Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Interview zu Transideologie

Psychotherapeutin Ingeborg Kraus: „Unser Beruf wird missbraucht“

Für die Psychotherapeutin und linke Feministin ist die Transideologie eine Spielart toxischer Männlichkeit. Im Interview erklärt sie, warum.
Die Psychotherapeutin und linke Feministin Ingeborg Kraus
Foto: Matej Grgic | "Wir haben es als Gesellschaft nicht geschafft, die starre Rollenverteilung zwischen Mann und Frau vollständig aufzulösen", meint die Psychotherapeutin und linke Feministin Ingeborg Kraus im Gespräch.

Ingeborg Kraus ist Mitglied bei den Grünen und bezeichnet sich als linke Feministin. Kurz nach Verabschiedung des Selbstbestimmungsgesetzes am 12. April veröffentlichte die promovierte psychologische Psychotherapeutin einen Text mit dem Titel „Warum ich das Selbstbestimmungsgesetz als Psychotherapeutin gänzlich ablehne!“ Der Artikel erhielt auf der Plattform X (ehemals Twitter) über 500.000 Aufrufe und wurde hunderte Male geteilt. 

Frau Kraus, Sie sind Psychotherapeutin und haben sich in einem ausführlichen Artikel öffentlich gegen das Selbstbestimmungsgesetz positioniert. Haben Sie keine Angst um Ihre Karriere?

Meine Sorge ist natürlich, dass man mich aufgrund meiner Positionierung bei meiner Berufskammer anzeigt und ein Berufsverbot verlangt. Gegen eine meiner Kolleginnen, die ähnliche Positionen in der Trans-Debatte vertritt, wie ich, läuft so ein Verfahren. Insoweit braucht es schon Mut, damit an die Öffentlichkeit zu gehen. Genau um diese Einschüchterung geht es den Transideologen: Sie wollen nicht in die Diskussion, sondern zielen gleich aufs Existenzielle. Ich habe mich auch gefragt, warum mein Artikel, den ich an einem halben Tag geschrieben habe, so breit rezipiert wurde. Meine Antwort: Ich muss eine der ersten Therapeutinnen gewesen sein, die sich dazu geäußert hat. Anscheinend haben viele Angst, sich so zu äußern wie ich es getan habe. Und ihre Ängste sind real. 

"Genau um diese Einschüchterung
geht es den Transideologen:
Sie wollen nicht in die Diskussion,
sondern zielen gleich aufs Existenzielle"

Das heißt, sie fürchten konkret, unter das Gesetz zum Verbot von Konversionstherapien zu fallen?

Genau. Der ursprüngliche Gesetzentwurf bezog sich auf Versuche, Homosexualität wegzutherapieren. Ein richtiges Anliegen. In der letzten Sekunde haben sich die Transaktivisten in den Entwurf gemogelt, sodass keine gesellschaftliche Debatte mehr möglich war. Nun ist es also so, dass man als Therapeut eine selbstempfundene Transidentität nicht hinterfragen darf und das ist einfach falsch. Homosexualität und die Empfindung, trans zu sein, sind einfach nicht das Gleiche. 

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Welche Rückmeldungen erhielten Sie auf Ihren Artikel?

Ich erhielt unglaublich viele positive Rückmeldungen, sehr viele Menschen aus meiner Berufsgruppe dankten mir und auch Eltern, die sich um ihre Kinder Sorgen machen, die sich als Trans empfinden. Viele waren froh, dass die psychotherapeutische Expertise auch mal zu Wort kommt. Viele Menschen waren dankbar, aus der Praxis zu hören, dass das Bild, das die Transideologie von Geschlechtswechsel verbreiten möchte, viel zu einfach ist. Dass man sich dem anderen Geschlecht zugehörig fühlt, dann einfach wechselt und dann glücklich wird. In der Praxis läuft das nicht so ab. 

"Dass man sich dem anderen Geschlecht
zugehörig fühlt, dann einfach wechselt
und dann glücklich wird.
In der Praxis läuft das nicht so ab"

Wie sieht denn Ihre Erfahrung im Bereich der Behandlung von Transpersonen aus? 

Vor Jahren habe ich eine Fortbildung zur psychotherapeutischen Begleitung und Behandlung von Transmenschen gemacht. Insgesamt hatte ich seitdem vier Fälle, die ich auch in meinem Artikel vorgestellt habe. Ich hatte anfangs gehofft, dass mehr kommen, da ich als queerfreundliche Therapeutin für Patienten gelistet bin. Trotzdem waren es nicht mehr als vier. Aber wie ich auch im Artikel schreibe: In meiner Laufbahn habe ich insgesamt etwa 900 Patientinnen und Patienten begleitet. Vier von 900 entspricht ungefähr dem Anteil der Transsexuellen in der Bevölkerung.

Und wie läuft es nun in der Praxis tatsächlich ab?

Bei den vieren, die ich behandelt habe, lief es eben nicht nach dem Schema der Transideologen ab. Jeder Fall war anders und jeder war sehr komplex. Die erste Frau hatte eine female-to-male-Transition hinter sich und einige Zeit als Transmann gelebt. Als sie zu mir kam, verstand sie sich nicht mehr als Mann. Aber die Brüste waren eben ab und die Stimme, die sich durch das Testosteron verändert hat, bekommt man auch nicht wieder zurück, wenn man die Hormone absetzt. In unseren Gesprächen erfuhr ich dann, dass der eigentliche Grund für die Transition das Bedürfnis war, sich aus einer zu engen Bindung an die Mutter zu lösen.

Das Ganze ist eben kein Spiel, Brüste wachsen nicht nach wie Haare. Die schwerwiegenden Eingriffe sind nicht wieder rückgängig zu machen und daher muss man genauer hinschauen, bevor man einem Menschen so etwas zumutet.

Was bedeutet nun das Selbstbestimmungsgesetz für die Ausübung Ihres Berufs?

Das Selbstbestimmungsgesetz verstärkt das Verbot von Konversionstherapien, in dem sich die „Transsexuellen“ reingemogelt hatten: Es sagt uns Therapeuten, dass wir nicht mehr genau hinschauen dürfen, wenn jemand kommt und sagt: Ich fühl mich im falschen Geschlecht. Ich darf noch nicht einmal mehr die Frage stellen, warum das so ist oder woher das kommt, denn das könnte als Konversionstherapie gedeutet werden. Aber wir Psychotherapeuten interessieren uns nun einmal für den Menschen und dafür, wie er so geworden ist, wie er ist. Das Gesetz ist damit auch ein Angriff auf unser psychotherapeutisches Handwerk. Es wird von uns erwartet, dass wir dem Gefühl unserer Klienten, im falschen Körper zu sein und ihrem Wunsch, das Geschlecht zu wechseln, fraglos zustimmen. Damit nimmt man uns unser therapeutisches Handwerk weg, denn Therapie kann so nicht mehr stattfinden. Ich kann es aber nicht zulassen, dass unser Beruf so missbraucht wird und man uns zwingt, zu Co-Abhängigen einer gefährlichen und wirren Transideologie zu werden.

"Ich kann es nicht zulassen, dass unser Beruf
missbraucht wird und man uns zwingt,
zu Co-Abhängigen einer gefährlichen
und wirren Transideologie zu werden"

Da die Begutachtungspflicht vor einem Geschlechtswechsel vor dem Standesamt jetzt sowieso weggefallen ist, wird Transpersonen damit nicht sowieso vermittelt, dass Psychotherapie überflüssig ist?

Es kann schon sein, dass nun weniger Transpersonen zur Psychotherapie kommen. Aber Transmenschen haben ja auch andere Probleme, bei denen Psychotherapeuten unterstützen könnten. Eine Transfrau kam zu mir, weil sie eine Bescheinigung brauchte, um ihren Penis in eine Neovagina umoperieren zu lassen. Ich habe ihr signalisiert, dass ich eine solche Bescheinigung nicht einfach so ausstellen könne, da es sich um eine schwerwiegende Operation mit zahlreichen möglichen unerwünschten Nebeneffekten handle. Ich habe ihr dann gesagt, dass ich sie gerne begleiten würde, weil doch sicher im Alltag auch Schwierigkeiten zum Beispiel mit Diskriminierung habe. Letzteres bejahte sie zwar, hatte aber an einer Begleitung kein Interesse. Die ganze Trans-Frage wird nur noch auf die Geschlechtsumwandlung reduziert. Damit wird uns als Psychotherapeuten das weggenommen, was eigentlich unsere Stärke ist, nämlich Menschen stark zu machen. Somit wird auch diesen Menschen eine wichtige Ressource entnommen. Viele Detransitionierer sagen selbst, dass eine gute Therapie für sie die Lösung gewesen wäre. 

Studien zeigen, dass auf die soziale Transition in den meisten Fällen auch die medizinische folgt. Wie sähe für sie ein verantwortungsvoller Umgang mit einem jungen Menschen mit Transitionswunsch aus?

Mittlerweile ist klar, dass Pubertätsblocker die gesunde Entwicklung junger Menschen behindert. In England hat zuletzt die Tavistock-Klinik schließen müssen, weil sie zu sorglos mit der Vergabe von Pubertätsblockern umgegangen ist. Übrigens hat mir meine Tierärztin gesagt, dass ich meine Hündin erst dann sterilisieren lassen darf, wenn sie die volle Entwicklung hin zum erwachsenen Tier durchgemacht hat. Vorher darf man bei Hunden keine Eingriffe unternehmen – aber bei Menschen schon? Das ist doch verrückt. 

Also lautet die Antwort für mich nein: Keine körperlichen Interventionen, weder in der Kindheit noch in der Jugend. Erst einmal, weil es schädigend für die körperliche und geistige Entwicklung ist, aber auch, weil gerade in der Pubertät so viele Faktoren eine Rolle spielen. In dieser Zeit, wo sich die geschlechtliche Reife erst entwickelt, können junge Menschen noch gar nicht ermessen, was eine solch schwerwiegende Entscheidung für Konsequenzen nach sich ziehen wird. 

"Die Antwort lautet für mich nein:
Keine körperlichen Interventionen,
weder in der Kindheit noch in der Jugend"

Sie schreiben, das Selbstbestimmungsgesetz sei ein Hindernis für die männliche Emanzipation. Können Sie genauer erklären, was Sie damit meinen?

Das Phänomen „trans“ ist einfach sehr vielschichtig und kann ganz unterschiedliche Dinge verbergen. Ich habe den Fall eines Mannes geschildert, der in meine Praxis kam. Eine ganz normale Familie mit Kindern, ein Job als Abteilungsleiter. Irgendwann eröffnete er mir, dass er am Wochenende Sissi sei. Ich habe dann gefragt, warum er das mache. Mit glitzernden Augen sagte er mir, das sei wie Urlaub für ihn, wie echte Entspannung. Denn als Frau könne er eine ganze Bandbreite an Gefühlen zeigen und ausleben, die er sich als Mann nicht erlauben könne, ohne dabei als Loser zu gelten. Aber irgendwann, wenn er nicht mehr der harte Manager sein müsse, wolle er ganz als Frau leben. Derselbe Mann, der viel in der Szene unterwegs war, erzählte mir auch, dass viele Männer in Führungspositionen am Wochenende trans sind. 

Also wäre die Lösung die Auflösung gesellschaftlicher Stereotype?

Ja. Wir haben es als Gesellschaft nicht geschafft, die starre Rollenverteilung zwischen Mann und Frau vollständig aufzulösen. Im Gegenteil, es nimmt neue Formen an und setzt sich durch Pornografie und Prostitution fort, wo die Frau objektifiziert wird und Opfer männlicher sexueller Gewalt ist. Welche Frau will das schon? Und umgekehrt werden junge Männer schon früh durch Pornografie geprägt. Ein Sozialarbeiter in meiner Bekanntschaft arbeitet mit Jugendlichen. Diese 14-, 15-jährigen Jungen schicken sich untereinander Pornobilder, reden abfällig über Frauen und versuchen sich gegenseitig damit zu übertrumpfen, welche Frauen sie schon rumbekommen haben und welche sexuellen Praktiken sie dabei angewandt haben. Es ist schwer zu ertragen. Und unter erwachsenen Männern ist es oft nicht besser. Männer stehen unter dem Druck, sich nach solcher toxischen Männlichkeit verhalten zu sollen. Diejenigen, die das ablehnen, werden schnell als schwach und unmännlich abgewertet. Eine Distanzierung davon ist manchen Männern anscheinend nur möglich, indem sie das Geschlecht wechseln. Transsexualität kann insofern als Hindernis für die männliche Emanzipation gedeutet werden.

Und diese toxische Männlichkeit setzen Sie auch mit dem Transaktivismus in Beziehung?

Ja. Wie Transaktivisten über Frauen herfallen, die gegen das Selbstbestimmungsgesetz sind. Für die sind wir „scheiß TERFs“. Man liest „Kill the TERFs“ und Schlimmeres. Es ist typisch männlich, Frauen mit körperlicher und sexueller Gewalt zu drohen. Das machen Frauen untereinander nicht. Es geht also wieder einmal um männliche Machtausübung über weibliche Körper. Es gibt also viel zu tun und deshalb brauchen wir mehr denn je Psychotherapeuten, die ihren Job vernünftig ausüben können und nicht von Angst gebremst werden.

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Themen & Autoren
Franziska Harter Transsexuelle

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