Leihmutterschaft

Eva Maria Bachinger: "Nationale Verbote reichen nicht"

Leihmutterschaft-Arrangements erfüllen die Definition des Kinderhandels. Der ist eigentlich verboten. Denn: Jedes Kind hat das Recht, nicht gegen Geld gehandelt zu werden, meint die Journalistin und Bestsellerautorin.
Leihmutterschaft-Arrangements erfüllen die Definition des Kinderhandels.
Foto: Adobe Stock | "Bei der Leihmutterschaft reichen nationale Verbote nicht, da Paare ins Ausland gehen und dort eine Leihmutter engagieren", meint Eva Maria Bachinger.

Frau Bachinger, Sie sind Mitbegründerin der Aktion "stoppt-leihmutterschaft.at" und fordern ein weltweites Verbot von Leihmutterschaft. Warum?

Weil es durch die ausgeweiteten Methoden im Bereich der Reproduktionsmedizin, zu denen auch die Arrangements von Eizellspende und Leihmutterschaft zählen, zu Auswüchsen kommt. Und bei der Leihmutterschaft reichen nationale Verbote nicht, da Paare ins Ausland gehen und dort eine Leihmutter engagieren. Das hat auch mit dem Macht- und Geldgefälle zu tun, das es in unserer Welt gibt. Die Paare gehen dorthin, wo es besonders einfach ist, Frauen zu finden, die sich als Leihmutter engagieren lassen.

Und das ist wo?

Sehr bekannt ist Indien, wo es jedoch mittlerweile von der Regierung erlassene Auflagen gibt. Wunscheltern müssen dort jetzt indische Staatsbürger sein. Ausländer können also in Indien inzwischen keine Leihmutter mehr engagieren. Das hat dazu geführt, dass der Markt wandert. So gibt es inzwischen mehr Leihmutterschaftsagenturen in Südamerika, vor allem in Mexiko. Europäer wenden sich eher nach Russland und in die Ukraine. Aber auch in Griechenland ist ein neuer Markt entstanden.

Die Haager Konferenz (HCCH), die sich um die internationale Vereinheitlichung des Privatrechts kümmert, arbeitet seit etwa einem Jahrzehnt an einem globalen Rechtsrahmen für Leihmutterschaft. Ein Verbot kommt für die HCCH aber offenbar nicht in Frage, obwohl die UN-Kinderrechtskonvention den Kinderhandel verbietet. Sie sagen, das ist ein Widerspruch.

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Natürlich ließe sich die Leihmutterschaft mit einem Verbot regulieren und so zumindest eindämmen. Dagegen spricht grundsätzlich nichts. Wir regulieren auch andere nicht wünschenswerte Phänomene per Verbot. Die UN-Kinderrechtskonvention hält zudem in Artikel 37 fest, dass jedes Kind das Recht hat, nicht gegen Geld gehandelt zu werden, egal zu welchem Zweck. Hier existiert also tatsächlich ein Widerspruch. Zumal meine Recherchen und die vielen Gespräche, die ich geführt habe, zeigen, dass die Leihmütter nicht nur für die "Dienstleistung" Schwangerschaft bezahlt werden, sondern in erster Linie für ein Kind, das am Ende übergeben werden soll. Dieses Kind muss bestimmte "Qualitätskriterien" erfüllen, es muss zum Beispiel gesund und darf nicht behindert sein, sonst wird es meist zurückgelassen. Was hier passiert, ist also ein "sale of children", bei dem die "Ware Kind" gegen Geld getauscht wird. Aus meiner Sicht entspricht dies der Definition von Kinderhandel. Insofern verstehe ich nicht, dass die HCCH Leihmutterschaft nicht so definiert. Manche halten auch die sogenannte altruistische Leihmutterschaft für einen gangbaren Weg, wo dann aber doch "Aufwandsentschädigungen" bezahlt werden sollen. Auch bei diesen Arrangements werden Kinder zu Objekten degradiert. Und da mit Ausnahme der USA alle Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen die Kinderrechtskonvention anerkannt haben, wäre die eigentlich auch einzuhalten. Dass dies nach wie vor nicht passiert, finde ich sehr befremdlich.

In ihrem Bestseller "Kind auf Bestellung" schildern sie auch eine Begegnung mit einer Leihmutter. Wie wird man eigentlich Leihmutter oder, anders gefragt, aus welchen Gründen kommen Frauen auf die Idee, ihre Gebärmutter zu vermieten?

Ich habe viele Leihmütter getroffen. Meiner Erfahrung nach entscheiden sich Frauen aus sozialer Not zu diesem Schritt. Oft wird das zusätzlich von dem Anliegen begleitet, einem kinderlosen Paar zu helfen. Aber das entscheidende Motiv ist, dass die Frauen das Geld benötigen. Auch wenn es da natürlich auch Unterschiede gibt.

Als da wären?

In Russland sind die Frauen nicht so arm wie etwa in Indien. Dort, aber auch in Mexiko sowie Ostafrika, einem weiteren aufstrebenden Markt, sind die Frauen oft Analphabeten und können nicht einmal die Verträge lesen, die sie unterschreiben. Also, da wird ganz klar eine soziale Notsituation ausgenutzt. Überhaupt ist mir in all den Jahren keine wohlhabende Leihmutter begegnet, die aus freien Stücken ein Kind für ein anderes Paar ausgetragen hätte. Mag sein, dass es private Arrangements gibt, wo Freunde so etwas unter sich ausmachen. Aber sobald die Medizin ins Spiel kommt, etwa, weil die Frau eine Eizellspende oder das Paar eine künstliche Befruchtung benötigt, werden auch Verträge aufgesetzt. Und dann bekommt das Ganze auch einen kommerziellen Charakter.

Aus welchen Gründen engagieren Paare eine Leihmutter?

Engagiert werden Leihmütter vor allem von Kinderwunschkliniken oder von Agenturen, die sich darauf spezialisiert haben. Leihmütter sollten idealerweise schon ein Kind auf die Welt gebracht haben, damit man auch weiß, dass die Frau prinzipiell in der Lage ist, ein Kind auszutragen und zu gebären. Und die Paare wenden sich dann an die Agenturen oder Kinderwunschkliniken und werden von ihnen vermittelt. Überwiegend handelt es sich bei ihnen um heterosexuelle Paare, bei denen die Frau aus medizinischen Gründen keine Kinder mehr austragen oder gebären kann. Oft sind das sehr schmerzhafte Erfahrungen, die Paare dazu bewegen, nach vielen vergeblichen Versuchen doch eine Leihmutter zu engagieren. Zunehmend erleben wir inzwischen aber auch, dass homosexuelle Paare oder alleinstehende Männer Leihmütter in Anspruch nehmen. Dass Frauen eine Leihmutterschaft in Auftrag geben, um eine Schwangerschaft auszulagern, kommt dagegen nicht so häufig vor. Natürlich hören wir von solchen Fällen immer wieder aus Hollywood, wo es schon ein wichtiges Motiv ist, den eigenen Körper nicht mit einer Schwangerschaft zu belasten. Ein aktuelles Beispiel wäre hier die Schauspielerin Amber Heard. Die hat kürzlich bekannt gegeben, dass sie Mutter geworden ist. Heard soll ihre Entscheidung für die Leihmutterschaft damit begründet haben, sie habe ein Kind zu "ihren Bedingungen" gewollt. Auch sei sie der Ansicht, dass man für ein Kind keinen Ehering brauchen sollte. Vielfach wird das jetzt als große feministische und selbstbestimmte Tat dargestellt. Wie selbstbestimmt die Leihmutter war, interessiert offenbar nicht.

Klingt, als hätten Kinder vor allem die Wünsche ihrer Eltern zu erfüllen?

Ich habe schon den Eindruck, dass Kinder zunehmend als eine Art Projekt gesehen werden, nicht nur im Rahmen der Reproduktionsmedizin. Auch insgesamt ist das eine Entwicklung, die sich beobachten lässt. Die Sicht, dass ich als erwachsener Mensch eigentlich alles dafür tun sollte, dass meine Kinder glücklich sind und es daher in erster Linie darum gehen muss, den Rechten und Bedürfnissen der Kinder gerecht werden, diese Sicht schwindet spürbar. Und dann geraten Kinder natürlich unter einen gewissen Erwartungsdruck, so als seien sie für das Glück der Erwachsenen verantwortlich, statt umgekehrt. Die Reproduktionsmedizin treibt diese Entwicklung gewissermaßen noch auf die Spitze, auch wenn Leihmutterschaft eine Möglichkeit ist, die sich vor allem wohlhabenden Menschen bietet. In den USA etwa kostet ein Leihmutterschaftspaket über 100.000 US-Dollar, das sind umgerechnet mehr als 85.000 Euro. In Indien ist das für 30.000, in Russland für 60.000 Euro zu haben. Bei diesen Angeboten können die Kunden mehrere Eizellspenderinnen und Leihmütter ausprobieren, bis es zur Geburt eines Kindes kommt. Das ist da alles inbegriffen. Auch kann ich mit Hilfe der Reproduktionsmedizin mir eher ein Kind "basteln", das meinen persönlichen Vorstellungen und Wünschen entspricht, zumindest wird das von den Anbietern so verkauft. Auch wenn das in dem Ausmaß und Umfang gar nicht möglich ist. Wenn man zum Beispiel ein Kind mit blonden Haaren und grünen Augen möchte, dann kann man zwar eine entsprechende Eizellspenderin wählen. Allerdings sollte man aus der Genetik wissen, dass bei dem Kind auch die Großmutter der Eizellspenderin durchkommen kann, die vielleicht ganz anders ausgesehen hat.

In Deutschland und Österreich ist Leihmutterschaft verboten. Nun hat aber das Europäische Parlament Mitte des Monats in einer Entschließung gefordert, dass "Geburtsurkunden in allen Mitgliedsstaaten unabhängig vom Geschlecht der Eltern anerkannt werden" müssten. Angenommen das Parlament findet Gehör, bedeutet dies nicht, dass Paare - gleich welchen Geschlechts - nationale Leihmutterschaftsverbote umgehen könnten? Weil Behörden in Österreich und Deutschland dann gezwungen wären, ein etwa bei einer spanischen Leihmutter in Auftrag gegebenes Kind auch anzuerkennen?

Eva Maria Bachinger

Natürlich passiert das dann und wäre auch ein Problem. Und klar ist auch, dass Paare, die ins Ausland fahren, dort ein Kind in Auftrag geben und eine Leihmutter engagieren, anschließend mit diesem Kind zurückkommen und hier erklären, das sei ihr Kind, und seine Geburtsurkunde anerkennen lassen wollen, den Behörden Probleme bereiten. Aber wenn das bei uns aus guten Gründen verboten ist, dann sollten solche Praktiken auch stärker kontrolliert und geahndet und zumindest mit einer Geldstrafe versehen werden. Natürlich ist das Kind dann da und hat Rechte, die beachtet werden müssen. Es bedarf dann zum Beispiel einer klaren Zuordnung zu den Eltern und natürlich braucht das Kind auch eine Staatsbürgerschaft. Aber dass dies ganz einfach und unbürokratisch gehen soll, das halte ich für falsch. Es müsste schon deutlich werden, dass ein solches Verhalten unerwünscht ist. Die ethische Botschaft, die ein nationales Verbot auch hat, die wird bei uns gar nicht mehr vermittelt. Natürlich geht es bei der Entschließung des EU-Parlaments nicht in erster Linie um Leihmutterschaft, aber die würde dadurch eben auch erleichtert. Ich würde mir wünschen, dass man stattdessen Adoptionen ein wenig vereinfacht. Ich höre das immer wieder von Paaren, die versuchen, ein Kind zu adoptieren: Da gibt es so viele Prüfungen und Auflagen zu erfüllen, was prinzipiell gut ist, weil es dabei ja meist um Kinder geht, die schon ein schwieriges Leben hinter sich haben und jetzt zu einer guten Familie kommen sollen. Und natürlich sind auch die Adoptionsverfahren der UN-Kinderrechtskonvention verpflichtet. Hier etwas zu vereinfachen, wäre aber auch eine Möglichkeit, Paare, die sich Kinder wünschen, nicht auf die Reproduktionsmedizin zu verweisen und Kindern, die schon da sind, die Chance zu geben, in einer guten Familie ein Zuhause zu finden.

Viele Menschen sind heute so mit Ausbildung und Karriere beschäftigt, dass sie, glaubt man Soziologen, die den Begriff der "verspäteten Familien" geprägt haben, ernsthaft erst dann an Kinder denken, wenn die "biologische Uhr" längst bedrohlich zu ticken begonnen hat. Muss nicht auch hier ein gesellschaftliches Umdenken einsetzen, das Paare davor bewahrt, in die Fänge der Fortpflanzungsindustrie zu geraten?

Frauen wird auf jeden Fall suggeriert, dass man Kinder heute auch später bekommen könne. Und wenn es dann auf natürliche Weise nicht klappt, könne man sich ja an die Reproduktionsmedizin wenden. Leider ist das Unwissen, was das dann wirklich bedeutet, sehr groß. Früher hieß das, was man heute Kinderwunschbehandlung nennt, Unfruchtbarkeitsbehandlung. Was eine interessante begriffliche Veränderung ist und darauf hinweist, dass Unfruchtbarkeit früher als medizinische Indikation behandelt wurde, während heute viele Paare gar nicht unfruchtbar waren, sondern erst wurden. Sei es, weil sie zu lange zugewartet haben. Sei es, weil der Kinderwunsch erst spät aufgetaucht ist, oder auch, weil man erst spät einen Partner kennengelernt hat, der auch Kinder will. Dass es dann nicht mehr so einfach ist, wie noch mit dreißig, lernen viele erst dann. Und auch dass eine reproduktionsmedizinische Behandlung kein Honiglecken, sondern eine enorme körperliche und seelische Belastung ist, weiß kaum jemand. Eine Belastung, nicht nur für die Partner selbst, sondern auch für ihre Beziehung. Manche zerbrechen daran auch.

Dagegen ließe sich was tun?

Wichtig finde ich, dass wir anfangen, Jugendliche darüber aufzuklären, wie lange sie eigentlich fruchtbar sind. Wenn ich sehe, wie viel an Schulen über Aufklärung und Verhütung gesprochen wird, dann wundere ich mich doch sehr, wie wenig Schüler eigentlich über Fruchtbarkeit wissen. Zugleich sollten wir uns noch mehr darum bemühen, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf - vor allem für Frauen - weiter voranzutreiben. Und vielleicht müssen wir auch deutlicher machen, dass ein Leben ohne eigene Kinder auch nicht gleich das Ende der Welt bedeutet.

Und das meint was?

Es gibt vielerorts doch immer noch eine sehr starke Verklärung von Familien mit eigenen Kindern. Das finde ich nicht richtig. Man kann Kinder adoptieren, man kann ein Pflegekindaufnehmen, man kann sich auch sonst in vielerlei Hinsicht für Kinder einsetzen und für Kinder da sein. Viele Eltern, die doppelt belastet sind, sind sicher auch froh, wenn es Menschen gibt, die da noch Energie frei haben. Wir sollten mehr in den Blick nehmen, dass auch ein kinderloses Leben ein erfülltes und sinnvolles Leben sein kann. Und wenn dies mehr gesehen wird, dann befreit dies auch von dem immensen Druck, der dadurch entsteht, dass Menschen suggeriert wird, sie seien erst dann erfolgreich und ein Leben erst dann perfekt, wenn man Karriere gemacht und eine Familie gegründet habe, Schönheitsidealen und anderem mehr entspreche. Anstatt ständig zu versuchen, all das zu erreichen, was man angeblich erreicht haben muss, um heute als erfolgreicher Mensch zu gelten, sollten wir mehr danach fragen, wie Leben gelingen kann.


Buchtipp

Eva Maria Bachinger: 
Kind auf Bestellung  Ein Plädoyer für klare Grenzen. 
Verlag Deuticke, Wien 2015. 256 Seiten. Broschur mit Klappumschlag, 19,90 Euro. E-Book: 15,99. Euro.

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