Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Kommentar um "5 vor 12"

Merz macht es auf wüste Weise

Friedrich Merz wird Kanzlerkandidat der Union und gibt sich maßvoll. Hendrik Wüst ist der Kanzlermacher und auch das Vorbild für den Wahlkampf.
Friedrich Merz und Markus Söder
Foto: IMAGO/dts Nachrichtenagentur (www.imago-images.de) | Zusammen mit Markus Söder trat der künftige Kanzlerkandidat der Union, Friedrich Merz, am Dienstag in Berlin vor die Presse.

Die Tage von Friedrich Merz als dem Mann der rhetorischen Schärfe sind vorbei. Denn jetzt beginnt der Wahlkampf. Friedrich Merz setzt schon seit Längerem auf die staatsmännische Attitüde. Zuletzt stellte er das gestern Abend in Essen unter Beweis. Zu Gast als Hauptredner beim Politischen Forum Ruhr von Stephan Holthoff-Pförtner, ehemaliger Anwalt von Helmut Kohl und in der NRW-CDU immer noch eine wichtige Figur, gab Merz in der Essener Philharmonie vor den Augen der politischen und wirtschaftlichen Elite an Rhein und Ruhr den Kanzler in spe: staatstragend in der Hoffnung, das Migrationsproblem schnell zu lösen, möglichst im großen Konsens, aber ohne Bereitschaft zu einer bloß halben Lösung.

Lesen Sie auch:

Schließlich betonte er: „Wir werden sachlich bleiben und nicht persönlich werden.“  Eine Generalprobe für seinen Auftritt wenige Stunden später am Dienstagmittag zusammen mit Markus Söder vor der Berliner Presse. Und wohl auch das Muster für das öffentliche Bild, das Friedrich Merz künftig als Kanzlerkandidat zeigen will. Dass die Premiere für den „Merz mit Maß“ ausgerechnet in Essen, also mitten im Wüst-Land, gefeiert wird, passt. Denn indem der nordrhein-westfälische Ministerpräsident gestern seinen Verzicht auf die Kandidatur bekanntgab, gleichzeitig deutlich seine Unterstützung für Merz durchscheinen ließ, ist Hendrik Wüst der eigentliche Kanzlermacher. 

Merz wäre wohl ein Übergangskanzler

Ob das neben dem Stil nun auch inhaltliche Auswirkungen hat? Pars pro toto steht hier die Grünen-Frage. Während Merz nur bekannte, nicht mit „diesen“ Grünen koalieren zu können, will Markus Söder grundsätzlich jedes Bündnis mit der Partei ausschließen. Merz will hier also mehr taktischen Spielraum offenhalten – Wüst dürfte das passen. Der Westfale kann auch deswegen relativ gelassen dem Sauerländer den Vortritt lassen: Merz wird im November 69, Wüst ist 20 Jahre jünger. Merz wird wohl ein Übergangskanzler werden. 

Der neue Merz ist auch gar nicht so neu. Seit er Parteivorsitzender ist, setzt er auf Integration und Mäßigung. Seine ureigensten Anhänger freilich hat er damit enttäuscht und wird sie in diesem Modus vielleicht auch nicht im Wahlkampf begeistern. Sie sollten aber nicht vergessen: Das konziliantere Auftreten ändert nichts an den Inhalten. Merz ist es gelungen, klare Schnitte zur Merkel-Zeit zu ziehen. Das zeigt sich jetzt vor allem in der Migration. Übrigens: Auch Hendrik Wüst vertritt hier eine klare Position, nur eben „mit freundlichem Gesicht“ (Angela Merkel).

Ob Merz diesen Nettigkeits-Modus bis zum Schluss durchhält? Man kann davon ausgehen, er legt den Säbel nicht vollkommen ab. Er hat ihn noch am Gürtel hängen und vielleicht gibt es noch eine Situation, wo er ihn ziehen muss. Vielleicht, wenn sich der Streit um den § 218 zuspitzt? Wahrscheinlich eher nicht. Aber man kann sich ja überraschen lassen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Angela Merkel Friedrich Merz Helmut Kohl Markus Söder

Weitere Artikel

Das Scheitern von Friedrich Merz im ersten Wahlgang war kein Betriebsunfall. Doch die Union geht nur auf die Linkspartei zu, gegenüber der AfD steht weiter die Brandmauer. Das hat Folgen.
07.05.2025, 15 Uhr
Sebastian Sasse
Die Israel-Politik ist nur das Tüpfelchen auf dem i: Mit seinem Regierungsstil verstört der Kanzler Partei und Anhänger. Zufrieden kann die SPD sein. Ist sie die heimliche Kanzlerpartei?
11.08.2025, 11 Uhr
Sebastian Sasse
Kann Olaf Scholz doch nochmal Kanzler werden? Hat taktisches Wählen Sinn? Welche Koalitionen sind realistisch? Einige Überlegungen für Unentschlossene.
20.02.2025, 19 Uhr
Jakob Ranke

Kirche

Beim Empfang für die auswärtigen Diplomaten bemängelt der Papst die Meinungsfreiheit im Westen und übt scharfe Kritik an der wachsenden „Kriegslust“.
14.01.2026, 11 Uhr
Giulio Nova
Prominente Redner, beeindruckende Musikacts und inspirierende Zeugnisse: Die MEHR-Konferenz 2026 überzeugt mit ihrer Vielseitigkeit. Ein Besuch bei den „hippen Missionaren“ in Augsburg.
13.01.2026, 16 Uhr
Marika Bals
Das neue Jahr beginnt mit dem päpstlichen Segen: Ein Blick hinter die Kulissen der Privataudienz der „Tagespost“ und des „Neuen Anfangs“ bei Papst Leo XIV.
13.01.2026, 15 Uhr
Franziska Harter
Abrechnung mit Franziskus: Der Hongkonger Kardinal Joseph Zen ließ bei dem Kardinalstreffen in Rom offenbar kein gutes Haar am Synodalen Prozess des verstorbenen Papstes.
13.01.2026, 10 Uhr
Meldung
Die Krippendarstellung in einer Stuttgarter Christmette habe „Irritation, Unverständnis und Ärger ausgelöst“ und werfe Fragen nach liturgischer Verantwortung auf.
13.01.2026, 09 Uhr
Meldung