"Safe-Abortion-Day"

Wie die Stadt München ihre umstrittene Aktion verteidigt

Das Münchner Rathaus soll heute Abend anlässlich des "Safe Abortion Day" in Lila erstrahlen. Kirche und Lebensrechtler üben Kritik.
Abtreibungsbefürworterin mit Plakat "Safe Abortion Day" bei einer Demonstration in Berlin
Foto: Jörg Carstensen (dpa) | Eine Abtreibungsbefürworterin bei einer Demonstration in Berlin. Unterstützer des "Safe Abortion Day" fordern eine Streichung von Paragraph 218 StGB.

Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) hat die Illumination des Münchner Rathauses anlässlich des sogenannten „Safe-Abortion-Day“ verteidigt. Die Fassade des Gebäudes, das im Zentrum der Innenstadt auf dem Marienplatz steht, soll anlässlich des heutigen „Safe Abortion Day“ in den Abendstunden in der Farbe Lila erstrahlen.

„Die Stadt München positioniert sich damit für einen vorurteilsfreien Umgang mit dem Thema Schwangerschaftsabbruch, das in Deutschland nach wie vor sehr kontrovers und emotional diskutiert wird. Es berührt sowohl Fragen zu Frauenrechten, Selbstbestimmung, Zugang zu Information und medizinischer Versorgung als auch zu Kinderrechten und zum Schutz des ungeborenen Lebens. Der Aktionstag greift diese Themen auf und möchte zu einer fachlichen und sachlichen Diskussion beitragen“, heißt es in einer Mitteilung des Rathauses.

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Regierung von Oberbayern empfahl Verzicht auf die Illumination

Zuvor hatte die Regierung von Oberbayern – auf Antrag der CSU-Stadtratsfraktion auf rechtsaufsichtliche Prufung – der Stadt empfohlen, von einer Beleuchtung des Rathauses Abstand zu nehmen. Zur Begründung hieß es: Die Illumination ermögliche keine differenzierte Auseinandersetzung mit den Zielen des Aktionstages. Vielmehr werde Einfluss auf den Meinungsbildungsprozess der Bevölkerung genommen.

Dazu erklärte Reiter heute: „Die Bedenken der Regierung werden von der Stadt ernst genommen. Es ist auch keineswegs Ziel, eine bestimmte Meinung zum Thema Schwangerschaftsabbruch mit der Illumination zu vertreten. Mir ist jedoch wichtig, dass nicht nur an diesem Aktionstag, sondern auch künftig offen in der Stadtgesellschaft über die von Tabuisierung geprägte Thematik diskutiert wird. Es geht mir dabei darum, dass schwangere Frauen, diese für sie unglaublich schwierige Entscheidung mit fundierter fachlicher Beratung treffen können und wenn sie sich dafur entscheiden, auch medizinisch bestmöglich versorgt sind. Eine gute Versorgung ist jedoch nur möglich, wenn medizinische Angebote in ausreichender Zahl und Qualität zur Verfügung stehen und bekannt sind. Durch das Werbeverbot des § 219a ist es Frauen nur unter erschwerten Bedingungen möglich, an Gesundheitsinformation zum Schwangerschaftsabbruch und zu Leistungsanbieterinnen und -anbietern zu gelangen.“

Erzdiözese wandte sich bereits vor einer Woche schriftlich an Reiter

Lebensrechtler in Bayern und darüber hinaus haben gegen die Pläne der Stadt protestiert und wollen dagegen demonstrieren. Kritik kam auch von der Erzdiözese München und Freising. Wie die Pressestelle der Diözese heute mitteilte, hätten sich „Vertreter des Erzbistums“ bereits vergangene Woche in einem Brief an Oberbürgermeister Dieter Reiter gegen eine Beteiligung der Landeshauptstadt ausgesprochen und für eine differenziertere Auseinandersetzung mit dem Thema plädiert.

Wie die „Tagespost“ auf Anfrage erfuhr handelt es sich bei den Vertretern um den Dompfarrer des nahe gelegenen Liebfrauendoms, Monsignore Klaus Peter Fratzl, den Vorsitzenden Diözesanrates Professor Hanns Tremmel und den Vorsitzenden des Landeskomitees der Katholiken in Bayern, Joachim Unterländer. In ihrem Brief an den Oberbürgermeister hätten die Vertreter des Erzbistums klargestellt, dass eine Streichung von Paragraph 218 StGB, wie er anlässlich des „Safe Abortion Day“ von zahlreichen Akteuren gefordert wird, dem christlichen Menschenbild und der christlichen Ethik widerspreche. Die katholische Kirche setze sich für einen umfassenden Lebensschutz ein. Menschliches Leben stelle vom Augenblick der Zeugung bis zum Tod eine Einheit dar, die der Verfügungsgewalt anderer entzogen sei. Die Kirche stehe in der besonderen Verpflichtung, für die Schwächsten einzutreten, vor allem für das ungeborene Leben.

Wie es in der Mitteilung des Erzbistums weiter heißt, richteten sich die Bedenken gegen diese Aktion „natürlich nicht gegen Frauen in extremen Konfliktsituationen und auch nicht gegen ein Einstehen für Menschenwürde- und rechte, Gleichbehandlung und Frauenrechte“. Auch dies sei in dem Schreiben betont worden. Vielmehr engagiere sich die katholische Kirche im Erzbistum München gerade auch in diesem Bereich mit verschiedenen Verbänden und Aktionen wie der Caritas, dem Sozialdienst der katholischen Frauen oder der Aktion für das Leben.

Weitere Hintergründe erfahren Sie in der kommenden Ausgabe der Tagespost.

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