Stimmabgabe unter intensiver Beobachtung, eine CDU-Geschäftsstelle als verlassener Ort der Mutlosigkeit und eine Wahl, die im Unterricht keine Rolle spielt: Beobachtungen aus dem kulturellen und politischen Zentrum des Altmarkkreises.
Ortstermin zur Wahl in Sachsen-Anhalt: Salzwedel ist mehr als die Stadt der berühmten Baumkuchen. Sie ist ein kulturhistorisch-architektonisches Schmuckstück: Die traditionsreiche Kreisstadt mit ihrer bezaubernden Fachwerkarchitektur bildet den kulturellen und politischen Mittelpunkt des Altmarkkreises. Hier leben zwar nur gut 22.000 Einwohner, im Landkreis sind es gerade einmal 78.000. Aber der erste Eindruck zeugt schon von der früheren Bedeutung und jahrhundertealtem Wohlstand.
Die alten Häuser sind allesamt aufwändig restauriert, gerade wird überall modernstes Breitbandkabel verlegt, deshalb finden sich hier und da Absperrungen, auch vor dem berühmten Café Kruse mit seiner bekannten Baumkuchen-Manufaktur. Drei große Kirchen, alle ausgeführt in stilprägender Backsteingotik, bestimmen das Stadtbild von fern und in der Nahsicht beim Bummeln. Der frisch renovierte, 86 Meter hohe, etwas schiefe Turm der Marienkirche mit seinem kupfergedeckten Helm ist ein Blickfang, der Bau geht auf das 13./14. Jahrhundert zurück. Bei der lange schon nicht mehr als Sakralraum genutzten Mönchskirche fehlt der Turm zugunsten eines Dachreiters, typisch für Gotteshäuser der Bettelorden. Direkt nebenan das Rathaus, das kurz nach der Wende zum 20. Jahrhundert gebaut wurde.

Eine Wahl unter Beobachtung
Die Stadt wirkt menschenleer, nur an manchen Stellen herrscht ein gewisses Treiben, etwa an der Jenny-Marx-Schule oder eben hier am Rathaus, das sich zeitgeistig „Bürgercenter“ nennt. Bis kurz vor 18 Uhr geben die letzten Wähler noch ihre Stimme ab, dann schließt das Wahllokal. Beobachter werden zunächst herausgebeten. Eine ältere, gepflegte Dame im BMW mit Rendsburger Kennzeichen fährt vor. Sie sei Wahlbeobachterin des Vereins „1 Prozent“. Die Organisation gehört zur „Neuen Rechten“ aus dem Umfeld der „Identitären Bewegung“. Vom Bundesamt für Verfassungsschutz wird die Initiative als verfassungsfeindlich geführt. Ein rechtsextremer Verein, der die Stimmenauszählung beaufsichtigt? Oder geht es vielmehr darum, durch Aufrufe zur Kontrolle von Wahllokalen systematisch Misstrauen gegen das demokratische Wahlsystem und die Integrität von Wahlen in Deutschland zu schüren?
Die Ein-Prozent-Frau, die sich als pensionierte Ärztin zu erkennen gibt, ist nicht die einzige, die die Auszählung beobachtet. Etwa vier weitere Personen, eine mit AfD-Deutschland-Sticker, achten mit Argusaugen auf die Arbeit der Wahlhelfer. Auf Befragen möchten sie nichts sagen über ihre Motivation: „Ich bin hier als Mensch!“, so die Antwort eines missmutigen Mannes im Rentenalter.
Eine resolute Wahlvorständin
Rentnerin ist auch die grauhaarige Renate Burmeister, die an diesem Abend als Wahlvorständin fungiert. Die resolute Dame in weiter Marlene-Hose und vornehmer Bluse versteht keinen Spaß: „Alle, die hier dabei sein wollen: Behindern Sie nicht unsere Arbeit!“ Telefonieren und Fotografieren sei nicht erlaubt, in scharfem Ton erfolgt eine strikte Anweisung: „Alle stellen jetzt ihre Handys ab. Wer sein Handy bei der Auszählung herausholt, wird des Wahllokals verwiesen!“

Burmeister hat Erfahrung in Politik und Verwaltung. Sie war über viele Jahre als hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte der Hansestadt Salzwedel tätig. In ihrer Funktion als Beauftragte organisierte sie regelmäßig öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen. Ein bekanntes Beispiel war das Kabarett-Event zum 100. Internationalen Frauentag im Salzwedeler Kulturhaus. Die Einrichtung diente an diesem Tag auch als Wahllokal, außerdem trifft sich hier regelmäßig die AfD.
Das Rathaus-Wahllokal ist auf Publikum nicht vorbereitet, keine Sitzgelegenheiten oder gar Getränke, nicht einmal Wasser. Die Wahlhelfer wirken nervös und unsicher, man spürt die Angst, irgendeinen Fehler zu begehen.
Ein Ort der Mutlosigkeit
Während die Auszählung läuft, schauen wir kurz bei der CDU-Geschäftsstelle direkt hinter dem Rathaus vorbei. Fenster und Türen sind geschlossen, niemand versieht an diesem besonderen Wahltag Dienst vor Ort. Die Wahlwerbung am Hauptquartier der Partei, die doch in Magdeburg regiert, wirkt merkwürdig defensiv. Kleine Poster, von innen an die Fensterscheiben geklebt, strahlen nur wenig Siegeszuversicht aus. Das christdemokratische Büro – ein verlassener Ort der Mutlosigkeit. Dabei ist der Altmarkkreis derjenige mit dem größten konfessionellen Rückhalt im Land. Über 20 Prozent sind Mitglieder in den beiden großen Kirchen, natürlich mit deutlichem, historisch bedingtem Übergewicht für die Protestanten.
Die Reformation wirkt über die Jahrhunderte auch sonst vielfach nach. Der katholische Pfarrer Andreas Lorenz aus Gardelegen, der auch die wenigen Katholiken in Salzwedel seelsorgerisch betreut, hebt hervor, dass die Kirche in Sachsen-Anhalt kaum noch über Einfluss verfügt: „Dabei muss man sagen, dass Bischof Feige sich geradezu heldenhaft eingesetzt hat!“ Der 65-jährige Lorenz hat seinen zumeist ratlosen Gläubigen auf Anfrage geraten, auf jeden Fall zur Wahl zu gehen. Eine Partei direkt zur Wahl empfehlen mochte er nicht, zu unübersichtlich wären die Positionen bei allen Parteien. Der Geistliche beklagt eine darniederliegende Gesprächskultur, wo niemand sich mehr bemühe, den anderen überhaupt zu verstehen: „Da könnten wir von der mittelalterlichen Scholastik lernen!“ Großes Vorbild sei für ihn Franziskus: „Er hat selbst eine innere Wandlung vollzogen, das ist entscheidend!“ Alle AfD-Wähler als rechtsextrem abzutun, wie es oft geschieht, lehnt Pfarrer Lorenz ab.
Das CDU-Wahlergebnis spiegelt eine Krise der Partei
Zurück im Wahllokal des Salzwedeler Rathauses, wo inzwischen die Stimmen ausgezählt sind: Die AfD hat hier mit 42 Prozent etwas schlechter abgeschnitten als landesweit, Linke und SPD kommen auf gut zehn Prozent, das BSW liegt bei 5,5 Prozent. Die Christdemokraten mit ihrem verwaisten Parteibüro kommen auf nur 17,2 Prozent. Doch das Erststimmen-Ergebnis zeigt mit über 25 Prozent, dass der CDU-Direktkandidat Carsten Borchert erfolgreicher war als seine Union, ein klarer Hinweis auf eine Krise der Landes- und Bundespartei.

Hinter dem Rathaus sitzen drei junge Mädchen mit ihren E-Rollern auf einer Bank, unterhalten sich und lachen. Die Landtagswahl heute, für sie kein Thema. Die Schülerinnen Henni, Carlotta und Emily sind etwa zwölf Jahre alt und haben nichts dagegen, fotografiert zu werden: „Kommt das auf TikTok?“ Nein, natürlich nicht, höchstens in der „Tagespost“. Auf die Frage, ob im Unterricht der Klasse 7 in irgendeinem Fach über die Wahl heute gesprochen wurde, antworten die Schülerinnen mit „Nein“.
Jetzt die „Tagespost" abonnieren und nichts mehr verpassen.









