Mariens gegenüber Gott als "lebendige Antwort der Liebe aus menschlichem Geist". Dabei ist in der Offenbarung der Liebe Jesu Passion nie überwunden und seine Hingabe auch nach Ostern wesentlich, ähnlich wie im Leben liebender Menschen, etwa einer Mutter für ihr Kind. So wie Christus "für alle" gestorben ist, kann er als der Erhöhte "alle" an sich ziehen (Joh 12,32).

Der Glaube der Christen richtet sich "primär auf die Unfasslichkeit der uns übersteigend-zuvorkommenden Liebe Gottes", weshalb der Satz gilt: "Glaubhaft ist nur Liebe, es muss und darf aber auch nichts anderes geglaubt werden als die Liebe", deren Glaubhaftigkeit sich beim Nachfolgenden in Umkehr und Tat erweist, aber auch als "Form" zeigen kann im Leben der evangelischen Räte. Dabei "gibt es eigentlich nicht drei Räte, sondern den Rat zu einer Lebensform, und entsprechend darin nicht drei Gelübde, sondern das eine Sich-Eingeloben in die Kreuzgestalt der Liebe als der einzigen, all durchwaltenden Lebensform". Das sehr dichte Büchlein endet mit einem weihnachtlichen Wort: "Gottes Liebe zum Kinde Welt erweckt in dessen Herzen die Liebe so, dass Gottes Liebe selbst Kind werden kann, das von einer Mutter geboren und zur gottmenschlichen Liebe erweckt wird."

Aktuelle Perspektiven

Nach sechzig Jahren hat sich vieles verändert. Der Liebesbegriff ist postmodern relativiert oder versinkt in Gender-Diskursen. Liebe als Höchstform göttlich-menschlicher Freiheit wird bei autonomistischen Freiheitstheologen und synodalen Macht- und Strukturdiskussionen leider ignoriert. Die Beschäftigung mit Balthasar könnte hier das Niveau heben und Liebe als "Geist und Feuer" wieder lebendig werden lassen.

Balthasar will das Ganze sehen und zitiert aus einer Hymne Ephrems: "Wahrheit und Liebe sind untrennbare Flügel   denn nicht kann Wahrheit fliegen ohne Liebe   und Liebe kann nicht schweben ohne Wahrheit". Von Balthasars geistiger Gefährtin Adrienne von Speyr gibt es dazu nicht nur den schlichten Traktat "Über die Liebe" (Einsiedeln 1987), sondern auch eine Betrachtung zum 8. Kapitel des Römerbriefes unter dem Titel "Der Sieg der Liebe" (2008). Dieser Sieg ist nicht (wie man Vergil missverstehen könnte) Naturgesetz, sondern von Gott in Christus glaubhaft "gewollt und gewährt".

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