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Ekrem İmamoğlu: Der Herausforderer

Er bringt Erdoğans Machtarchitektur ins Wanken: der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu. Die Niederlage bei den Kommunalwahlen schmerzt den Präsidenten, doch geschlagen ist er noch nicht.
Ekrem İmamoğlu
Foto: IMAGO/Yagiz Gurtug (www.imago-images.de) | Hat gut Lachen: der CHP-Politiker Ekrem İmamoğlu gewinnt gegen den AKP-Kandidaten und bleibt Istanbuler Bürgermeister.

Vielleicht wäre er heute Präsident der Türkei, wenn der farblose damalige CHP-Parteichef Kemal Kiliçdaroğlo im Vorjahr nicht darauf bestanden hätte, selbst ins Rennen gegen Recep Tayyip Erdoğan zu gehen. Ekrem İmamoğlu, seit 2019 Oberbürgermeister von Istanbul, der größten und wichtigsten Stadt des Landes, trat in die zweite Reihe – und Erdoğan verteidigte sein Präsidentenamt. Am vergangenen Sonntag jedoch verteidigte İmamoğlu sein Bürgermeisteramt mit 51 Prozent gegen Erdoğans Versuche, den charismatischen CHP-Politiker durch einen AKP-Vasall zu ersetzen. Die zehn größten Städte der Türkei sind jetzt in der Hand von CHP-Bürgermeistern, aber dass er Istanbul nicht zurückholen konnte, ist für Erdoğan besonders ärgerlich: Hier begann sein eigener politischer Aufstieg; hier fühlte er sich unbesiegbar. Kein Wunder, dass der Präsident selbst massiv im Wahlkampf mitmischte – und nun auch selbst die Verantwortung für die AKP-Niederlage trägt.

Erdoğans Herausforderer

Der 1970 in Trabzon an der türkischen Schwarzmeerküste geborene İmamoğlu brachte 2019 Erdoğans Architektur der Macht ins Wanken, als er der AKP nach 25 Jahren das Amt des Oberbürgermeisters von Istanbul abjagte. Seit Sonntag weiß Erdoğan nun, dass der Konkurrent vom Bosporus keine Eintagsfliege ist, sondern sein gefährlichster Herausforderer. Zwar könnte auch der CHP-Oberbürgermeister der Hauptstadt Ankara, Mansur Yavaş, die Führung der Opposition beanspruchen, immerhin gewann er mit 60 Prozent, İmamoğlu nur mit 51 Prozent. Die größeren Chancen werden jedoch İmamoğlu eingeräumt, der ein glänzender Redner und erfahrener Wahlkämpfer ist. Als Ökonom könnte er zum Hoffnungsträger in der Wirtschaftskrise werden, als gläubiger und praktizierender Muslim wäre er auch für die Religiösen wählbar, die der CHP ob ihrer laizistischen Tradition skeptisch gegenüberstehen.

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Abschreiben sollte man Erdoğan trotz der schmerzlichen Niederlage bei den Kommunalwahlen allerdings nicht. Erdoğan ist ein hartnäckiger Volkstribun, der sich permanent im Wahlkampf wähnt. Dass er sich in der Wahlnacht zerknirscht zeigte und Kurskorrekturen andeutete, zeigt, dass er auch im 22. Jahr seiner Macht noch taktisch flexibel ist. Der landesweite Triumph der CHP und vor allem ihr Sieg in Istanbul beweisen aber doch, dass Erdoğan in Wahlen besiegt werden kann. Zumal seiner AKP jetzt aus dem eigenen Milieu eine gefährliche Konkurrenz erwachsen ist: Der Sohn von Erdoğans politischem Ziehvater Erbakan reüssierte erstmals mit einer eigenen islamistischen Partei. Es wird jedenfalls enger für die AKP.

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Stephan Baier Recep Tayyip Erdoğan

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