Welt & Kirche

Als Mann und Frau wurden sie erschaffen

Mann oder Frau, ein drittes gibt es nicht. Die Bibel lässt keinen Raum für die Verflüssigung der Geschlechterordnung . Der Mensch als Abbild Gottes.
Adam und Eva Bosch
Foto: IN | Verflüssigung der Geschlechter – die Bibel lässt dafür keinen Raum.

Grundlegend für die christliche Anthropologie ist die Schöpfungserzählung, mit der die Bibel beginnt. Unter zwei Gesichtspunkten wird hier von der Erschaffung des Menschen erzählt. In beiden Fällen ist die geschlechtliche Differenzierung ein wesentliches Merkmal des Menschseins. Sie hebt allerdings die zugrunde liegende Einheit nicht auf, sondern entfaltet sie. In der ersten Erzählung ist die Zweigeschlechtlichkeit auf Fruchtbarkeit hingeordnet, in der zweiten Erzählung wird sie unter dem Aspekt der Beziehung gesehen. Beide Erzählungen sind komplementär zu lesen. Sie stehen nicht in Widerspruch zueinander, sondern die zweite Erzählung greift einen Aspekt der ersten Erzählung heraus und entfaltet ihn: die Erschaffung des Menschen als Mann und Frau. 

Bild Gottes

Die Spannung von Einheit (Singular) und Zweigeschlechtlichkeit (Plural) kennzeichnet die erste Erzählung. Jeder Mensch – unabhängig von seinem Geschlecht – ist Bild Gottes: „Und Gott sprach: Wir wollen (den) Menschen (adam) machen als unsere Statue („Bild“), als unsere Ähnlichkeit … Und Gott schuf den Menschen (ha-adam) als seine Statue, als Statue Gottes schuf er ihn, männlich und weiblich schuf er sie“ (Gen 1,26f). Die Menschen werden nicht wie die Tiere in unterschiedlichen Arten oder Rassen erschaffen, sondern als Einheit. Das hebräische Wort adam ist ein Kollektivbegriff und bezeichnet den Menschen im Sinne aller Menschen. Das Wort existiert nicht im Plural. Wenn vom Menschen als Bild Gottes gesprochen wird, bleibt der Text im Singular. In den Plural wechselt die Erzählung erst an der Stelle, da von „männlich“ und „weiblich“ gesprochen wird: „Männlich und weiblich schuf er sie (?tam)“. Daraus geht eindeutig hervor, dass es jetzt um Mann und Frau geht.

Archetypen

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Im Sinne der Archetypenlehre Carl Gustav Jungs mag es reizvoll sein, den Text so zu verstehen, dass jeder Mensch männliche und weibliche Anteile – animus und anima – in sich trägt, doch diese Vorstellung liegt der Erzählung nicht zugrunde. Das geht vor allem aus dem weiteren Textverlauf hervor, der vom Segen der Fruchtbarkeit spricht: „Und Gott segnete sie [d. h. die als männlich und weiblich erschaffenen Menschen] und sprach: Seid fruchtbar und mehret euch und füllt die Erde und macht sie euch untertan und herrscht über die Fische des Meeres und über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!“ (Gen 1,28). Wie Annette Schellenberg zu Recht feststellt, zeigt der Mehrungsauftrag in Gen 1,28, „dass die Zweigeschlechtlichkeit des Menschen primär unter dem Gesichtspunkt der Fortpflanzung interessiert“ (A. Schellenberg, Der Mensch als Bild Gottes? Zum Gedanken einer Sonderstellung des Menschen im Alten Testament und in weiteren altorientalischen Quellen. Zürich 2011, S. 132). 

Schöpfungserzählung

In der zweiten Schöpfungserzählung wird dieser Aspekt vertieft. Noch bis vor einigen Jahren hielt man die Schöpfungserzählung in Gen 2, die Erzählung von Adam und Eva im Paradies, für die ältere der beiden Erzählungen. Inzwischen mehren sich die Stimmen, die das Verhältnis umkehren. Demnach wäre Gen 1 die ältere und Gen 2 eine Fortschreibung und Vertiefung derselben. Aus der Erzählung von der Weltschöpfung (Gen 1) wird nun ein Werk herausgegriffen und vertieft, und zwar das am sechsten Tag erschaffene achte Werk: der Mensch. In Gen 1 wird der Mensch als eine Gottesstatue erschaffen. Vor dem Hintergrund der altorientalischen Tradition repräsentiert eine Gottesstatue die jeweilige Gottheit. Normalerweise stand sie in einem Heiligtum. Im Alten Testament werden derartige Machwerke von Menschenhand verboten. „Du sollst Dir kein Kultbild machen und keine Gestalt von irgendetwas am Himmel droben, auf der Erde unten oder im Wasser unter der Erde“, heißt es im Dekalog (Ex 20,4). Israel darf also keine Gottesbilder herstellen, weil es am Horeb zwar eine Stimme, die Stimme Gottes, gehört, aber kein Bild gesehen hat (Dtn 4,15f). Es gibt allerdings eine Ausnahme, es gibt ein legitimes Gottesbild, und das ist der Mensch. Allerdings hat dieses Gottesbild nicht der Mensch gemacht, sondern Gott, und zwar von sich selbst. Das ist die Grundlage biblischer Anthropologie. Die von Menschen gemachten Gottesbilder sind immer nur tote Machwerke: sie sprechen nicht, sie hören nicht, sie sind machtlos (vgl. Jes 44,9–20). Das einzig wahre und lebendige Gottesbild, der Mensch, ist von Gott gemacht. Daraus folgt, dass die dem Menschen zukommende Haltung zu sich selbst die der Annahme und nicht die des Machens ist.   

„Das einzig wahre und lebendige Gottesbild,
der Mensch, ist von Gott gemacht.
Daraus folgt, dass die dem Menschen zukommende
Haltung zu sich selbst die der Annahme
und nicht die des Machens ist.“ 

  Vor dem altorientalischen Hintergrund entfaltet die zweite Schöpfungserzählung die Herstellung der Gottesstatue in zwei Schritten. Dabei kommt erneut die bereits aus Gen 1 bekannte Spannung von Einheit und Zweigeschlechtlichkeit zum Ausdruck. In einem ersten Akt erschafft Gott den Menschen. Von einer geschlechtlichen Differenzierung ist hier noch nicht die Rede: „Und Gott, der HERR, formte den Menschen (adam), Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase Lebensatem, und so wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen“ (Gen 2,7). Das Formen und das Beatmen ahmen die Herstellung einer Gottesstatue nach, wie wir es aus altorientalischen Quellen kennen. Mit diesem ersten Akt ist die Erschaffung des Menschen aber noch nicht abgeschlossen. Gott selbst stellt fest, dass das Werk „noch nicht gut“ ist (Gen 1,18). In einem zweiten Akt geht nun dieser Mensch (adam) in die Differenzierung von Mann (isch) und Frau (ischa). Erneut hat Gott seine Hand dabei im Spiel: „Da ließ Gott, der HERR, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch. Gott, der HERR, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu“ (Gen 2,21f). 

Gemeinsames Menschsein

Ludger Schwienhorst-Schönberger

Aus dem bisherigen Verlauf der Erzählung wird deutlich, dass die Frau nicht aus der Rippe des Mannes erschaffen wurde, sondern aus der Rippe des (ersten) Menschen. Mannsein und Frausein liegt ein gemeinsames Menschsein zugrunde. Die Frau ist demnach kein abgeleiteter Mann. Vielmehr sind Mann und Frau die differenzierende Ausformung eines zugrunde liegenden, noch nicht differenzierten gemeinsamen Menschseins. Erst in der binären Geschlechterkonstellation ist die Erschaffung des Menschen vollendet: „Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch“ (Gen 2,24). Sowohl die jüdische als auch die christliche Tradition sehen in beiden Erzählungen die „Stiftung und Sanktion der Ehe“ grundgelegt (vgl. Benno Jacob, Das Buch Genesis, hg. in Zusammenarbeit mit dem Leo Baeck Institut, Stuttgart 2000, S. 61). Die beiden biblischen Schöpfungserzählungen präsentieren das Modell einer binären Geschlechterkonstellation in Verbindung mit Heteronormativität.

Das Wesen des Eros

Es hätte auch damals durchaus Alternativen gegeben. Eine davon ist uns im platonischen Symposion überliefert. Darin geht es um das Wesen des Eros. Als vierter der insgesamt sieben Redner preist der Komödiendichter Aristophanes Eros als den menschenfreundlichsten der Götter (189d). Um sein Urteil den Teilnehmern einsichtig zu machen, zitiert er einen Mythos: Ursprünglich existierten die Menschen als doppelgeschlechtliche Kugelmenschen, und zwar einige als Mann–Frau, einige als Mann–Mann, einige als Frau–Frau. Sie waren von gewaltiger Kraft und versuchten, „sich einen Weg zum Himmel zu bahnen, um die Götter anzugreifen“ (190c). Da beschloss Zeus, sie in zwei Hälften zu teilen. „Als nun so ihre Gestalt in zwei Teile zerschnitten war, sehnte sich jedes nach seiner Hälfte und vereinigte sich mit ihr. Sie umschlangen sich mit den Armen und schmiegten sich aneinander, und weil sie zusammenzuwachsen begehrten, starben sie an Hunger und sonstiger Untätigkeit, weil sie nichts getrennt voneinander tun wollten“ (191a.b). Sie konnten nicht voneinander lassen, da ihr Zusammensein ihnen keine Befriedigung verschaffte. 

Aus zweien eins machen

„Da erbarmte sich Zeus und gewährte ihnen auf anderem Wege Hilfe, indem er ihre Geschlechtsteile nach vorne versetzte“ (191b). Traf nun ein Männliches auf ein Weibliches, so verschaffte ihnen ihr Zusammensein Befriedigung und Fortpflanzung, traf ein Männliches auf ein Männliches, so sollte das Zusammensein wenigstens zu einer Befriedigung führen, damit sie nun davon abließen und sich wieder der Arbeit zuwendeten und sich um die anderen Dinge des Lebens kümmerten. „Seit so langer Zeit also ist die Liebe zueinander den Menschen angeboren. Sie führt das ursprüngliche Geschöpf wieder zusammen und versucht, aus Zweien Eins zu machen und die menschliche Natur zu heilen. Jeder von uns ist daher nur ein Teilstück eines Menschen, da wir ja, zerschnitten wie die Schollen, aus einem zwei geworden sind. Jeder sucht demnach beständig sein Gegenstück“ (191d).  Im Vergleich zu biblischen Menschschöpfung fallen folgende Unterschiede ins Auge: 

1. In dem von Aristophanes zitierten Mythos ist die geschlechtliche Differenzierung des Menschen in Mann und Frau eine Folge der Sünde. Anders die biblische Anthropologie: Mann und Frau verwirklichen auf je unterschiedliche Weise das ganze Menschsein. Die geschlechtliche Differenzierung ist hier keine Folge der Sünde, sondern gehört zur guten, noch ungefallenen Schöpfung. 

Es wird in Gen 2 kein ursprünglich vollkommener Mensch in zwei Hälften geteilt, weil er überheblich wurde, sondern ein ursprünglich unvollkommener Mensch (adam) geht in die Differenzierung von Mann (isch) und Frau (ischa). Mannsein und Frausein sind die differenzierende Ausgestaltung eines ursprünglich unvollkommenen, noch undifferenzierten Menschseins. 

2. Nach der von Aristophanes angeführten mythischen Tradition ist Liebe in der Gestalt des Eros Ausdruck von Bedürftigkeit und Überwindung eines Mangels. Darin artikuliert sich die in der griechischen Kultur immer empfundene Ambivalenz erotischer Liebe. In der biblischen (und auch sokratischen) Tradition kann Liebe anders gedacht werden. Auch sie weiß von einem Bruch, der sich durch den Menschen zieht. Dieser liegt aber nicht in der geschlechtlichen Differenzierung, sondern in der Abkehr von Gott. Die Heilung des Bruchs kann letztlich nicht in der Sexualität gefunden werden. Ihr wird damit das Metaphysische genommen. Eros ist kein Gott, sondern ein Mittleres zwischen Gott und Mensch, wie Diotima dem Sokrates zu verstehen gibt (202d.e). 

  

"Die biblische Offenbarung 
weiß von einem Bruch, 
der sich durch den Menschen zieht. 
Dieser liegt aber nicht in der
geschlechtlichen Differenzierung, 
sondern in der Abkehr von Gott. "

3. Der im Symposion überlieferte Mythos vertritt keine Heteronormativität. In der biblischen Tradition geht es primär um Nachkommenschaft und Beziehung, im androgynen Mythos primär um sexuelle Befriedigung und Überwindung eines Mangels. Wenn die in zwei Hälften geteilten Menschen sich sexuell befriedigt haben, in welcher Konstellation auch immer, können sie wieder in Ruhe ihrer Arbeit nachgehen. Wenn dabei ein Männliches auf ein Weibliches trifft, entsteht dabei gewöhnlich auch Nachkommenschaft. Von einer auf Dauer angelegten Beziehung ist nicht die Rede. Es gibt in der Antike Konzepte, Liebe und Sexualität zu trennen. Lukrez gibt die Empfehlung aus, die Liebe aus dem sexuellen Genuss herauszuhalten, weil dieser durch Liebe nur gemindert würde. Durch die Liebe wird der Mensch krank und ein Kranker kann nicht wirklich genießen: „Und es entbehrt nicht der Venus Frucht, wer Liebe vermeidet (vitat amorem).“ (De rerum natura – Die Welt aus Atomen. Lateinisch und Deutsch, übersetzt und mit einem Nachwort, hrsg. von Karl Büchner, Stuttgart 1986, IV, 1073, S. 335). 

Binäre Geschlechterkonstellation

Gott lässt Eva aus der Rippe von Adam wachsen byzantinisches Goldgrund Mosaik in der Kathedrale San

Die biblische Tradition lässt meines Erachtens kein Interesse an einer performativen Verflüssigung, an einer Denaturalisierung oder einer subversiven Resignifikation oder Veruneindeutigung der binären Geschlechterkonstellation erkennen, wie sie heute in einigen Kreisen als emanzipatorisches Projekt propagiert wird. Das Alte Testament kennt diese Phänomene sehr wohl, verwirft sie jedoch. Die binäre Geschlechterkonstellation soll nicht verschleiert oder dekonstruiert werden. Dtn 22,5 verbietet den Transvestismus: „Eine Frau soll nicht die Ausrüstung eines Mannes tragen, und ein Mann soll kein Frauenkleid tragen; denn jeder, der das tut, ist dem Herrn, deinem Gott, ein Gräuel.“ Ebenso werden homosexuelle Handlungen im eigentlichen Sinn als unsittlich verworfen. „Du darfst nicht mit einem Mann schlafen, wie man mit einer Frau schläft; das wäre ein Gräuel“ (Lev 18,22; vgl. 20,13). Dagegen wird gewöhnlich eingewandt, dass die im Alten Testament verworfenen homosexuellen Handlungen nicht mit dem zu vergleichen seien, was heute in westlichen Kulturen unter gelebter Homosexualität verstanden wird, nämlich einer auf freier Zustimmung und gegenseitiger Anerkennung beruhenden Beziehung, in der die nicht in Abhängigkeit zueinander stehenden Personen gleichen Geschlechts im herrschaftsfreien Diskurs aushandeln, was in puncto Sexualität gefällt.

Sittlich erlaubt und unerlaubt

Meines Erachtens zeigen die Gesetze und Erzählungen zur Vergewaltigung einer Frau jedoch, dass die Bibel sehr wohl zwischen sittlich erlaubten und sittlich nicht erlaubten heterosexuellen Handlungen unterscheidet (vgl. Dtn 22,22–29; 2 Sam 13,1–22). Prinzipiell wäre eine solche Unterscheidung auch in der Bewertung homosexueller Beziehungen möglich gewesen. Der im platonischen Symposion von Aristophanes zitierte Mythos zeigt, dass Homosexualität als eine auf gegenseitiger Anerkennung beruhende Beziehung zweier freier Menschen in der Antike sehr wohl vorstellbar war. Dort wird die homosexuelle Beziehung sogar als die höchste Form der drei Beziehungstypen angesehen. Altes wie Neues Testament teilen diese Sicht jedoch nicht. 

Meines Erachtens kann dieser Befund in der Frage nach der sittlichen Beurteilung homosexueller Handlungen in einer theologischen Ethik nicht außer Acht gelassen werden. Auch die Päpstliche Bibelkommission kommt in ihrem jüngsten Dokument zur biblischen Anthropologie zu dem Ergebnis, dass es in der Heiligen Schrift keine Anhaltspunkte für wertschätzende Einstellungen zu homosexuellen oder lesbischen Beziehungen gibt (Pontificia Commissione Biblica, Che cosa è l?omo? Un itinerario di antropologia biblica. Città del Vaticana 2019, Nr. 185–195). 

Freundschaft

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Die in diesem Zusammenhang häufig angeführte Freundschaft zwischen David und Jonathan ist nicht als eine homosexuelle Beziehung zu verstehen. In der emphatischen Klage über den Tod seines Freundes Jonathan ruft David aus: „Weh ist mir um dich, mein Bruder Jonathan. Du warst mir sehr lieb. Wunderbarer war deine Liebe für mich als die Liebe der Frauen“ (2 Sam 1,26; vgl. 1 Sam 18,1). Der Text hat keine Scheu, von der Liebe zwischen zwei Männern zu sprechen. Auch das Neue Testament hat keinerlei Probleme damit (Joh 13,23.25; 19,26; 21,15–23). Der Deutung solcher Liebesbeziehungen als homosexuelle oder homoerotische Beziehungen liegt jedoch das verbreitete Missverständnis zugrunde, die Tiefe einer personalen Beziehung korreliere mit dem Vollzug sexueller Akte. Das ist möglich, aber keineswegs notwendig. So ist auch nach Siegfried Kreuzer die auffallende Formulierung von 2 Sam 1,26 „nicht als Andeutung homoerotischer Liebe zu verstehen, sondern als Steigerung gegenüber der üblicherweise intensivsten Liebeserfahrung“. Es sei unwahrscheinlich, dass damit „eine den alttestamentlichen Geboten widersprechende homoerotische Beziehung Davids zu Jonathan geschildert werden soll“ (S. Kreuzer, Freundschaft, in: Michael Fieger/ Jutta Krispenz / Jörg Lanckau (Hrsg.): Wörterbuch alttestamentlicher Motive. Darmstadt 2013, S. 168). 

 Reden von Liebe

Im Horizont biblischer Anthropologie ist es also möglich, im Zusammenhang einer gleichgeschlechtlichen Freundschaft von Liebe zu sprechen. Doch diese Konstellation wird nicht mit jener Beziehung auf eine Ebene gestellt, die in einer heterosexuellen Konstellation als Ehe verstanden wird. Wie das Beispiel der Freundschaft zwischen David und Jonathan zeigt, besteht der Unterschied nicht in der Intensität der Beziehung, sondern im Vollzug oder Nicht-Vollzug sexueller Handlungen. Damit ist nicht gesagt, dass personale Qualität, Tiefe und Verbindlichkeit einer Freundschaft zweier Personen des gleichen Geschlechts nicht weit über das hinausgehen können, was gewöhnlich in einer Ehe gelebt und erfahren wird. Die Freundschaft zwischen David und Jonathan dürfte nach Aussage von 2 Sam 1,26 in diesem Sinne zu verstehen sein. Eine analoge Konstellation findet sich im Buch Rut. Die in einem feierlichen Versprechen gegebene und in praktischer Solidarität gelebte Freundschaft zwischen Rut („Rut“ heißt übersetzt „Freundin“) und Noomi: „Nur der Tod wird mich von dir scheiden“ (Rut 1,16–17) wird (sprachlich) deutlich von der Ehe unterschieden, die Rut mit Boas eingeht. Nur aus dieser Verbindung geht ein Kind hervorgeht, das in einer Geschlechterfolge steht, die zur Geburt des Messias führt (Rut 4,13–22; Mt 1,5). 

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