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Strategie der Nadelstiche in Nahost

Weder Israel noch der Iran können daran interessiert sein, aus ihrem Schattenkrieg eine offene und direkte Konfrontation werden zu lassen.
Damaskus
Foto: IMAGO/Ammar Safarjalani (www.imago-images.de) | Israel hat das iranische Konsulat in Damaskus angegriffen .

Der israelische Luftangriff auf die iranische Botschaft in Syrien wirft mehr als eine Frage auf. Klar ist nur, dass Israel etliche Gründe hatte, das Konsulatsgebäude an der iranischen Botschaft in der syrischen Hauptstadt Damaskus anzugreifen. Seit Jahren läuft ein Schattenkrieg zwischen Israel und dem Iran; mit dem 7. Oktober ist er in eine Eskalationsspirale geraten, die von beiden Seiten bedient wird. Teheran attackiert Israel über seine Satelliten (Hamas, Hisbollah, Houthi) und eben auch von Syrien aus; Israel schlägt immer wieder im Libanon, in Syrien und sogar im Iran zurück.

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Auf den ersten Blick gehört der Angriff israelischer F-35-Kampfjets auf Damaskus, bei dem mindestens zwei Brigadegeneräle und etliche weitere Kommandanten der iranischen Revolutionsgarden getötet wurden, in dieses Bild. So wie der israelische Anschlag auf den iranischen General Seyed-Rasi Moussawi im Dezember in Syrien, wie der gezielte Anschlag auf den Hamas-Verbindungsmann zur Hisbollah, Saleh al-Arouri, im Januar in Beirut, wie der Angriff auf Munitionslager der Hisbollah in Aleppo vor wenigen Tagen.

Mit dem Rücken zur Wand

Israel weiß sich nicht bloß in einem Krieg mit der Hamas, sondern auch mit deren Hintermännern und Verbündeten. Doch auch wenn Israel Gründe und Anlässe hatte, bleibt doch die Frage, ob es in Israels Interesse war, gerade jetzt an der Eskalationsschraube zu drehen und ausgerechnet eine diplomatische Einrichtung zu attackieren. Angesichts der humanitären Katastrophe im Gazastreifen sind die engsten Verbündeten Israels in Amerika und Europa maximal verärgert, der UN-Sicherheitsrat und der jüngste EU-Gipfel haben die Regierung Netanjahu scharf, aber erfolglos gemahnt. Der von Israel reumütig eingestandene Luftschlag, der internationalen Mitarbeitern des Hilfswerks „World Central Kitchen“ das Leben kostete, führt zu weltweitem Entsetzen.

Dazu kommt die angespannte innenpolitische Lage in Israel, die wachsenden Zweifel daran, dass Netanjahu das Interesse der Geiseln und seines Landes über sein Interesse am eigenen politischen Überleben stellt. Wenn man mit dem Rücken zur Wand steht, gibt es nur eine Richtung, mag sich der politische Überlebenskünstler Bibi Netanjahu vielleicht gedacht haben. Dennoch ist der Zeitpunkt für eine direkte Konfrontation mit dem Iran so ungünstig wie nur denkbar.

Auch die Mullahs kalkulieren

Klar ist, dass der Iran auf irgendeine Weise zurückschlagen wird, um sein Gesicht zu wahren. Offen ist zunächst aber, wie er das tut, denn auch die Mullahs in Teheran können die Risiken und Nebenwirkungen eines direkten Kriegs mit Israel kalkulieren. Auch ihre innenpolitische Lage ist alles andere als ruhig. Um die Kontrolle über die Eskalation nicht zu verlieren, könnten sie darum die Strategie der gezielten Nadelstiche fortsetzen, oder auch intensiveren: mit Angriffen von Syrien, Libanon und Jemen aus, vielleicht auch mit Cyberattacken und Anschlägen auf israelische Auslandsvertretungen. Teheran hat viele Optionen, aber keine führt zu einer Befriedung der Region.

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Stephan Baier Benjamin Netanjahu Hamas Hisbollah

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