Münster/Fulda/Mannheim

Unsinniger Systembruch

Lebensrechtler werfen Bundesfamilienministerin Paus „ideologische Verblendung“ vor – Abtreibungen sollten „bagatellisiert und normalisiert“ werden.
Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen), Bundesfamilienministerin
Foto: Carsten Koall (dpa) | Bundesfamilienminister Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen) hatte Anfang der Woche dem Berliner „Tagesspiegel“ gesagt: „Die verschiedenen medizinischen Methoden von Schwangerschaftsabbrüchen sollten für Ärztinnen und ...

Lebensrechtler haben mit Befremden und harscher Kritik auf das Ansinnen der Ampelkoalition reagiert, die Methoden vorgeburtlicher Kindstötungen zum Bestandteil des Medizinstudiums zu machen. Der Vorsitzende der „Ärzte für das Leben“, Paul Cullen, sagte der „Tagespost“: „Dass ein chirurgische Eingriff Teil der ärztlichen Ausbildung werden soll, ist ein absolutes Novum, der einem Systembruch gleichkommt.“

Bislang seien „Abtreibungen Teil der Weiterbildung für Frauenärzte“. Auch Frauenärzte, die selbst keine Abtreibungen vornähmen, müssten wissen, wie diese durchgeführt würden und zu welchen Komplikationen es dabei kommen könne. Dies von der allgemeinen chirurgischen Ausbildung abzukoppeln, die Bestandteil der ärztlichen Weiterbildung sei, mache jedoch „medizinisch keinen Sinn“ und sei auch „nicht im Interesse von Patientinnen“. „Die Forderung der Bundesfamilienministerin, Abtreibungen zum Bestandteil des Medizinstudiums zu machen, zeugt von ideologischer Verblendung und zeigt, dass es in Wahrheit darum geht, Abtreibungen zu bagatellisieren und zu normalisieren“, so Cullen.

Auf dem Rücken der Bevölkerung

Bundesfamilienminister Lisa Paus (Bündnis 90/Die Grünen) hatte Anfang der Woche dem Berliner „Tagesspiegel“ gesagt: „Die verschiedenen medizinischen Methoden von Schwangerschaftsabbrüchen sollten für Ärztinnen und Ärzte zur Ausbildung gehören.“ Darüber sei sie bereits im Gespräch mit Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD).

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Auch die Bundesvorsitzende der „Aktion Lebensrecht für Alle“ (ALfA), Cornelia Kaminski, wies Paus Ansinnen zurück: „Eine solche Forderung ließe sich nur umsetzen, wenn gleichzeitig für alle Medizinstudenten die Gewissens- und Religionsfreiheit nicht mehr gelten würde.“ „Auf dem Rücken der Bevölkerung“ betreibe Paus eine Ideologie, „die mit Familienpolitik gar nichts mehr zu tun hat.“

Laut Kaminski gibt es in Deutschland „noch knapp 650 Geburtshilfen, in denen jedes Jahr rund 750.000 Kinder geboren werden“. Zugleich gebe „fast doppelt so viele Abtreibungseinrichtungen, in denen jedes Jahr rund 100.000 Abtreibungen durchgeführt werden.“ Wer „Familienpolitik betreiben und sich für Frauengesundheit stark machen“ wolle, müsse die „Geburtshilfe stärken“, zumal sich Geburten, anders als Abtreibungen „nicht terminieren“ ließen.

Vorhaben würde den Ärztemangel weiter verschärfen

Wer stattdessen meine, Medizinstudenten „zum Erlernen einer Tötungshandlung“ verpflichten zu müssen, verschärfe den „eklatanten Ärztemangel in Deutschland“ weiter. Kaminski: „Junge Menschen in Deutschland arbeiten schon als Teenager hart, um mit einer Abiturbestnote einen Medizinstudienplatz ergattern zu können. Sie bringen Höchstleistungen im Studium, um die anspruchsvollen Prüfungen zu bestehen. Sie tun dies alles, weil sie lernen möchten, wie man Menschen heilt und Leben rettet.“ Werde das „Töten ungeborener Menschen verpflichtender Teil ihrer Ausbildung“, würden nur noch diejenigen Medizin studieren, „für die das Töten ungeborener Menschen“ kein Problem darstelle.

„Fachliche Inkompetenz“ und „reiner Populismus“

Für den Mannheimer Gynäkologen Michael Kiworr zeugt der Vorstoß von Paus von „fachlicher Inkompetenz“. „Jeder Gynäkologe, der eine Fehlgeburt versorgen kann, kann auch eine Abtreibung durchführen. Zusätzliches Wissen ist dafür gar nicht erforderlich“, sagte Kiworr der „Tagespost“. Die Forderung, Abtreibung zum Bestandteil des Medizinstudiums zu machen, sei „reiner Populismus“. „Beim Wählerklientel von Frau Paus kommt das vielleicht gut an, aufs Ganze gesehen verschärft es aber den Mangel an Ärzten weiter.“ Der sei inzwischen überall immens, in der Frauenheilkunde jedoch besonders eklatant. Die Bundesregierung müsse sich fragen lassen, welche Prioritäten sie habe. Kiworr: „Das Gesundheitssystem pfeift aus dem letzten Loch. In einigen Teilen Deutschlands ist bereits die Basis-Grund-Versorgung nicht mehr gesichert. Gynäkologen können sich heute ihre Stelle praktisch aussuchen, so groß ist der Mangel hier. Und da sollen Abtreibungen Bestandteil des Studiums werden? Das hat doch mit Politik nichts mehr zu tun. Das ist reine Ideologie.“  DT/reh

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