Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung UKRAINISCHES TAGEBUCH – Teil 5

„Wir sind hier alle traumatisiert“

In Kiew habe ich keine Zeit, bei Luftalarm im U-Bahn-Schacht zu warten, denn wichtige Gespräche stehen an: Von Andrij Melnyk ins Höhlenkloster und dann Mezze im Restaurant „Shalom“.
Vizeaußenminister Andrij Melnyk
Foto: Yuriy Kolasa | Vizeaußenminister Andrij Melnyk, der als ukrainischer Botschafter in Berlin Berühmtheit erlangte, spricht im „Tagespost“-Interview Klartext.

Kann der Kriegs- und Belagerungszustand denn zum Alltag werden? Die Rezeptionistin im Hotel Bratislava in Kiew jedenfalls tut so. Sie lässt uns mit bürokratischer Geste einen Zettel unterschreiben, dass wir über alle Gefahren aufgeklärt wurden und für alles selbst haften, zeigt uns die schäbige Türe zur ebenso schäbigen Kellertreppe, die in die Schutzräume führt. Ein Blick, und ich habe schon beschlossen, bei Luftalarm lieber im Zimmer zu bleiben. Schließlich hafte ich ohnehin selbst.

Tagsüber hören wir nur einmal den schrillen Alarmton. Da sind wir ganz tief unter der Erde in der Kiewer U-Bahn. Eigentlich sollten nun alle hier ausharren, aber die Menschen sind den Luftalarm gewohnt und gehen ihrer Wege. Wir auch, denn wichtige Gespräche warten.

Auf einen Kaffee mit Melnyk

In einem gemütlichen Kaffeehaus am Stadtrand von Kiew treffe ich Andrij Melnyk. Er war als ukrainischer Botschafter in Berlin berühmt, für manche auch berüchtigt, und wirkt nun als stellvertretender Außenminister seines Heimatlandes in Kiew. Dass wir uns im „Cafe Lviv“ treffen, ist wohl kein Zufall: Melnyk stammt aus Lemberg (Lviv), der westukrainischen Metropole mit dem mitteleuropäischen Charme. Wir plaudern über das Leben in Deutschland, Österreich und der Ukraine, analysieren die Politik Washingtons, Brüssels und Berlins, denken über China und den Iran nach. Vor allem analysiert er messerscharf Putins Psychogramm und Moskaus Motive, die ukrainische Innenpolitik und die russische Propaganda.

„Wir sind hier alle traumatisiert“, sagt er. Und doch wirkt er konzentriert, hellwach und glasklar. So schonungslos er stets die Versäumnisse der deutschen Außenpolitik kritisierte, nimmt er jetzt die Schwächen der eigenen, ukrainischen Politik ins Visier. Er weicht keiner Frage aus, flüchtet sich – im Gegensatz zu den meisten Politikern – auch nicht in Floskeln oder Propaganda. Ein Intellektueller von Format! Ich freue mich schon darauf, das Interview für „Die Tagespost“ aufzubereiten. Da werden einige aufhorchen, denke ich. Wir übersehen die Uhr; die zweieinhalb Stunden vergingen wie im Flug.

Das Höhlenkloster von Kiew
Foto: Stephan Baier | Die Lawra, das Höhlenkloster von Kiew, ist eines der zentralen christlichen Heiligtümer der Ukraine – und immer noch das Zentrum der „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“.

Jetzt muss ich mich beeilen, denn Kiew ist eine riesige Stadt. Auf zur Lawra, dem berühmten Kiewer Höhlenkloster, um das die beiden orthodoxen Kirchen gerade ringen. Die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche“, die den Zusatz „… des Moskauer Patriarchats“ jetzt gerne los wäre, will die mächtige und traditionsreiche Klosteranlage halten – aber die autokephale „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ hätte sie gerne unter ihrer Kontrolle. Letztere genießt das Wohlwollen der ukrainischen Regierung. Einen prominenten Vertreter der Erstgenannten treffe ich jetzt in der Lawra.

Wortreiche Distanzierung von Kyrill und seiner Ideologie

Von der U-Bahn-Station vorbei am Holodomor-Denkmal und zur Lawra. Mit Mühe finden wir den richtigen Eingang, den richtigen Weg. Die Anlage ist groß und vielschichtig. In der Kiewer Theologischen Akademie erwartet mich deren Rektor, Erzbischof Sylvestr. Er gehört zur „Ukrainisch Orthodoxen Kirche“, die viele Ukrainer nur „die russische Kirche“ nennen, weil sie trotz deklarierter Autonomie (nicht Autokephalie!) mit dem Moskauer Patriarchat verbunden ist. Ich erwarte einen russophilen Hardliner, der darüber jammert, dass seine Kirche in der Ukraine brutal verfolgt werde.

Aber Erzbischof Sylvestr überrascht mich. Bevor ich die erste Frage stellen kann, distanziert er sich wortreich von Patriarch Kyrill. Der sei kein Vater, wie er und seine Kollegen bis vor einem Jahr meinten, sondern ein Stiefvater, stelle sich hinter die Invasionsarmee und an die Seite des Aggressors. Er habe nicht ein einziges Wort des Mitleids für die Opfer gefunden. Kyrill sei mehr Politiker denn Priester. Viele Bischöfe und Mönche seien gar nicht einverstanden mit Kyrills Kurs, antwortet er auf meine kritischen Rückfragen – aber niemand in Russland wage ein offenes Wort, um nicht in Sibirien zu landen.

Erzbischof Sylvestr (UOK-MP)
Foto: Stephan Baier | Mit scharfen Worten distanziert sich Erzbischof Sylvestr (UOK-MP), der Rektor der Kiewer Theologischen Akademie, von Patriarch Kyrill.

Putins Krieg sei „eine Katastrophe für unser Land – selbst wenn wir am Ende gewinnen“, sagt der Erzbischof, der selbst vier Jahre in Moskau studierte und nach eigener Aussage Ukrainisch erst mit 30 Jahren lernte. Kyrills Rede von der „russischen Welt“ bezeichnet er als eine „imperialistische Idee“. Klarer hat sich meines Wissens bisher noch kein Vertreter der „Ukrainisch-Orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats“ vom Moskauer Patriarchen und seiner Kriegspropaganda distanziert. Ich erinnere mich an meine früheren Begegnungen und Gespräche in der Kiewer Lawra (erstmals 1988, letztmals 2017), die von ganz anderer Tonalität waren. Erzbischof Sylvestr hat augenscheinlich auch kein Problem damit, dass zwei griechisch-katholische Priester zugegen sind. Vor wenigen Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.

Shalom in Kiew

Der Ton und die Atmosphäre haben sich radikal geändert, aber langatmig sind diese orthodoxen Erzbischöfe noch immer. Es ist fast dunkel, als wir die Akademie verlassen. Das letzte Licht nutze ich für ein paar Fotos. In der Dunkelheit holen wir das vergessene Mittagessen nach. Das Restaurant heißt „Shalom“ und serviert gute orientalische Küche. Wenn das nicht ein gutes Omen ist! Das Restaurant füllt sich. Offenbar wollen die Kiewer das Leben trotz Krieg und Belagerungszustand genießen. Draußen schneit es immer heftiger, drinnen fällt immer wieder kurz das Licht aus. Aber die Mezze sind ausgezeichnet!


Begleiten Sie unseren Korrespondenten Stephan Baier in den kommenden Tagen auf seiner Reise durch die Ukraine. Alle Folgen des Ukrainischen Tagebuchs finden Sie hier.

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