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Susanne Schröter: „Verbrüderte revolutionäre Kraft gegen den Westen“

Warum Linke sich mit Palästina solidarisieren statt mit dem von Hamas-Terroristen attackierten Israel, erklärt Susanne Schröter im Interview.
Islamwissenschaftlerin Susanne Schröter
Foto: Boris Roessler (dpa) | Susanne Schröter ist Leiterin des Frankfurter Forschungszentrums Globaler Islam. Zuletzt erschien von ihr „Global gescheitert? Der Westen zwischen Anmaßung und Selbsthass“ (Herder).

Frau Professor Schröter, das linke Milieu solidarisiert sich mit pro-palästinensischen Demonstranten statt mit Israel. Wie erklären Sie sich diese Schirmherrschaft?

Es gibt eine lange Tradition der Unterstützung der Palästinenser durch Linke. Denken Sie an die terroristische Linke der 1970er Jahre, die sich bei palästinensischen Terroristen militärisch ausbilden ließ und gemeinsame Aktionen wie die Entführung der Air-France-Maschine im Jahr 1976 durchführte. Man verstand sich als verbrüderte revolutionäre Kraft gegen den Westen. Israel wird dabei als westliches Land in der arabischen Welt wahrgenommen, dem man außerdem seinen wirtschaftlichen Erfolg neidet. Es wird daher auch noch als Teil der kapitalistischen Welt abgelehnt.

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Das islamistische und das links-politische Gedankengut stehen sich in großen Teilen diametral entgegen. Warum ergreifen Linke Partei für Personen, die ganz andere Werte als sie selbst teilen?

Das liegt an der postkolonialen Theorie, die an den Universitäten gelehrt wird. Dabei geht man - übrigens vollkommen faktenfrei - davon aus, dass sich seit der Unabhängigkeit der ehemaligen Kolonien nichts Wesentliches geändert habe. Der Westen beute den globalen Süden aus und sei nach wie vor von kolonialem Denken beherrscht, das immer ein abgewertetes Anderes benötige, um seine Dominanz zu rechtfertigen. Neue „Theorien“ gehen sogar so weit, dass sie Menschen mit heller Hautfarbe einen genuinen Rassismus zuschreiben und unsere westlichen Gesellschaften als „strukturell rassistisch“ bezeichnen. Die Welt besteht in dieser Ideologie aus weißen westlichen Tätern und nichtweißen nichtwestlichen Opfern. Muslime und Migranten zählen dabei immer zu den Opfern, Israel dagegen wird als „weiße“ Täternation gesehen. Daher kommen die Begriffe „Siedlerkolonialismus“ und „Apartheidregime“.

„Die Verfolgung und Vertreibung von Christen
in der muslimisch geprägten Welt wird von
Linken bewusst ausgeblendet,
weil sie nicht in ihr schlichtes Täter-Opfer-Schema passt“

Noch zu Beginn des Sechs-Tage-Krieges Anfang Juni 1967 kam es zu zahlreichen pro-israelischen Solidaritätsbekundungen von Seiten linker Gruppierungen. Warum ist Israelfeindlichkeit in linken Milieus heute en vogue?

Postkolonial indoktrinierte Akademiker haben sich schon immer für Islamisten stark gemacht. Sie haben die Gründung der Islamischen Republik Iran gefeiert, weil sie sie unter der Rubrik eines erfolgreichen Antiimperialismus verbuchten, und sie verhindern in westlichen Ländern, dass muslimische Parallelgesellschaften, Clankriminalität und islamistische Gewalt thematisiert werden. Wer solche Probleme anspricht, erhält postwendend den Stempel des „antimuslimischen Rassismus“. Muslime gelten als besonders diskriminierte Gruppe, die international unter westlicher Vorherrschaft und als Einwanderer in westlichen Staaten unter dem erwähnten „strukturellen Rassismus“ leiden. Die Verfolgung und Vertreibung von Christen in der muslimisch geprägten Welt, die dazu geführt hat, dass Christen die am stärksten verfolgte religiöse Gruppe sind, wird von diesen Linken übrigens bewusst ausgeblendet, weil sie nicht in ihr schlichtes Täter-Opfer-Schema passt.

Die US-amerikanische Philosophin und BDS-Unterstützerin Judith Butler, verkündete, es sei „extrem wichtig“, die Terrorgruppen Hamas und Hisbollah als „Teil der globalen Linken“ anzuerkennen. Wie sehen die Islamisten das selbst? Begrüßen sie eine Kooperation mit der politischen Linken?

Sie begrüßen jede Unterstützung, weil sie sich dadurch legitimiert fühlen. In der Tat ist es für den Propagandakrieg, in dem wir uns gegenwärtig befinden, nicht zu unterschätzen, wenn Hamas und Hisbollah auf antiisraelische Demonstrationen hinweisen können, die sie als Zustimmung für ihre Politik und Aggressionen, ja sogar als Rechtfertigung für Massaker und terroristische Anschläge verbuchen können. In New York legten Gruppen wie „Jewish Voice for Peace“ am Freitag einen der größten Verkehrsknotenpunkte der Stadt lahm, und Judith Butler spricht in Interviews von einem Genozid an der palästinensischen Bevölkerung. Sie macht sich für eine Rückkehr aller Palästinenser stark, die im ersten israelisch-arabischen Krieg das Land verließen. Damals waren es 700.000 Personen. Nach palästinensischer Statistik wären es aber mittlerweile mehr als neun Millionen Menschen. Eine Rückkehr wäre die sofortige Auslöschung Israels. Ein Rückkehrrecht für die im gleichen Zeitraum aus arabischen Ländern vertriebenen 800.000 Juden fordert Butler übrigens nicht.

„Die Sicherheitslage bei uns
wird sich verschlechtern“ 

Bisher beschränkt sich die Koalition von linken und islamistischen Israel-Gegnern auf Demonstrationen. Hat dieser Zusammenschluss auch Gewaltpotenzial? 

Es besteht eine Gefahr gewaltsamer Auseinandersetzungen während der Demonstrationen. Allein am 18. Oktober wurden in Neukölln 65 Polizeibeamte verletzt. Das könnte auch in Zukunft wieder passieren. Doch ich sehe die größere Gefahr in terroristischen Aktivitäten. Dafür besteht anti-israelischen und antisemitischen Milieus ein Resonanzraum, dort gibt es bereits radikale und gewaltbereite Islamisten, die sich jetzt ermutigt sehen könnten wieder zuzuschlagen. In Frankreich wurde ein Lehrer ermordet, in Brüssel zwei Fußballfans erschossen und in den Morgenstunden des 1. November wurde eine Handgranate in einem stark frequentierten Frankfurter S-Bahnhof gefunden. Radikale Islamisten halten es übrigens nicht nur für legitim, Juden zu ermorden, sie sehen auch Christen und liberale Muslime sowie den Westen insgesamt als ihre Feinde an. Daher wird sich die Sicherheitslage bei uns verschlechtern.

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